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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 343 (sequence 9)
Language
German
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Hause ein Herr, der sich Edler von Stransky nennt; man sagt ihm nach,- daß seine Vorfahren näher dem Jordan, als dem Teutoburger und Böhmer-Walde standen. Er freilich leugnet es und Protzt > mit seinem deutsch-radikalen Antisemitismus. Man könnte ihn zwar nicht als Heerrufer, aber als Zwischenrufer des Parlaments bezeichnen. Der Mann leistete sich während der Rede eines jüdischen Abgeordneten die kaute Zwischenbemerkung: „Die Majorität des Parlaments ist Gottlob antisemitisch." Wir wollen dazu bemerken, leider - hat er recht. Täuschen wir uns darüber nicht. Mitgliedern des deutschnätionalen Verbandes, die sich vor der Abstimmung über den Antrag Schmid entfernten, machte der edle Stransky zum Vorwurfe, es hätte ihnen au Mut gefehlt. Und gehört nicht ein traurigerer Mut dazu, aus mechanischem Wege die Zahl der jüdischen Mittelschüler zu vermindern? Hat man uns durch eine grausame, unmenschliche Politik von gewissen Gebieten verdrängt, dann ist es noch unmenschlicher, jungen Leuten den Lebensweg, den sie nun einmal gehen müssen, zu erschweren. Wenn demnach in diesem Volksparlamente so wütend auf uns Juden losgeschlagen wird, ist es notwendig, daß die jüdischen Abgeordneten, welcher Richtung auch immer sie angehören mögen, sich enge zusammenschließen und der scharfen Tonart die noch schärfere entgegenhalten. Wir hörten auch — und das ist das Erfreuliche in dem Dunkel und der Düsternis, die uns umgeben — manch kräftiges Wörtlein aus dem Munde unserer Abgeordneten. Die Führerschaft aber gebührt hier'dem wackeren und tapferen Dr. Strauch er, dem Abgeordneten der Bukowina, welcher der richtige Mann auf dem richtigen Platze ist. Umtosten ihn auch während seiner Budgetrede die Zwischenrufe der Christlichsozialen und Deutsch-Radikalen, die sich immer finden, wenn es gilt, gegen die Juden loszuziehen, er hielt ihnen stand und wies die vergifteten Worte mit den scharfen Pfeilen seiner Rede zurück. Er blieb dem famosen Herrn Schmid nichts schuldig, indem er ihm nachwies, wie gefährlich sein Antrag werden könnte, wenn man ihn auf andere Nationalitäten, z. B. auf die Deutschen anwendete, er brachte aber auch der Negierung den Artikel XVIII unserer Staatsgrundgesetze in Erinnerung, der lautet, „daß es jedermann freisteht, seinen Beruf zu wählen, sich für diesen auszubilden, wie und wo er will". Mag es demnach auch in unseren Gemeinden recht stille zugehen und immer stiller werden, es kann für uns ein Trost sein, daß unsere Abgeordneten wachen und unseren Gegnern als stets wohlgerüstete Kämpen sich entgegenstellen. So ist die Rede Strauchers während der Budgetdebatte geradezu als eine Tat für uns zu bezeichnen. Schmid und Genossen wurden diesmal noch in die Flucht geschlagen, und wenn wir uns im Hinblick aus die Gestaltung unserer Zukunft pessimistischen Ahnungen hingeben wollen, dann trösten uns anderseits die Gedanken, daß die Sache des Judentums in den Händen tüchtiger Männer ruht, die laut ihre -Stimme erheben, wenn man uns angreift und wie ehemals falsche Anklagen gegen uns richtet. Iwri. Auk dem alten Iudenkriedhuk in Frankfurt. 