Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 344 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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der Vorfahren die letzte Zufluchtsstätte der Ghettobewohner, - dann mußte dieser Friedhof Platz hergeben, um die Opfer barmherzig aufzunehmen. Viele von denen, die hier schlummern, empfingen lieber den Todesstreich, als sich durch feige Fahnenflucht die äußere Freiheit zu erkaufen. Jedoch nur selten ist von solchem Märtyrertum aus den Grabsteinen zu lesen: . es hätte ein solches Hervorheben im Widerspruch gestanden zu jener befreienden Auffassung, die auch in allem Leid ein Walten der Vorsehung erblickt, dessen demütige Hinnahme nicht als besonderes Verdienst erwähnt zu werden braucht. Im allgemeinen haben diese Inschriften einen einfachen Wortlaut, der hauptsächlich die Abstammung des Toten genau verzeichnet. Fast immer aber wird von Werken der Nächstenliebe und. vom Studium der Geisteslehre berichtet, den Lichtquellen, die Helle und Poesie in dem düsteren Ghetto verbreiteten, die alle Schrecken des äußeren, armseligen Lebens und des Todes vergessen ließen und mit belebender Hoffnung auf eine freundlichere Zukunft erfüllten. Ein altes hebräisches . Wort nennt den Friedhof „Haus des Lebens"; so scheinen auch die Blütenpracht und die Morgensonne, welche die Inschriften der altersgrauen, unter Strauchwerk fast versteckten Grabsteine in die richtige Beleuchtung versetzen, in der sie entziffert werden können, einheitlich die wahren Symbole dieser Stätte zu sein. Hinter der südlichen Grenzmauer des Friedhofes erheben sich, eng Zusammenstehend, einige kleine, mit Schiefer umkleidete, niedrige Häuschen, die ehemaligen Spitalhäuser der Juden. Sie entbehren jeder architektonischen Kunstform, und dennoch bieten sie zusammen mit den an dieser Stelle besonders dicht gewachsenen Holunderbüschen, mit der altertümlichen Mauer und den eingesunkenen Grabsteinen einen Anblick von so hohem malerischen Reiz, wie er nur selten, nicht nur in Frankfurt, sondern auch anderwärts, angetroffen werden dürfte. Spital und Friedhof lagen nahe beisammen; dort leisteten die Judenärzte den Kranken Hilfe, und hier waltete der größte Arzt, der alle Leiden heilt. Noch bis zum heutigen Tage sind diese sauber gehaltenen Häuschen im Besitze der jüdischen Krankenkassen, natürlich dienen sie längst nicht mehr als Krankenhaus. Glücklicherweise sind sie von Umbauten verschont geblieben, auch ist volle Gewähr vorhanden, daß die jetzigen Besitzer sie pietätvoll erhalten und kommenden Zeiten überliefern werden. Sie stimmen in ihrer Einfachheit vortrefflich zu dem schlichten Friedhof; von diesem ans gesehen,^ ist an jener Stelle ein unverfälschtes Bild vergangener Zeiten lebendig geblieben. Solange der Holunder blüht, wollen wir beim Umherwandern auf dem Friedhof die künstlerischen Einzelformen der Steine nicht näher studieren. Von diesen und auch von dem Wirken des Komitees, das zur Erhaltung des unersetzlichen Alt-Frankfurter Kunst- und Kulturdenkmals vor nunmehr vier Jahren zusammentrat und seitdem in der Stille emsig und erfolgreich gearbeitet hat, sei ein andermal berichtet. Heute sollten alle diejenigen, die den alten Judenfriedhof noch nicht kennen und die der Erhaltung unserer vaterstädtischen Bau- und Kunfldenkmäler Interesse entgegenbringen, zu einem Besuche angeregt werden. Viele aber von denen, die zum erstenmal die vielfältigen Eindrücke dieses merkwürdigen, wie in ewigem Traume liegenden Ortes in sich aufnahmen, werden