Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 342 (sequence 8)
- Language
- German
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X*4 5 :v;t.i Festtage durch den Bundesrat hingewirkt werden. Diese gesetzgebende Körperschaft vertritt dabei den sehr beachtenswerten Standpunkt, daß einem jüdischen Kaufmann die Ausübung einer geschäftlichen Tätigkeit an.einem hohen jüdischen Festtage nicht zugemutet werden darf und daß er eine berufliche Wirksamkeit an einem solchen Tage tatsächlich nicht entfaltet. Brief aus Delterreich. Anfang Juli. ie stille Zeit kommt. Es nahen die ominösen drei Wochen, zwischen dem in der Mischna so schwarz angestrichenen 17. Thamus und dem 9. Ab, in denen man sich in unseren Synagogen mit Kräften zweiten Ranges begnügen muß, denn die erster Güte weilen in den See- und anderen Bädern, während wieder andere im Gebirge zwar keine „Kinoth" sagen, ^aber sehr fern von den Geschäften ein beschauliches Dasein führen. Fluchtartig entfernen sich Vorstände, Rabbiner, Ober- Kantoren aus ihren Gemeinden und überlassen diese dem letargischen Schlafe, in den sie versunken sind. Es wird eines kräftigen Ausrüttelns bedürfen, um sie zu ihrer etwas trägen Tätigkeit wieder zu beranlassen. Nicht so still geht es in unserem Parlament zu. Dieses befindet sich — in dieser heißen Sommerzeit ist es auch nicht * anders möglich — in hitziger, fieberhafter Arbeit. Die langwierige Budgetverhandlung wurde nach zahl- und endlosen Sitzungen ihrem Ende zugesührt. Um zwei Uhr nachts, vom 26. auf den 27. Juni, wurde die denkwürdige Sitzung ge° schlossen, in der das Budget zu Ende beraten wurde. Noch gab es wütende Kämpfe zwischen den Sozialdemokraten, dem berü — hmten Grafen Sternberg und den Christlichsozialen zu bestehen. Und eine für die Juden bedeutsame Schlacht wurde geschlagen, in welcher, wir gestehen es offen, die res iuäaioa einen Pyrrhussieg davontrug. Man stimmte nämlich in dieser Sommernacht, die so heiß über allen Kreaturen lag, über die Resolution Schmid ab, welche „die Regierung auffordert, Erhebungen darüber zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern einigermaßen in Einklang zu bringen sei mit den wirklichen Bevölkerungsziffern". Es wurde über diesen russischen Resolutionsantrag namentlich abgestimmt und — mit 206 gegen 162 wurde er abgelehnt. 205 gegen 162, das gibt eine Majorität von 43, sage und schreibe 43 Stimmen. „Lebhafter Beifall und Händeklatschen" verzeichnet der Sitzungsbericht. Aber er zeichnet ferner getreulich auf: „Lebhafter Beifall und Rufe bei den Christlichsozialen: 162, es werden schon noch mehr werden." Ein zitterndes Bangen erfüllt uns ob dieser Voraussagung. Wie sich die Verhältnisse bei uns entwickeln, befürchten wir sehr, daß die Ahnungen des Pessimismus, der uns nicht verlassen will, sich leider erfüllen werden. Die Juden studieren den Bielohlaweks und Schmids zuviel. Ein Bielohlawek braucht "sich seinen Kopf allerdings nicht zuviel anzustrengen, und er kann doch eine Parteigröße und Inhaber vieler gut dotierter Aemter werden. Was soll aber der in nicht so guter Lage sich befindende jüdische Familienvater mit seinen Söhnen tun? — Soeben kommen wir von den Verhandlungen eines jüdischen Parteitages. Wir hörten hier eine Rede des jüdischen Abgeordneten Dr. Mahler, eines der eifrigsten Vorkämpfer unserer Sache. Er entwarf ein äußeres Bild unserer Verhältnisse, begnügte sich aber damit nicht, vielmehr-zählte er die Mittel auf, wie dem kleinen jüdischen Geschäftsmann, dem Krämer, dem Gewerbsmann aufgeholfen werden