'Von Dr. Julius Hülsen-Frankfurt a. M. ^»-ür jedes Bauwerk, jeden Platz', für Straßen und Gäßchen \J läßt sich eine ganz besondere Natnrftimmung entdecken; welche die günstigste und tiefste Wirkung hervorruft, und in der unser künstlerisches Empfinden am meisten Anregung und Befriedigung findet. Der schaffenden Natur stehen herrliche und unbegrenzte. Mittel zu Gebote, um ungerufen, im gegebenen Augenblick das Werk von Menschenhand in seinem äußeren und inneren Wesen zu steigern. Solche Höhepunkte der künstlerischen Erscheinung werden nur jenen offenbar, die eine längere, vertrautere Bekanntschaft mit den Baudenkmälern ihrer-Umgebung geschlossen haben. , Nur wenige werden es wissen, daß gerade in diesen Junitagen im alten Frankfurt einem Denkmal diese höchste Vollendung von der Natur verliehen worden ist, einem Denkmal einzigartig unter seinesgleichen, umwoben von schicksalsreichen, vielhundertjährigen Erinnerungen und ausgezeichnet durch künstlerische Einzelheiten — dem alten Judenfriedhofe am Börneplatz. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an bis zu seiner Schließung im Jahre 1828 war er ununterbrochen in Benutzung. Hinter der schmucklosen, altertümlichen Friedhofsmauer erheben sich über 7000 Grabsteine, sämtlich von einheitlicher, länglich schmaler Grundform, bedeckt mit hebräischen Inschriften und geschmückt mit maßvoll verwendeten, flach gemeißelten Ornamenten. Einige kaum sichtbare, schmale Fußpfade führen durch das weitausgedehnte, hügelig gewellte Gebiet, das ganz von üppig wildwachsendem Pflanzenwuchs erfüllt ist, .der sich mit den aufrechten und den zusammengesunkenen Steinen fast an jeder Stelle zu immer neuen malerischen Bildern vereinigt. Wohl zu jeder Jahres- und Tageszeit wird man hier ungeahnte, fesselnde Eindrücke empfangen und sich dem unsagbaren Zauber dieser friedlichen Stätte ergeben. Wer aber diesen Friedhof in seiner schönsten Verklärung schauen will, der eile jetzt dahin, denn jetzt hat die Natur dort ein Meisterwerk geschaffen, hat die weißen, flachen Dolden des Holunders in verschwenderischer Fülle entfaltet, und unter der strahlenden Morgensonne versetzt uns dieses milde, feiertägliche Leuchten der Blütenpracht in die wahre Grundstimmung; die diesem gewaltigen Kulturdenkmal innewohnt, denn hier herrscht keine todestraurige Monumentalität. Keine düsteren Symbole der Lebensverneinung, welche die neueren Friedhöfe mit ihrem oft starren Prunk manchmal unerträglich stimmen, drängen zu jenen trüben, schwermütigen Friedhofsgedanken, vor denen so viele eine unbestimmte Scheu hegen. Wer diesen alten Friedhof durchschreitet, wird von solchen quälenden Mahnungen frei bleiben. Eine Stimme der Tröstung scheint hier leise zu uns zu dringen, jener Tröstung, welche eine Antwort auf die große Nätselsrage des Lebens ist. Keine Grenzeinfassung trennt die Gräber voneinander; alle Steine stehen dichtgedrängt, gemeinsam auf demselben grünen Plan. Die Enge des Ghettos hatte die Lebenden aneinander geschlossen, so blieb es auch bei den Toten. Da der Friedhof nicht erweitert werden durfte, mußte der Boden wiederholt aufgehöht werden, damit in der neuen, oberen Schicht weitere Beerdigungen stattfinden konnten. Die Grabsteine der unteren Schichten wurden dann jedesmal in die Höhe genommen, um pietätvoll die Grabstätte kenntlich zu erhalten. So kommt es, daß auf dery schmalen Geviert eines Grabes oft mehrere Steine Platz finden mußten. Auf ähnliche Weise mußten sich die Lebenden im Ghetto zu helfen suchen; sie durften, um Raum zu gewinnen, ihren Häusern ein Stockwerk mehr, als es sonst durch das Frankfurter Baugeseh gestattet war, aufsetzen. Durch die harten Stättigkeitgesetze, die der Rat der Stadt den Juden vorschrieb, war es nämlich gekommen, daß eine einzige Hausfront stellenweise eine Gesamtbreite von nicht mehr als nur zweieinhalb Meter, oft nicht mehr als etwa dreieinhalb Meter auszuweisen hatte. Viel Mühsal und bitteres Schicksal deckt dieser Boden. Wenn die Judenverfolgungen tobten, dann waren die Gräber

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