Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 334 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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weiß so gut wie Deinesgleichen zwischen „Grüß dich Gott" und „Judenmauschel" zu unterscheiden. Sieh nur mich an; sieh hier meine rechte Hand: Du weißt, wo ich die drei letzten Finger davon gelassen habe und das linke Auge dazu.. Meinst Du, ich hätte die Ehrenwedaille hier nicht auch lieber an einen Polizeidiener- oder Zolleinnehmerrock als an die Hausiererjacke gehängt? Auch ich habe meine Tage des Grams und der Bitterkeit gehabt. Gar oft habe ich damals mit Trauer an, die Warnung meiner seligen Mutter gedacht, die auf die Nachricht, daß ich mich zu den Freiwilligen gemeldet, eilends von Ostrowo nach Breslau kam und mit tränenden Augen mir sagte: „Was sprichst Du von Vaterland? Dein Baker liegt in Ostrowo begraben, und Du bist hier ein Fremder. Sorg^ für Dich und bleib, was Du bist!" Gar oft habe ich, mit Kummer und Not kämpfend, mir unter heißen Tränen die Worte der Klagelieder wiederholt: „Glücklicher, die vom Schwerte gefallen, als die vom Hunger aufgerieben werden."^ Wie beneidenswert erschien mir da das Los Hilsbachs und der anderen tapferen Breslauer Juden, die auf dem Felde der Ehre geblieben, und deren Namen die Gedächtnistafel in der großen Synagoge für alle Zukunft aufbewahrt, während wir Ueberlebenden, Verkrüppelten meist in Elend und Jammer zu einem verachteten und verfolgten Lebensunterhalt verdammt sind. Aber ich sah bald ein, daß das Klagen und Lamentieren mir weder gesunde Glieder noch eine Versorgung bringen werde und ergriff ungesäumt den ersten besten Nahrungszweig. Ich wurde Krankenwärter, und als ich später ein Häuflein Kinder bekam und von Warten allein sie nicht ernähren konnte, fing ich an, die Märkte zu beziehen und auf den Dörfern zu hausieren, und kümmerte mich wenig um den Judenhaß und den Spott des dummen Pöbels. Du bist ein ehrlicher Mensch, so sagte ich mir stets, wenn dir Lust mich anwandelte, einem Höhnenden die Elle um den Kopf zu schlagen, du hast dem Vaterlande mit deinem besten Blute, mit deinen edelsten Gliedern gedient, du ernährst deine Familie rechtschaffen im Schweiße deines Angesichts: was kann die Dummheit und Roheit des Pöbels deinem Werte anhaben?" „Nein, mein lieber Horwitz," fiel Cohn ein, „zu diesem Ducken und Kriechen werde ich mich nimmermehr bequemen. Das war vor zwanzig Jahren noch Gebrauch, aber heutzutage wollen wir Juden auch als freie Menschen behandelt sein. Was ist denn der Christ mehr als wir? Wir sind oft viel besser, viel moralischer als er: was gibt ihm ein Recht, uns zu beschimpfen? Und noch dazu wegen unserer Religion! Wenn ein Christ mich Schuster, Hausierer oder sonst nach einem körperlichen Merkmal schimpfte: darüber würde ich mit Verachtung hinwegsehen; aber wenn er den Namen „Jude" zum Schimpfwort machen will, so tastet er meine Religion an, nach der ich Jude heiße, und so wahr ich an Gott den Einzigen glaube, mein Blut, mein Leben schlage ich in die Schanze, sobald jemand meine Religion in mir zu beschimpfen wagt. Habe ich da Unrecht, lieber Isaak?" „Ich will Euch meine Meinung über Euern Streit sagen", antwortete Isaak gelassen und nachsinnend, indem er sein etwas locker gewordenes Bündel wieder zurecht rückte. „Vielleicht erinnert ihr Euch noch an den gelehrten ungarischen Rabbiner, der vor einigen Jahren bei uns durch seine Vorträge so viel Aussehen erregte, und besonders mit seinen herrlichen Gleichnissen alles übertraf, was man jemals in dieser Art gehört hatte. Damals nahm gerade das Hepph Klag. Jerem. 