könnte. Gründung von Vorschußkassen zur Erleichterung des Kredits, Errichtung von Versicherungsgesellschaften, von Internaten, um dem jüdischen Familienvater die Mittel zur Heranbildung seiner Kinder zu gewähren, wurden von ihm als wirksame Waffen angeführt für den schweren Kamps, den wir zu führen haben. Wenn nur die großen Massen aus ihrer Gleichgültigkeit erweckt werden könnten! Aber wie sieht es auf diesen Parteitagen aus! Da kommen die Delegierten zusammen, die in der opferwilligsten Weise Zeit und Mühe darauf verwenden, für ihre Volksgenossen sich zu sorgen, zu arbeiten und zu reden, aber alle diese Versammlungen verlaufen unter der stumpfen Teilnahmslosigkeit . der Menge, der Führer und Geführten. Wie ganz anders x\t% wenn die Sozialdemokraten ihre wichtigen Angelegenheiten, ihre große Sache verfechten. Da strömen sie alle zusammen, groß und klein, Männer, Weiber, Greise. Darum glauben wir es den Christlichsozialen aufs Wort, daß bei der Entwicklung der Dinge, wie wir sie zu beobachten Gelegenheit haben, die Zeit nicht fern ist, in welcher man auch die Schüler kontingentieren wird. Einzelne Männer vermögen zwar durch die Kraft ihres Wortes viel, aber ihre Stimmen verhallen, wenn die Menge gleichgültig zusieht, wie man ihr die wichtigsten Rechte nehmen will. Gegenwartspolitik, das ist das große Wort, welches uns jetzt voranleuchten muß. Der Abgeordnete Mahler hat auch auf dem Parteitage sehr richtig bemerkt, die Juden studieren nicht allein aus Bildungstrieb. Zwar ist dieser — und das ist eines unserer alten Vermächtnisse — stets ein großer gewesen; wenn aber heute der jüdische Vater sein Kind studieren läßt, so tut er dies auch aus dem Selbsterhaltungstriebe, er will seinem Kinde die Zukunft sichern, denn mit dieser Zukunft sieht es traurig aus. Wer kann alle die Stellen aufzählen, die heute dem Juden verschlossen sind? Wie traurig sieht es zum Beispiel im Aerztestande aus? Der Chef unseres Militärärztestandes schließt - grundsätzlich die Juden aus dem Korps der Militärärzte aus. Als Gemeinde - Bezirks - Distriktsarzt kommt der Jude schwer oder gar nicht unter. — Von den Gemeindeämtern sind sie ganz ausgeschlossen. Richter kann der Jude nicht werden, die Pforten der Bezirkshauptmannschaften, Statthaltereien, Auditoriate .sind ihm versperrt. Darum wenden sich die Juden den technischen Fächern, dem Kaufmannsstande, den Industrien zu, und erwerben sich Bildung, um es hier weiter zu bringen. Einem Grafen. Thun allerdings ist es leicht, zu reden; er und seine Standesgenossen wissen es nicht, was es heißt, den schweren Kampf zu führen, der mit den Worten bezeichnet wird: „Es tut not, zu leben." Und nun kommt ein Abgeordneter und heckt in einer finsteren Stunde den Plan aus, den Juden auch das Studium zu erschweren. Ein teuflischer Plan, in der Tat! Ein Plan, der darauf ausgeht, den Juden den Boden unter den Füßen zu entziehen. Wir wollen auch etwas für das Kind tun, indem wir es lernen lassen, damit es seiner Zukunft ruhigen Herzens entgegensehen kann. Darum ist die Bedeutung der Abstimmung über den Antrag Schmid eine nicht zu unterschätzende. Nur 43 der anwesenden Abgeordneten waren dagegen. Sehr viele hatten sich entfernt, weil sie doch den traurigen Mut nicht besaßen, Kindern das geistige Brot zu rauben, dieses moderne Oesterreich dem finsteren Rußland gleich zu stellen und dem Fürsten Liechtenstein zu einem Siege zu verhelfen. Haben wir aber das Recht, von einer viotrix eausa zu sprechen und uns dieses Sieges zu erfreuen? Da ist in unserem Abgeordneten-