Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 338 (sequence 4)
- Language
- German
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- 338 —- Gesetz vom Mai 1882,, geschaffen hatte, als hysterisch, und echt russische und anerkannt patriotische Blätter erklärten damals, daß ohne die Gleichberechtigung der Juden die westlichen Provinzen niemals würden wirklich russifiziert werden können. So hat Jgnatiew, der durch die Verfolgung der. Juden das Russentum stärken zu können vermeinte, es in Wirklichkeit geschwächt. Und wenn es wahr ist, was die russischen Antisemiten nicht müde werden zu behaupten, daß nämlich die Juden die Seele und die geistigen Leiter der jetzigen revolutionären Bewegung in Rußland seien, dann hätte der Zar das in erster Reihe Jgnatiew zu verdanken, der die Juden zur Verzweiflung getrieben und sie in Massen der Revolution und den Polen zugeführt hat. ‘ Nicht den Nihilismus ausgerottet hat Jgnatiew, wie er wollte, sondern ihn vermehrt und gestärkt und die jetzige, noch keineswegs ganz unterdrückte Revolution großgezogen. Und noch eins. Jgnatiew ist der eigentliche Urheber der Massenauswanderung russischer Juden. Er hat bewirkt, daß fast alle tüchtigen, energischen, in den besten Jahren stehenden und leistungsfähigsten Juden ausgewandert sind und sich freuen können im rosigen Licht der Freiheit in den Vereinigten Staaten, in England, in Frankreich, in Kanada, in Südafrika usw. atmen zu dürfen und sich nach Neigung und Können zu betätigen, zu Besitz und Ansehen zu gelangen. Die besten jüdischen Kräfte, die jetzt dem Auslande zur Ehre und zum Nutzen gereichen, hat Jgnatiew dem eigenen Vaterlande entzogen und dafür gesorgt, daß die Aermsten, die Schwächsten, die Leistungsunfähigsten, die, selbst elend, auch dem Lande nicht sonderlich zum Segen gereichen können, zurückgeblieben sind. So hat Graf Jgnatiew zwar überall seinen Willen durchgesetzt, aber zum Unheil für sein Vaterland und zum Unsegen für Millionen. Die größte Strafe für ihn vielleicht war, daß er lange genug gelebt hat, um zu sehen, wie alle seine Erfolge Mißerfolge gewesen sind, wie erRußlanddaheim und im Auslande aus das empfindlichste geschädigt, die tönernen Füße des Kolosses bloßgelegt und zum Teil zertrümmert, und dazu beigetragen hat, daß Rußland zu Wasser und zu Lande geschlagen, zur Ohnmacht verdammt ist und nur noch als ein Land von Halb- Barbaren gilt. r-ÄE Die Woche. Berlin, 14. Juli. er Patriotismus unserer braven Antisemiten zeigt sich wieder einmal im hellsten Lichte. Die „Deutschsozialen Blätter" geben dem Unmut der Antisemiten über den Kaiser 'Ausdruck. In der vorigen Nummer haben wir berichtet, daß von allerhöchster Stelle ein Erlaß an die Kommandostellen abgegangen sein soll, wonach bei den Wahlen zum Offizier keine Rücksicht auf die Konfession des Aspiranten genommen werden dürfe. Dieser Erlaß würde, wenn er wirklich ergangen ist, nur die Erfüllung langjähriger berechtigter Wünsche bedeuten. Der Erlaß des Kaisers würde einem sehnlich gehegten Wunsche entsprechen, daß im Interesse des. Gemeinwohls volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung Verwirklichung finde und daß sonst geeignete Elemente nicht mehr wegen irgend welcher Unterschiede des Glaubens oder der Geburt von Aemtern der Reichs- und Staatsverwaltung, vom Sanitäts¬ oder Offizierkorps ausgeschlossen oder bei Beförderung im Reichs- oder Staatsdienst Zurückgesetzt würden. Die „Deutsch-sozialen Blätter" stellen aber an den Kaiser die kecke und schroffe Frage: „Was soll dieser Erlaß bedeuten??" Sie glauben, dem Kaiser Vorhalten zu dürfen, daß