4, 9. Hepp-Rufen in Breslau sehr überhand, und als einmälam Sabbat nachmittags der fremde Rabbiner mit großer Begleitung über den Judenplatz nach der zweiten Brüderschule zu einem Vortrage ging, schrie eine Menge Christen, groß und klein, ihm fortwährend „Hepp Hepp" nach. Viele seiner Begleiter, Hitzköpfe wie unser Cohn da, wollten.Ohrfeigen austeilen. Der Rabbiner aber bat, sie sollten nur noch Geduld haben, bis sie ihn über diese Sache gehört hätten. Natürlich waren wir nun alle aufH höchste neugierig, was er darüber sagen würde, und ich habe mir jedes Wort feiner Rede gemerkt: Wollt Ihr sie hören, so will ich sie Euch genau wieder erzählen. „Mit Vergnügen, herzlich gern," erklärten die Freunde. „Die Rede des ungarischen Rabbiners war folgende: Meine lieben, gottessürchtigen Brüder! Ich sehe, ihr seid sehr aufgebracht über das Rufen „Hepp Hepp" und wollt die Rufer züchtigen. Es ist sicherlich ein großes Aergernis, so ohne alle Schuld verspottet und verfolgt zu werden. Die Versammlung wird mir aber erlauben, daraus ein kurzes Gleichnis zu bringen. Es lebten einmal in einer Stadt zwei Brüder, die besaßen zusammen ein großes Haus, und jeder hatte darin sein besonderes großes Geschäft. Diese zwei Brüder waren aber von sehr verschiedener Natur. Der ältere trieb den Handel bloß seiner Nahrung wegen, und beschäftigte sich am liebsten mit gelehrten Dingen und frommen Werken; der jüngere Bruder dagegen liebte die Eitelkeiten der Welt und brauchte dazu mehr, als er verdiente. Deshalb war ihm mit der Zeit das eigene Geschäft nicht hinreichend, und er riß einen Erwerbszrpeig des Bruders nach dem anderen an sich, so daß diesem zuletzt nur noch so viel übrig blieb, um zur Not anständig leben zu können. Der ältere Bruder, der sein Vertrauen auf Gott hatte und den Frieden liebte, ertrug die Unbilligkeit des jüngeren Bruders mit Geduld. Er räumte mit dem größten Teile seines Geschäftes auch den größten Teil des einen Hausflügels,. den er nun nicht mehr benutzen konnte, und behielt nur noch einen kleinen Laden am äußersten Hauswinkel und eine kleine Wohnung im obersten Stockwerke für sich zurück. Der jüngere Bruder hätte doch nun zufrieden sein können? Allein jetzt, da der größte Teil des Hauses und des Geschäftes sein war, fiel ihm ein, es wäre doch am allerbesten, wenn der Bruder gar nicht im Hause wäre; das schöne Haus werde durch seinen kleinen Kram entstellt, seine Wohnung könnte für die Domestiken besser angewandt werden, sein linkisches, ernstes Wesen passe ohnehin nicht in dieses Haus voll Lust und Freude und dergleichen. Aber wie sollte er den Bruder aus dem väterlichen Erbe hinausbringen? Daß er sobald sterben werde, war nicht zu erwarten, denn seine kräftige Natur und seine solide Lebensweise versprachen ein sehr hohes Alter. Ihn geradezu aus dem Hause werfen, ging auch nicht an, denn der jüngere Bruder gab viel auf den äußeren Schein; er .wollte die Welt durchaus glauben machen, daß ihm die reinste Bruderliebe ins Herz gewachsen sei. Also was war nun zu tun? — Gebt acht, liebe, gottesfürchtige Freunde, -wie er sich half. Er erklärte dem Bruder, daß der seither unbestimmt gebliebene Zustand der Abgabenverteilung endlich geordnet werden müsse. Als Mitbesitzer des Hauses habe er, der ältere Bruder, auch die Lasten des Hauses fernerhin zur Hälfte zu tragen, wenn er auch die Hälfte des Besitzes natürlich nicht in Anspruch nehmen könne, da in dieser Hinsicht das Recht der Verjährung gelten müsse. Dem älteren Bruder tat diese Zumutung sehr wehe; aber erfügte sich gottergeben in die Notwendigkeit und suchte durch die äußerste Sparsamkeit die gewaltsam abgepreßten Summen zu erschwingen.