Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Zusammenwirken aller Kräfte wurden die Zöglinge — wiederum 70 an der Zahl, 30 Knaben und 40 Mädchen — körperlich, geistig und nicht zum mindesten moralisch überwacht, geleitet und gefördert. Der Ferienhort wurde am 22. Juli eröffnet und dauerte bis zum 18.August. - 80 Kinder nahmen täglich an demselben teil. Schon. Mitte Mai wurde die Ferien- und Solbadkolonie in Dürrenberg (das Alphons Jacobson-Heim) von drei weiblichen Insassen der Altersversorgung bezogen. Von Mitte Juni an waren auf Antrag des israelitischen Frauenvereins und der israelitischen Religionsgemeinde arme und bedürftige Leipziger Frauen, denen vom behandelnden Arzte eine Solbadkur in Dürrenberg als. dringend notwendig verordnet worden war, aus Kosten des israelitischen Frauenvereins beziehungsweise der israelitischen Religionsgemeinde im Alphons Jacobfon-Heim untergebracht. Auf ärztliche Anordnung hin wurden dann 35 der Solbadkur und Salzluft dringend bedürftige Schulkinder im Alphons Jacobson- Heim ausgenommen und vom 19.Juli bis 18.August rationell verpflegt. Das diesjährige Wohltätigkeitskonzert zum Besten des Vereins hat einen Nettoertrag von 3550,55 Mark erbracht. Die Einnahmen des Vereins betrugen im Berichtsjahre 12 968,40, die Ausgaben 7826,76 Mark. --- Hannover, 1. Juli. Der „Verein der jüdischen Lehrer in der Provinz Hannover" hielt am-vorigen Montag und Dienstag hier seine 44. Jahres-Versammlung ab. Der Vorsitzende, Lehrer Blumenfeld-Adelebsen, begrüßte die zahlreich Er-. schienenen mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. Hieran reihten sich Begrüßungs-Ansprachen der Herren Landrabbiner Dr. Gronemann-Hannover, Dr. Lewinsky-Hildesheim und Senator Fischer-Hannover namens der Synagogengemeinde Hannover. Die Tagesordnung war reichhaltig. Herr Dr. Lewinsky-Hildesheim hielt einen Vortrag über „Bachja ibn Pakudas Herzenspflichten". Lehrer Waller-Moringen referierte über die Neuregelung der Lehrerbesoldung in bezug auf die jüdischen Volksschulen; Lehrer Fabisch- Göttingen behandelte das Verbandsthema: „Was hat zu geschehen, um dem Religionsunterricht die rechte Stellung und Bewertung im Lehrplan der nicht jüdisch-konfessionellen Schulen zu verschaffen?" Seine Ausführungen gipfelten in der Forderung, daß von Staats wegen an allen höheren Schulen der Religionsunterricht als obligatorischer Lehrgegenstand eingerichtet werden möge; der fakultative jüdische Religionsunterricht an den höheren Schulen, wo die jüdischen Schüler zu seinem Besuche nicht verpflichtet seien, verstoße unbedingt gegen die Schuldisziplin, denn der jüdische Religionsunterricht sei, ebenso wie der christliche, mit dazu berufen, die Schüler zu treuen Staatsbürgern zu erziehen, und verdiene daher dieselbe Förderung wie der christliche. Da die Finanzverhältnisse des vergangenen Jahres nicht günstig waren, beschloß man, den Jahresbeitrag von 1,50 auf 3 Mark festzusetzen. Die nächste Versammlung findet am 25. Dezember d. I. hier statt. m. Hamburg, 2. Juli. Das Repräsentanten-Kollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt eine Versammlung ab. Der Vorsitzende gab zunächst.Kenntnis von einem Schreiben des Gemeindevorstandes, in dem dieser mitteilt, das eine neue Stiftung, die Joseph Wolff Israel - Stiftung, hier errichtet worden sei, deren Zweckes ist, die Unterstützung schwächlicher oder in der Rekonvaleszenz befindlicher, seit mindestens drei Jahren in Hamburg oder in Lübeck wohnender, unbescholtener Bekenner des Judentums, und zwar sollen in jedem Jahr die verfügbaren Mittel zu drei Viertel in Hamburg wohnenden, zu einem Viertel in Lübeck wohnenden Personen zugute kommen. Der Vorstand der mit einem Kapital von 30000 Mark dotierten Stiftung besteht aus den Herren Oberrabbiner M. Hirsch, S. W. Israel und N. H. Offenburg. Ein Antrag des Gemeindevorstandes auf Regulierung der Gehälter der Oberlehrerin und festangestellten Lehrer und Lehrerinnen der Töchterschule wurde einer dreigliedrigen Kommission zur weiteren Prüfung überwiesen; dagegen wurde der Antrag auf Gewährung einer Teuerungszulage auch für das laufende Jahr einstimmig angenommen. Der „Gabriel Riesser- Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" wurde ein jährlicher Beitrag von 150 Mark bewilligt. In den Vorstand des Siechenheims wurden die Herren Dr. Plaut und I. Li pp mann wiedergewählt. — Die vom Vorstand und Repräsentantenkollegium beschlossene neue Gemeindeverfassung ist jetzt vom Senat ge- : nehmigt und damit rechtskräftig geworben. Die neue Verfassung enthält gegenüber der aus >dem Jahre 1866 stammenden alten manche wichtige Aendernngen. 