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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 335 (sequence 13)
Language
German
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Als der jüngere Bruder sah, daß Geldopfer den Bruder nicht aus. dem Hause entfernen konnten, ging er ihm an die Ehre. Er brachte ihn durch geheime Helfershelfer bei den Behörden in den Verdacht der Hehlerei, des Schmuggelhandels, der Unterschleife, und hoffte so ihn zum Aufgeben des Geschäfts und zum Abzüge aus dem Hause zu bewegen. Der Verleumdete fühlte sich aufs tiefste gekränkt durch die wiederholten polizeilichen Haussuchungen, durch das fortgesetzte Ab- und Zugehen der Polizeibeamten vor feinem Geschäftslokale, durch die Vorwürfe, die der eigene Bruder ihm darüber machte, daß er den guten Ruf des Hauses beflecke, aber erhielt fest an dem väterlichen Erbe und blieb im Hause. Da nahm der jüngere Bruder in seinem Aerger zu dem allerniedrigsten Mittel seine Zuflucht: er ließ eine ganze Schar von Hunden auf den Bruder hetzen, daß sie, so oft er vor dem Laden sich zeigte, ihn anbellten und anpackten." „Köstlich! Vortrefflich!" rief Cohn händeklatschend aus; „den ungarischen Rabbiner möchte ich küssen." „Kannst du das Ende der Rede nicht abwarten?" tadelte Horwitz. „Was fehlt denn noch?" fragte Cohn lachend, „ist die Sache nicht klar genug? Den Hunden die Peitsche!" „Da irrst Du, lieber Freund," sagte Isaak, „der Rabbiner fuhr so fort: Als der ältere Bruder selbst diese Plage in Geduld über sich ergehen ließ, da konnte der jüngere sein Staunen nicht an sich halten/ er nahm den armen Geplagten beiseite und fragte ihn nach dem Grunde einer so seltsamen Demut und nach den Hoffnungen, die er etwa hege, solchen Ungemaches ledig zu werden. Und der ältere Bruder erwiderte hierauf: Siehe, wir beten täglich dreimal am Schlüsse der „achtzehn Venedeiungen": Und allen, die mir fluchen, möge meine Seele schweigen, und meine Seele möge gegen alle wie Stgub sein. Fragst du nun, wozu diese allzugroße Selbsterniedrigung, so bedenke, daß sogleich darauf die Bitte folgt: Oeffne inein Herz für deine Lehre, und deinen Geboten möge meine Seele nachstreben. Aber nicht durch aufbrausendes, hochmütiges Benehmen, sondern durch Demut und Selbsterniedrigung gelangen wir zum wahren Gotterkennen, zur wahren Gottesfurcht. Willst du aber endlich wissen, worauf ich die Hoffnung, von so vielem Ungemach befreit zu werden, baue, so erinnere dich an die nachfolgende ' Bitte: Und allen, die gegen mich Böses aussiunen, zerstöre du bald ihre Ratschläge und vereitele ihre Gedanken.- Darauf ist meine Zuversicht gegründet, das ist meine feste Hoffnung; Gott überlasse ich es, meine Sache zu führen; wie es auch in der Thora heißt: der Ewige wird für euch streiten; ihr aber schweigt still. Und so, meine gottesfürchtigen Brüder, schloß der fremde Rabbiner, wollet auch ihr gegen eure Spötter- Handeln; laßt euch die Worte des älteren Bruders zur Lehre dienen und wiederholt euch, so oft ihr gereizt werdet, die Versicherung unsers Lehrers Moses: Der Ewige wird für euch streiten; aber ihr schweiget still." „Das sind goldene Worte", bemerkte Horwitz. „Wie unsere Heilige Thora doch für alles eine Belehrung bietet! Ihr seid recht zu beneiden, lieber Isaak, daß Ihr in Eurer Jugend genug gelernt habt, um solche Vorträge gehörig fassen und wiedererzählen zu können; aus Euch wäre ein tüchtiger Rabbiner geworden." „Es war nicht Gottes Wille, drum ist es so gewiß besser." „Ja. wer das nur erst begreifen könnte," sagte Cohn, „wie es besser sein soll, statt eines