beim Hinaustreten auf dem Börneplatz, wo sie das Getriebe des Alltags wieder umgibt, vielleicht unbewußt sich selbst befragen: wo weilten wir? Wir Emanzipation Lrr Inden in England. Von Dr. M. Heim. I. ' enn wir sehen, wie heutzutage im Lande der konstitutionellen Freiheit und der Konfessionellen Vorurteilslosigkeit, in England, die Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, im Staate, in der Gesellschaft, in der Rechtspflege, in der Armee und Marine usw.. nicht allein eine hochgeachtete Stellung einnehmen, sondern auch mit den Andersgläubigen in jeder Beziehung gleichgestellt sind, erscheint es fast wie ein Märchen aus alten Zeiten, daß diese Judenemanzipation erst ein halbes Jahrhundert alt ist und daß die letzten Schranken, die die Juden von den Christen in staatsbürgerlicher Beziehung trennten, erst vor 50 Jahren beseitigt wurden. Am 21. Juli 1858 war der denkwürdige Tag in der Geschichte des englischen Judentums, daß das Oberhaus die Emanzipationsbill annahm und mit ihr all den reaktionären Versuchen, das Rad der Weltgeschichte in seinem Laus zu hemmen, ein für allemal ein Ende machte. Volle 350 Jahre vergingen, ehe die Juden nach ihrer Verbannung unter König Eduard I. wieder etliche Versuche machten, sich in England niederzulassen. Erst als die königliche Autorität erschüttert wurde und Karl I. von England im Kampfe mit dem Parlament Thron und Leben verlor, wagten sie sich wieder hervor und suchten dort Fuß zu fassen. Wir wissen, daß der Fürsprecher der Juden zu jener Zeit der berühmte portugiesische Jude Manasse ben Israel, der in Holland lebte, war. Dieser hervorragende Gelehrte und Philantrop unterhandelte mit dem Lordprotektor Oliver Cromwell zum Zwecke der Aufhebung des Verbannungs- Dekrets. 1650 richtete er eine Eingabe an das sogenannte „lange" Parlament um Wiederaufnahme der Juden in England, sowie um die Erlaubnis, öffentliche Synagogen zu errichten und in ihnen zu beten, einen Begräbnisplatz anlegen, Freihandel treiben und den Schutz der Gesetze genießen.zu dürfen. Bald darauf widmete er dem Parlament seine berühmt gewordene Schutzschrift „Lsperaura de Israel“ (Die Hoffnung Israels), die ein Jahr später auch ins Englische übersetzt wurde. Manasse ben Israels Gesuch erhielt im Parlament die Unterstützung zweier volkstümlicher Mitglieder desselben, der Puritaner Hug Peters und Harry Martin. Ersterer war sechs Jahre Pastor in Holland und Manasse ben Israel persönlich bekannt. Als die Verhandlungen zu keinem Ziele führten, kam Manasse ben Israel selbst nach London, um die Angelegenheit seiner Glaubensgenossen mit Nachdruck zu betreiben. FünfWochen nach Manasse ben Israels Ankunft rief Cromwell eine Konferenz zur Lösung der Judenfrage zusammen. Diese bestand aus Richtern, Theologen und Kaufleuten, und wohnte der Beratung auch Manasse bei. Der Lordprotektor sprach für ihre Wiederzulassung und verteidigte sie in warmen Worten, die gegen sie erhobenen Beschuldigungen aufs entschiedenste zurückweisend. Doch hatten auch diesmal die Beratungen kein greifbares praktisches Ergebnis. Denn keine öffentliche und gesetzliche Maßregel wurde ergriffen, um das Verbannungsdekret aufzuheben. Die öffentliche Meinung in England zeigte sich so judenfeindlich, daß wohl aus diesem Grund der Lordprotektor es nicht wagte, seiner philosemitischen Gesinnung die Tat folgen zu lassen. Gegen die Schmähungen, Verdächtigungen und Verleumdungen der Fanatiker veröffentlichte Manasse ben Israel seine berühmte Schrift „Rettung der Juden" (London 1656). ‘