nur dann Vertrauen zum Offiziexkorps bestehen könne, wenn es „rein deutschen Blutes und erfüllt von reinem deutschen Geiste" sei. Der Artikel des antisemitischen Organs gipfelt in der frechen Forderung, daß der Erlaß des Kaisers zurückgenommen werde oder nicht die Bedeutung haben dürfe, daß dadurch den Juden der Eintritt in das Offizierkorps ermöglicht werden soll. Dieser antisemitische Protest gegen den Kaiser ist überschrieben: „Wir verstehen unfern Kaiser nicht." Wir dagegen verstehen es nicht, daß so lange bei der Entscheidung über die Befähigung zum Offizier konfessionelle Rücksichten Geltung haben konnten. Nur die Tüchtigkeit allein soll entscheidend sein. Wir verstehen es nicht, daß beim Offizierersatz bisher nicht jene Auffassung zum Ausdruck gebracht worden ist, die aus dem Erlaß des Kaisers Friedrich nach seiner Thronbesteigung sprach: „Ich will, daß der seit Jahrhunderten in meinem Hause heilig gehaltene Grundsatz religiöser Duldung auch ferner allen meinen Untertanen, welcher Religionsgemeinschaft und welchem Bekenntnisse sie auch angehören, zum Schutze gereiche. Ein jeglicher unter ihnen steht meinem Herzen gleich nahe — haben doch alle gleichmäßig in den Tagen der Gefahr ihre volle Hingebung bewährt." Der ganze Vorfall zeigt aber, was von dem so oft und so überlaut betonten Patriotismus der Antisemiten zu halten ist. Und dabei ist die Nachricht von dem Erlaß noch nicht einmal authentisch. Und noch weniger authentisch ist die Version, daß sich derselbe, wenn er überhaupt ergangen, auch auf die preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens bezieht. * Die Lage der Juden in den deutschen Ostmarken hat sich, wie wir wiederholt zu beklagen Veranlassung hatten, in den letzten Jahrzehnten sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Beziehung so verschlechtert, daß die Abwanderung nach dem Westen bereits Verhältnisse annimmt, die ernste Bedenken selbst solchen einflößen, die bisher den Wert der jüdischen Bevölkerung für das Deutschtum in den Ostmarken viel zu niedrig veranschlagt haben. Trotzdem haben die Juden in der Provinz Posen die Zumutung entschieden zurückgewiesen, den Polen zuliebe ihr Deutschtum zu verleugnen und nationalpolnische Bestrebungen zu fördern, obwohl sie deshalb von den Polen zuweilen eine Behandlung erfahren, die sie schwer schädigt und ihnen den Aufenthalt in den Ostmarken erschwert und nahezu unmöglich macht. Um so weniger angebracht ist es deshalb, wenn man ihnen von deutscher Seite mit Vorurteil und Abneigung entgegenkommt, wie dies leider häufig der Fall ist. Die nachfolgenden Schriftstücke sind in dieser Beziehung ganz besonders . lehrreich. Der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat sich zunächst mit dem folgenden Schreiben an den Kultusminister gewendet: Berlin, den 31. März 1908. Ew. Exzellenz beehrt sich der Unterzeichnete Vorstand des mehr als 120000 deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens umfassenden Zentralvereins nachstehenden Vorgang ehrerbietigst zu unterbreiten: In der amtlichen Direktorenversammlung in der Provinz Posen 1907, bei der die Königliche Regierung unter anderem durch den Provinzialschulrat Professor Dr. Wege und den Geheimen Oberregierungsrat Matthias vertreten war, hat Professor Dr. A. v. Sauden. Direktor des Comenius-Ghmnasiums zu Lissa, am 7.Juni einen Vortrag über das Thema: „Was kann die höhere Schule der Ostmark tun, um das Heimatgesühl in der ihr anvertrauten Jugend zu wecken und zu vertiefen?" gehalten. Hierbei hat der Vortragende nach der amtlichen Publikation „Verhandlungen Band 77, — 13. .V -