1. Es ist gestattet, daß außer den bestehenden Kultttsverbänden, Synagogenverband und Tempelverband, sich jetzt auch noch andere Kultusverbände bilden können. Diese Verbände bedürfen jedoch der Genehmigung des Vorstandes und der Repräsentanten; ihre Mitgliederzahl muß mindestens 300 betragen. 2. Neu ist in dem Statut auch die Einsetzung einer aus Mitgliedern des Vorstandes und Gemeindeangehörigen gebildeten Kommission für das Wohlfahrtswesen. 3. In die Armenkommission, Wohlfahrtskommission und in den Vorstand der Töchterschule können nach dem neuen Statut auch, weibliche Mitglieder der Gemeinde gewählt werden. — In der letzten Sitzung der Direktion und des Repräsentantenkollegiums des Tempelverbandes wurde an Stelle des aus dem Amte scheidenden Predigers Dr. Paul Rieger Rabbiner Dr. Sonderling-Göttingengewählt. Er wird sein neues Amt bereits am 15. August antreten. Dr. Rieger, der sich am letzten Sabbat von seiner Gemeinde verabschiedete, wird, wie wir hören, vorläufig seinen Wohnsitz in Hamburg behalten, um sich hier ganz wissenschaftlichen Studien zu widmen. Rieger hat sich auf dem Gebiets der Philosophie und Geschichte in Gelehrtenkreisen einen ehrenvollen. Namen erworben. Er ist auch Vorsitzender der „Gesellschaft für . jüdische Volkskunde". Während seiner hiesigen achtjährigen Tätigkeit hat er sich namentlich auch um die Ausgestaltung des Jugendunterrichts große Verdienste erworben; der aus dem Amt scheidende Prediger hinterläßt eine große Anzahl von Freunden, die seinen Fortgang von der Tempelgemeinde aufs tiefste bedauern. 6. Bremen, 1. Juli. Das Bremer Komitee des Hilfsvereins der deutschen Juden hat seinen Jahresbericht erstattet. Mit Recht wird in der Einleitung hervorgehoben, daß die Auswanderung der Juden gleichsam das Barometer ist für die Lage der Juden im Osten Europas. Die traurige wirtschaftliche Lage in Galizien, die anhaltenden Drangsalierungen der Juden in Rußland und Rumänien zwingen die Juden zur überseeischen Auswanderung. Ein großer, beträchtlicher Teil dieser Unglücklichen, von der heimatlichen Scholle Vertriebenen sucht eine neue Heimat in Amerika über Bremen. Die meisten dieser Unglücklichen wenden sich in ihrer Hilflosigkeit und Unerfahrenheit um Beistand und Rat an das Bremer Komitee. Warmes Interesse wird den Armen dort entgegengebracht. Von den 23 104 jüdischen Emigranten, die Bremen im Laufe des Jahres 1907 berührten, wurden 1815 für Rechnung des Hilfsvereins befördert. 14 600 Mahlzeiten wurden unentgeltlich verabfolgt. 160 Auswanderer wurden auf Kosten des Hilfsvereins ärztlich behandelt. Da die ärmeren Auswanderer zumeist ganz verwahrlost hier ankommen, mußten 1050 bekleidet und mit Schuhzeug versehen werden. Für Ozeanreisen, d. h. für die freie Beförderung der 1815 Emigranten allein, wurden 165 979,03 Mark verausgabt. Die Bekleidung der Emigranten erforderte eine Ausgabe von 1756,72 Mark. Für Logis und Beköstigung der Auswanderer mußte der Verein 3639,30 Mark zahlen. Aerztliches Honorar für. die Behandlung der mittellosen Auswanderer betrug 4358,50 Mark. Krankenhaus und Apotheke erforderten eine Ausgabe von 2130,44 Mark. d. Köln, 3. Juli. Der seit zirka 21/2 Jahren als Religionslehrer und stellvertretender Rabbiner in hiesiger Gemeinde tätige Herr Dr. Adolf Kober aus Breslau ist, wie bereits gemeldet, zum 1. Oktober als . Bezirksrabbiner nach Wiesbaden berufen worden. Man sieht hier diesen strebsamen jungen Theologen, der nicht nur der ihm anvertrauten Jugend Lehrer und Freund war, sondern sich auch sonst in weiten Kreisen lebhafte Sympathien erworben hatte, ungern scheiden. Die Stelle ist bereits vom Gemeindevorstand neu ausgeschrieben. — Nürnberg, 2. Juli. Hausandachten bedürfen in Bayern der Genehmigung der Behörde. In der Sitzung des Stadtmagistrats zu Nürnberg kam am 19. Juni folgender Fall zur Erörterung. In einer Eingabe hatte ein Rechtsanwalt mitgeteilt, daß mehrere Israeliten Hausandachten, an welchen sich nicht mehr als 15 Personen beteiligen, veranstalten. Das Rabbinat habe in seinem Gutachten bemerkt, daß Hausandachten, an welchen Mitglieder einer Familie sich beteiligen und bei denen die Beteiligung die Zahl 10 beträgt, verfassungsmäßig garantiert sind. Da aber die beabsichtigten