großen Rabbiners ein armseliger Hausierer zu werden! Ich bin zu der Weisheit leider noch nicht gelangt." - „Ist denn das gar so schwer zu fassen?" erwiderte Isaak. „Ich - sollte meinen, man könnte Fälle genug dafür denken. Ich will nur einen ansühren. Gesetzt, mein seliger Vater wäre vor vierzig Jahren in Kalisch nicht abgebrannt und hätte mich beim Lernen gelassen, so säße ich jetzt vielleicht als Rabbiner in irgend einer polnischen Gemeinde: was wäre aber da aus meinem Elkan geworden? Ein armer, gedrückter Handelsmann, oder zur Not wieder so ein polnisches Räwchen?) Jetzt ist ihm die Welt geöffnet. Er kann, wie so viele Kinder armer Eltern in Breslau, durch seine Anlagen groß und berühmt werden, er kann einst durch seine Kenntnisse dazu beitragen, daß Judenhaß und die Verfolgung gegen unsereinen aufhören; er hat all den Jammer von Kindheit an vor Augen und kann später am besten der Welt unsere verborgenen Leiden offenbaren: wenn das Gottes Wille wäre, sollte ich da nicht mit meinem Hausiererlose zufrieden sein können? — Allmächtiger Gott!" rief Isaak mit bewegter Stimme, und eine große Träne brannte in seinem Auge, „laß es nur meinen Kindern wohl gehen: ich ertrage dann doppelt so geduldig mein unglückliches Schicksal." Eine lange Stille erfolgte. Jeder der Wandernden mochte in Gedanken die lange Reihe häuslicher Erlebnisse, Sorgen und Hoffnungen an sich vorübergehen lassen. Horwitz unterbrach zuerst das Schweigen. „Wenn es Euch nicht zu sehr anstrengt, lieber Isaak, so erzählet uns doch noch andere solche Gleichnisse; ich weiß, Ihr habt davon einen großen Vorrat und der beschwerliche Weg wird unter solchen Gesprächen zum angenehmen Spaziergang. Ich glaube, wir sind schon eine gute Strecke vorwärts gekommen." „Auch ich bitt^ Euch sehr darum," stimmte Cohn bei. Isaak willigte ein und trug, nur selten von den Freunden unterbrochen, aus dem reichen Schatze moralischer Belehrungen, die er in seinem glücklichen Gedäastnisse gesammelt hatte, die kernigsten und seiner gehobenen Stimmung am meisten zusagenden vor. So wandelte wohl in den Urtagen des Judentums ein Priester mit seinen Schülern auf offener Landstraße einher und sprach von Gott und seinen heiligen Geboten in Bildern und Gleichnissen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Zum 100. Geburtstag von Samson Raphael Hirsch hat die Redaktion des „Israelit" (Verlag in Frankfurt a. M.) eine illustrierte Jubiläumsnummer herausgegeben, die neben interessanten biographischen und poetischen Beiträgen verschiedener Autoren eine Uebersicht über die Werke des Begründers der jüdischen Orthodoxie bietet. Freilich ganz vollständig ist die Biographie nicht. Sie verweist wegen derBeziehungenHirschs zu Abraham Geiger in Bonn nur auf das treffliche Werk von Ludwig Geiger; sie berichtet auch nichts von den Reformversuchen, die Hirsch in Oldenburg gemacht, und dergleichen mehr. Abgesehen davon bietet sie aber wertvolles Material zur neueren Geschichte des Judentums. . * — Zwei Konfirmationsreden, die Prediger Dr. Jelski im Gotteshause der jüdischen Resormgemeinde zu Berlin jüngst gehalten, sind, von Mitgliedern der Gemeinde dem Druck übergeben, soeben erschienen. Beide Reden erheischen Beachtung. In der ersten wird Glaubenstreue und Kindestreue in innigster Wechselivirkung gezeigt, die Notwendigkeit gelehrt, „unfern uralten Glauben mit den neuen Lebens- und Kulturinächten in Einklang zu bringen", was weder die Orthodoxie noch der Radikalismus erreichen könne. In der zweiten, ff Kleiner Rabbiner.

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