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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 339 (sequence 5)
Language
German
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»W wm 339 Versammlung in der Provinz Posen —, Berlin, Weidmannsche Buchhandlung 1907" A. 115 ausgeführt: Die Frage sei zu beschränken 1/betreffs der polnischen^ Schüler, 2. auch die jüdischen Schüler seien nicht zu berücksichtigen, da bei ihnen von einem Heimatsgefühl nicht gesprochen werden könne — das wurde unter anderem begründet durch die Leichtigkeit, mit der die jüdische Bevölkerung ihren "Heimatort aufgebe und nach dem Westen abwandere, wenn Gründe materiellen Vorteils vorliegen. Was bei der jüdischen Bevölkerung als Heimatgefühl gedeutet werde, sei im besten Falle Familiengefühl. Wie kaum angeführt zu werden braucht, liegt in diesem Vorwurf, die Juden hätten kein Heimatgefühl, eine schwere Kränkung der jüdischen Bevölkerung, gegen die wir Stellung nehmen müssen. Selbst wenn der Vorwurf richtig wäre und die Juden wirklich kein Heimatgefühl hätten, so wäre es doch die Schuldigkeit eines gewissenhaften Lehrers, den Schülern dieses Heimätgefühl anzubilden und sie dazu zu erziehen. Das ist doch sicherlich in erster Reihe -seine Pflicht, der er sich gar nicht entziehen kann oder darf. Es muß doch jedenfalls ein Versuch gemacht werden, auch wenn nur ein einziges Körnchen auf fruchtbaren Boden fallen sollte. Gerade in der Ostmark müßte auch ein versprengter Keim sorgsam gehütet und gepflegt werden. Und nun will Direktor v. Sanden eine Bevölkerung, die zur Abwanderung nach seiner Ansicht neigt, in dem Heimatgefühl nicht stärken, sie darin verwahrlost weiter vegetieren lassen. Tatsächlich ist dieser Vorwurf aber grundlos und wird durch die Tatsachen geradezu widerlegt. Gerade im Osten haben die aus dem westlichen Deutschland nach dem früheren Königreich Polen gedrängten Juden ihre deutsche Sprache unter der polnischen Bevölkerung jahrhundertelang behalten — anders wie die deutschen Christen, die nach England und Amerika ausgewandert sind und dort nach kurzem Aufenthalt Sprache und Vaterlandsgefühl verloren haben. Hier im Osten würden die Juden auch jetzt noch bleiben, wenn sie nicht von deutschen Chauvinisten und Polen zugleich gesellschaftlich und geschäftlich boykottiert würden. Wenn in der letzten Zeit eine stärkere Abwanderung der jüdischen Bevölkerung aus den östlichen Provinzen zu konstatieren gewesen ist, so liegen die Gründe hierfür nicht in einem mangelnden Heimatgefühl, sondern darin, daß die Juden in dem wirtschaftlichen Kampf zwischen Polen und christlichen Deutschen zerrieben, ihrer Existenz beraubt und dadurch gezwungen werden, andere Gegenden aufzusuchen. Daß die materielle Bedrängnis den Zug nach dem Westen fördert, ist nicht zu verwundern und darf sicher ten Juden von denen nicht zum Vorwurf gemacht werden, die zur Festhaltung der deutschen Beamten im Osten eine Erhöhung der Beamtengehälter und Prämiengewährungen verlangen. Wie unerträglich sich die Verhältnisse.in der Ostmark für die. jüdische Bevölkerung gestaltet haben, ist selbst von ganz einwand-' freier christlicher Seite anerkannt worden. So sagt W. v. Massow in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Polennot im deutschen Osten": „Die Juden sind Bundesgenossen im Kampfe gegen das Polentum. Sie wünschen das Ueberwiegen des Deutschtums, und je mehr dieser Wunsch in Erfüllung geht, desto mehr werden sie sich' dem Deutschtum anschließen. Es wäre sinnlos, dort diejenigen Juden, die sich der deutschen Sache anschließen wollen oder es schon getan haben, als Bundesgenossen zurückzu weisen. Jeder müsse willkommen sein, der im Gegensatz zum Polentum deutsch sein wolle. Ob er es im Sinne des Rassenbegriffes oder der Abstammung sei, könne dabei ganz gleichgültig sein." Wir bitten Ew. Exzellenz, die geeigneten Maßnahmen zu ergreifen, um solche schweren und ungerechtfertigten Beleidigungen einer ganzen Bevölkerungsklasse durch die Ew. Exzellenz Ressort unterstellten Beamten für die Zukunft zu verhindern. An des Herrn Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, Staatsminister Dr. Holle Exzellenz. Darauf erhielt der Zentral-Verein die folgende Antwort: Berlin W. den 25. Mai 