Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 340

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 340 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228828--64702-3276778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

in der Eile und in einem ungünstigen Moment angenommen worden sind, wie es in der parlamentarischen Praxis oft vorkommt. Zum Schluß bemerkt Herr Nisselowitsch, die Gerechtigkeit der jüdischen Forderungen sei so evident, daß man von der dritten Duma die Anerkennung der elementaren Rechte verlangen könne. Er ist sicher, daß es mit Hilfe der Opposition im schlimmsten Falle noch gelingen wird, eine Abschaffung mancher wichtigen Beschränkungen in der Duma durchzuführen. Wie schön wäre es, wenn wir diese Hoffnungen teilen könnten! * Zu welch törichten Plänen die nationalistischen Hirngespinste im modernen Judentum führen, zeigt der in England allen Ernstes gemachte Vorschlag, ein eigenes jüdisches Detachement in der Territorialarmee zu bilden. Der Chief Rabbi of England, Dr. Hermann Adler, wandte sich mit Recht gegen diesen abenteuerlichen Plan, indem er darauf aufmerksam machte, daß die Juden in allen Waffengattungen des englischen Heeres bereits stark vertreten sind. Dr. Adler sagte: „Es ist durchaus unwahr, daß die Juden in militärischer Beziehung gleichgültig seien. Meine Berichte über das Jahr 1907 ergaben, daß sich in der Flotte und in der regulären Armee nicht weniger als 60 jüdische Offiziere, und in der Yeomanrh und den Volunteers mehr als 100 Offiziere und über 800 Mann jüdischen Glaubens befanden. Die Juden stellen einen weit höheren Prozentsatz zu der Armee als die übrige Bevölkerung. An dem südafrikanischen Kriege nahmen nicht weniger als 3000 jüdische Soldaten in der regulären Armee und in den Hilfstruppen teil. In der Zentralshnagoge wurde ein Denkmal enthüllt für 116 jüdische Soldaten, die im Kriege ums Leben kamen. Der Vorschlag, ein Londoner jüdisches Regiment zu bilden, wird bei uns auf heftigsten Widerstand stoßen, weil wir ernstlich wünschen, in andere Regimenter ausgenommen zu werden, und nicht als ein abgesondertes Regiment zu dienen. Der englische Jude ist außerordentlich bestrebt, die Privilegien und die Pflichten des Reiches zu teilen, dessen Bürger zu sein er stolz ist." * Ueber den kürzlich verstorbenen Präsidenten Grover Cleveland können die Juden in Amerika nur Gutes sagen. Cleveland hatte zum Gesandten in Wien einen gewissen Keileh ernannt, der aber von der österreichischen Regierung abgelehnt wurde, weil er mit einer Jüdin verheiratet war. Indem aus diesem Anlaß an den Kongreß von dem Staatssekretär Bayard erstatteten Bericht heißt es: „Der Präsident glaubt nicht, daß zu einer solchen, die Religions- und Gewissensfreiheit vernichtenden Theorie wie Praxis, die jeder Weitherzigkeit ermangelte und entgegen dem Geiste des Zeitalters ist, in welchem wir leben, die große Familie der zivilisierten Völker auch nur für einen Augenblick sich bekennen kann oder daß gestattet werden darf,, daß sie Einfluß habe auf ihren diplomatischen Verkehr? Ganz gewiß aber wird sie nach meiner Ueberzeugung niemals vom amerikanischen Volk anerkannt oder von einer Regierung berücksichtigt werden, die die Gefühle des amerikanischen Volkes repräsentiert." Das war im Jahre 1885. Zwei Jahre später ernannte Cleveland aus Befürwortung von Karl Schurz und von dem berühmten Geistlichen Hary Ward Beecher den jetzigen amerikanischen Handelsminister Oskar Straus zum amerikanischen Gesandten in Konstantinopel. Auch nachdem Cleveland in das Privatleben zurückgetreten war, trat er wiederholt für die Juden ein. Auf dem in New Aork abgehaltenen Entrüstungsmeeting aus Anlaß derKischinewer Greuel sagte Cleveland unter anderem: „Jedes menschliche Gefühl in Amerika ist