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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-17 · Heft 29 (17.7.1908) · page 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 17. Juli 1908. 72." Jahrgang. Nr. 29. Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 2sbonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post-sin Berlin u, Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. -3 M. tte batteur: ßuftav Katpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße *6/4:9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. JaNStlkw. Berlin, 12. Juli. eneral Jgnatiew, der für unsere Glaubensgenossen in Rußland noch unheilvoller gewesen ist als selbst Plehwe, ist vor kurzem in hohem Alter gestorben. Den panslawistischen Intriganten am Goldenen Horn, wo er lange Jahre russischer Botschafter war, nannten die ehrlichen Türken „Vater der Lüge". Mit vollem Recht! Denn all sein Tun war auf Lügen ausgebaut, mit Hilfe des „rollenden Rirbels" durchgesetzt. Er hatte anscheinend überall Erfolg, aber alle seine Erfolge sind seinem Vaterlande, das er jedenfalls geliebt hat, weil er eben ihm nur mit sündigen und für andere höchst unheilvollen Mitteln gedient hat, zum Verderben ausgeschlagen. Wenn man selbst annehmen sollte, daß er das Gute gewollt, dann können wir nur, und sollten die Müssen sogar sagen, der Teufel, der stets das Böse will Und doch das Gute schasstist uns lieber, als dieser Graf, der das Gute wollte und nichts als Böses zuwege bringen konnte. . Der „Vater der Lüge" war der Vater der Ausstände in den Balkanländern. Die dort mit Hilfe der panslawistischen und auch der Regierungsgelder, namentlich in Bulgarien, ausgestreute Drachensaat geht noch heute in jedem neuen Jahr Tag für Tag auf, und zeitigt Raub, Brandstiftung, Mord und alle möglichen anderen Greuel. Und was ist die weitere Folge dieses nur einem Diplomaten vom Schlage Jgnatiews nicht als verbrecherisch geltenden Tuns für Rußland gewesen? Der Rivale Rußlands auf der Balkanhalbinsel, Oesterreich-Ungarn, ist dadurch in den Besitz Bosniens und der Herzegowina gelangt. Bulgarien ist zwar faktisch unabhängig geworden, aber Wenn gleich kein neuer Stambulow bisher erstanden ist, der dem russischen Bären die Zähne zeigt, auch der Koburger, der aus dem bulgarischen Thron sitzt, sieht, nicht danach aus, als wollte er, was Jgnatiew von dem Herrscher in Sofia erwartet hat, Bulgarien als eine russische Domäne regieren. Der „Vater der Lüge" ist der eigentliche Urheber des russisch-türkischen Krieges gewesen. Aber der Friedensvertrag von San Stefano ist von Disraeli zerrissen und Jgnatiew vor die Füße geworfen, worden, und Rußland mußtedurch das kaudinische Joch ziehen, das der englische Staatsmann auf dem Berliner Kongreß errichtet hat. Ja, Jgnatiew hat nur erreicht, daß Rußland in diesem Kriege sich fast ebenso militärisch blamiert hat wie keine zwei Jahrzehnte später in dem Krieg mit Japan, denn es hat Niederlage auf Niederlage erlitten; das große Rußland hat im Kriege mit dem „kranken Mann" die Hilfe des kleinen Rumänien in Anspruch nehmen müssen. Und wir sind nicht ganz sicher, ob nicht damals Japan gelernt hat, Rußland nicht zu fürchten, und Jgnatiew sonach schuld daran ist, daß Rußlands militärischer Nimbus ebenso wie seine Flotte vernichtet sind. Die ganze panslawistische Bewegung ist lange vor ihrem eifrigsten Förderer, dem Grafen Jgnatiew, entschlafen. Aber nicht nur die Drachensaat blutiger Aufstände und Kriege hat Jgnatiew ausgestreut, er ist der eigentliche Urheber all des Unheils, das unsere Glaubensgenossen in Rußland seit mehr als einem Vierteljahrhundert zu erdulden haben. Jgnatiew ist der Vater der Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden, der berüchtigten Maigesetze, die der von dem Zar-Besreier inaugurierten besseren Behandlung der Juden - ein Ende machten. Nachfolger des liberalen Grafen Loris- Melikow als Minister des Innern hat Jgnatiew die berüchtigten Judenhetzen in Szene gesetzt, durch die damals Rußland sich, so vor der. zivilisierten Welt blamiert hat, daß man selbst in Rußland dem Urheber den Laufpaß zu geben sich genötigt sah.I^Die Maigesetze jedoch blieben bestehen zu unsäglichem ' Leitr sMdie Juden, aber zu nicht minder großem Unglück für Rußland. ' Gewiß die Juden, die aus dem Innern des Landes vertrieben worden sind, gerieten in die größte Not. Sie verloren das Meiste, das sie hatten, und konnten in dem Rayon, in welchem sie zusammengepfercht wurden, nicht nur nicht Wiederaus einen halbwegs grünen Zweig kommen, sondern mußten immer noch mehr verarmen, hungern, verelenden. Physisch entarten und moralisch und seelisch verkümmern. Daß sie unter solchen Drangsalen nicht noch mehr von ihrem inneren Halt verloren, das ist ihrer Religiosität zu verdanken, der ausrecht erhaltenden Kraft des Judentums zuzuschreiben, dem jüdischen Idealismus und Optimismus, der niemals ganz verzweifelt und immer fest glaubt, daß nimmer schläft noch schlummert der Hüter Israels. Man muß sich, um Jgnatiew voll würdigen zu können, der erschütternden Berichte erinnern, die damals die Zeitungen über die große Not der aus ihren Heimstätten vertriebenen russischen Juden brachten. Aber nicht nur die Juden hatten durch das Jgnatiewsche Regiment zu leiden, die russischen Städte, die plötzlich ihrer rührigsten Elemente beraubt wurden, litten mit und baten in zahlreichen Petitionen, daß man ihnen die Juden lassen solle. Umgekehrt waren zwar nicht die Juden, wohl aber die Polen froh, daß sie billige und fleißige Arbeiter erhielten. Ach und wie billig waren sie und. wie fleißig mußten sie sein, um nur so viel zu verdienen, daß notdürftig Leib und Seele zusammen gehalten werden konnten. - . Nicht jüdische, sondern russische Blätter bezeichneten den Geist, .der die Ausnahmegesetzgebung, besonders das fluchwürdige m-W, - »n««»iMStMLWLMMWMMMWWMMMW

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