1908. Aus das Schreiben vom 31. März d. I. erwidere ich ergebenst folgendes: Das Protokoll der Direktoren-Konferenz gibt in gedrängter Zusammenfassung Ausführungen wieder, die etwa zwei Stunden dauerten. In feiner Kürze und aus dem Zusammenhang mit dem Thema und mit der ganzen Gedankenführung losgelöst, klingt der beanstandete Satz anders und schärfer, als er gemeint und gesprochen worden ist. Der Referent, Direktor von Sanden, ging aus von den Schwierigkeiten, die sich den Lehrern der Provinz Posen bei dem Bestreben, der Forderung des Themas (Pflege des Heimatsgesühls) gerecht zu werden, entgegenstellen. Dabei setzte er auseinander, daß der in der Provinz Posen ansässige Jude im allgemeinen Heimatsgesühl für das Posener Land vermissen lasse; er werde hier selten bodenständig, sei vielmehr geneigt, nach dem Westen abzuwandern, sobald er zu Wohlstand gekommen sei oder anderswo bessere Existenzbedingungen sehe. Zum Teil bewegten sich diese Auseinandersetzungen in derselben Richtung wie die auch in der Beschwerdeschrift S. 3 enthaltenen Gedanken. Direktor von Sanden erklärt ausdrücklich, daß ihm jede Absicht einer Beleidigung völlig fern gelegen habe; er hat auch gar nicht von den Juden im allgemeinen gesprochen, sondern von den tatsächlichen Vorgängen in der Provinz Posen, wobei er es nicht unterlassen hat, auch Ausnahmen ausdrücklich zu konstatieren. Daß Direktor von Sanden nicht die Absicht gehabt hat, irgend jemanden zu kränken, geht auch daraus hervor, daß er ganz ohne Ansehen der Person gesprochen hat und es ebenso beklagt hat, daß viele Beamte, die in die Provinz Posen versetzt werden, .nach kurzem Wirken alle Hebel in Bewegung setzen, um wieder fortzukommen. Auch alle Zuhörer haben unter dem Eindruck gestanden, daß Verletzendes nicht gesagt oder gedacht ist. Wäre es geschehen, so würde der Vorsitzende, Provinzial-Schulrat Dr. Wege, dem sofort entgegengetreten sein. Auch mein bei der Versammlung anwesender Kommissar hat denselben Eindruck gehabt wie die übrigen Anwesenden. Danach dürfte jede Veranlassung für die Bitte der Beschwerdeschrift vom 31. März, daß ich geeignete Maßnahmen ergreifen möge, um schwere und ungerechtfertigte Beleidigungen einer ganzen Bevölkerungsklasse für die Zukunft zu verhindern, fortfallen. Den mir unterstellten Behörden und Lehrerkollegien liegt die Neigung vollkommen fern, solcher Beleidigungen sich schuldig zu machen. gez.: Holle. Wir glauben nicht, daß auch uach dieser Antwort „jede Veranlassung" zur Beschwerde fortfallen wird. Der Zentral- Verein aber hat sich in jedem Falle gerade durch diese Beschwerde ein neues Verdienst erworben. Russische Blätter veröffentlichen einen etwas optimistischen Brief des Deputierten Nisselowitsch über die Stellung der Duma zur Judenfrage. Es heißt dort u. a.: „Ich bin fest überzeugt, daß eine überwiegende Mehrheit der Dumamitglieder (das bedeutet nicht die leitende Mehrheit der Oktobristen) sich auch im gegenwärtigen Moment zweifelsohne mit großer Sympathie, zu den breiten jüdischen Massen verhält. Diese Ueberzeugung gewann ich auf Grund der Tatsache, daß die nichtoppositionellen Deputierten, von der Rechten -bis zu den Oktobristen, sich sehr oft an mich mit der Bitte gewandt haben, ihnen Ratschläge zu erteilen, auf welche Weise sie sich betätigen könnten, um von der Regierung eine Besserung der Lage der Juden zu erlangen. Oft hörte ich von ihnen die Meinung, daß, wenn die Juden der Duma nicht ein Gesetzesprojekt über die jüdische Gleichberechtigung, die sie gegenwärtig für unrealisierbar halten, sondern ein Projekt der teilweisen Besserung ihrer Lage, wie zum Beispiel der Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons, vorlegen würden, so wäre sogar die Rechte für die Annahme dieses Projektes und würde dafür stimmen." Außerdem sucht Herr Nisselowitsch in seinem Briese den Nachweis zu erbringen, daß die von der Duma bis jetzt angenommenen antisemitischen Anträge — wie zum Beispiel das Verbot des Aufenthalts in kaukasischen Kurorten und der Erteilung von Handwerkszeugniffen an Juden, die hierdurch das Wohnrecht, in Rußland erlangen — keine Beweise einer antisemitischen Tendenz der Duma seien, sondern daß sie lediglich

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