entsetzt über das mörderische, barbarische und nach jeder Richtung hin empörende Attentat aus die Juden in Rußland. Als Mitglieder der Menschheitsfamilie, als Bürger eines freien Landes sind wir hier versammelnden Empfindungen Ausdruck zu geben, die jeden wahren Mann beseelen, jeden Amerikaner, der dieses Namens würdig ist. Ich bür entschieden und ganz unzweideutig der Ansicht, daß wir unsere Regierung in nicht mißzuverstehenden Ausdrücken in Kenntnis setzen müssen von unserer tiefen Entrüstung über die vorgekommenen Judenmetzeleien in Rußland . . . Unsere. Staatsdiener sollten uns sprechen hören . . . Möge das' Volk der Vereinigten Staaten in jedem Teile-des Landes sich in solchen Versammlungen wie diese zusammentun und furchtlos der zivilisierten Welt erklären^ daß es gegen jede vermeintliche Zivilisation protestiere, die mittelalterliche Verfolgungen gestattet, gegen jeden bigotten Glauben, der religiöse Duldung und Gewissensfreiheit nicht zuläßt, gegen jede falsche Aufklärung, die Haß und Grausamkeit gegen irgendeine Menschenrasse verteidigt und gegen jede Art von Regierung, die irgendein menschliches Wesen des Rechtes beraubt, in Sicherheit zu leben und in Frieden zu arbeiten." - Bei der Feier des 250 jährigen Jubiläums. der jüdischen Ansiedlung in den Vereinigten Staaten war Cleveland einer der Hauptredner. „Es ist Zeit," sagte er, „rückhaltlos anzuerkennen, daß die Duldung und Gleichberechtigung, die den Juden in den Vereinigten Staaten zugestanden worden sind, reichlich dem Lande vergolten worden sind. Und wenn wir die Rechnung aufmachen, wollen wir nicht unterlassen zu ihren Gunsten zu vermerken, daß sie uns Gelegenheit geben, durch gesunde Uebung den Geist weitherziger Gerechtigkeit und Rücksicht zu stärken, den wir, solange wir uns selbst treu sind, unerschütterlich erhalten müssen als ein unsere Nationalität auszeichnendes Merkmal." Bemerkt sei noch, daß Cleveland im Jahre 1897 durch sein Veto die in der Hauptsache gegen die jüdischen Einwanderer gemeinte Vorlage zu Falle gebracht hat, nach welcher die Einwanderer einer Bildungsprüfung unterworfen werden sollten. Es gehörte viel Mut und Ueberzeugungstreue zu einem solchen Schritt; denn der Entwurf war im Repräsentantenhause mit 195 gegen 26 und im Senate mit 52 gegen 10 Stimmen angenommen worden. Die Begründung seines Vetos war so meisterhaft, daß seitdem ein ähnlicher Vorschlag keine Aussicht auf Erfolg hat. . Der Legrikk „Feiertag" im Lrletz. Von Dr. Max Wittenberg, Syndikus in Hamburg. den Ausführungsbestimmungen eines der für das wirtschaftliche Leben wichtigsten und am heißesten umstrittenen neuen Reichsgesetze, nämlich des Börsengesetzes vom 8. Mai 1908, findet, sich — ein hoch einzuschätzender Kulturfortschritt — die Anerkennung jüdischer Festtage und ihre Gleichstellung mit den „staatlich anerkannten allgemeinen Feiertagen" für bedeutungsvolle Handlungen ausgesprochen. Der Begriff „Feiertag" steht in der Reichs- und einzelstaatlichen Gesetzgebung keineswegs fest. In den Reichsgesetzen würden wir vergeblich nach einer Erklärung oder gar einheitlichen Festsetzung fahnden. Sie zu treffen, wäre schon deshalb unstatthaft, weil den Landesgesetzen die Bestimmung, was ein Feiertag sei, Vorbehalten geblieben ist. Daraus ergibt sich die Buntscheckigkeit der in den verschiedenen Landesteilen geltenden Bestimmungen. Einige Bundesstaaten haben besondere Gesetze erlassen, um jeden Zweifel über die Feiertagseigenschast bestimmter Tage auszuschließen. Es genügt nicht, daß die Sitte und Gewohnheit als maßgebend angesehen wird. Denn an die unantastbare Anerkennung von Feiertagen knüpfen sich die ernstesten Rechtsfolgen; da wäre die Unsicherheit in der Auffassung unstatthaft; sie würde zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.