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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 332 (sequence 10)
Language
German
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Gründer der „Anglo-Jewish Association“, der er als langjähriger Sekretär anerkennenswerte Dienste leistete und bis an sein Lebensende mit väterlicher Hiebe zugetan war. Löwy hat zwar wenig literarische Werke veröffentlicht, aber er hat statt dessen verschiedene wertvolle Essays geschrieben, die in hiesigen Zeitschriften erschienen sind. Außerdem beschäftigte er sich lange mit der Zusammenstellung eines Katalogs, worin er alle Uebraica und Judaica verzeichnete, die sich in der Guildhall Library vorfinden. Erwähnenswert ist es auch, daß er hochgestellte christliche Persönlichkeiten zu Schülern hatte, denen er in hebräischer Sprache und Literatur Unterricht erteilte. Besonders nennenswert unter diesen sind der verstorbene Erzbischof von Eanterbury, der Marquis von Bute und Professor Ehenerigy, welch letzterer eine Zeitlang Editor der „Times" war. Dr. Löwy wird seinen vielen Freunden, zu denen auch der Schreiber dieser Zeilen gehörte, in gutem Andenken bleiben, und dieses Andenken wird sie sicherlich veranlassen, dasselbe Ziel mit Eifer zu erstreben, das der Verewigte stets im Auge hatte, nämlich die Interessen des geläuterten Judentums zu wahren und zu fördern. 'sfsjfisgfe' Lin Brief des Oapltes an eine Milche Dame. ei meinem jüngsten Aufenthalte in Venedig machte ich unter anderem der alten Gräfin Elisa Sacerdoti di Earrobio einen Besuch. Die alte Dame, eine vornehme, feinsinnige Frau, kam im Verlaufe des Gespräches aus den Papst Pius X. zu sprechen, der, trotzdem sie Jüdin ist, zweimal im Jahre ihr durch den Patriarchen von Venedig seinen Segen entbietet. Gräfin Elisa kennt den Papst seit mehr als vierzig Jahren, denn in Salzano, wo ihr verstorbener Vater, Herr Jacur, ein Onkel des Parlamentariers und ehemaligen Unterstaatssekretärs Romanin-Jacur, Grundbesitzer gewesen, wirkte Giuseppe Sarto, der spätere Pius X., als Erzpriester. Damals besuchte er viel das Haus des Signor Jacur, mit dem ihm die freundschaftlichsten Beziehungen verknüpften. Nicht selten verbrachte er auch dort den Abend und beteiligte sich mit den Hausgenossen an dem in Italien so beliebten Tresettespiel, eine Art Whist. Signor Jacur gehörte zu den wohlhabendsten und angesehensten Juden im Venezianischen, und der Erzpriester Sarto, wohlvertraut mit der Mildherzigkeit des ihm befreundeten Mannes, pflegte auch an diesen zu appellieren, wenn er zu irgendwelchen wohltätigen Zwecken Geld brauchte. Signor Jacur seinerseits steuerte gern, wenn ein Appell des Erzpriesters an ihn erging, sein Scherflein bei, denn er kannte den Edelmut und die Rechtlichkeit des wackeren Geistlichen, der nie anders als für wahrhaft gute und fromme Zwecke sich bemühte. Als der ehemalige Erzpriester von Salzano zum Patriarchen von Venedig erhoben ward, fand sich unter anderen Glückwünschenden auch die Tochter des Signor Jacur, Signora Sacerdoti, die mittlerweile mit ihrem Gatten und ihren Kindern von König Humbert zur Gräfin di Earrobio erhoben ward, im Patriarchalpalast neben St. Marco zur Gratulation ein. Kardinal Sarto empfing sie mit der alten Herzlichkeit, und es war, als ob gar nicht Jahrzehnte zwischen den Funktionen des Erzpriesters von Salzano und des Patriarchen von Venedig lagen. Als der Patriarch aus dem Konklave als Papst hervorgegangen war, ließ ihm unter anderen auch Gräfin Elisa,, die längst Vater und Gatten verloren hatte, ihre Glückwünsche zukommen. Der Umstand, daß ihr Sohn im Ministerium in Rom tätig war, pflegte sie nach der Hauptstadt zu-führen, und aus die Bitte, vom Papst, ihrem alten Gönner und Freunde, empfangen zu werden, bekam sie ohne weiteres bejahenden Bescheid. Der Papst empfing die Dame, deren jüdische Konfession ihm wohlbekannt war, mit alter Herzlichkeit, sprach voll Rührung von alten Zeiten und entließ sie mit seinem Segen. Seither läßt die alte Frau niemals Neujahr und den Namenstag des Papstes (San Giuseppe) vorübergehen, ohne Se. Heiligkeit zu beglückwünschen, und immer erwidert der Papst diese Glückwünsche mit liebenswürdigem Dank und seinem Segen. Er hat der alten Freundin und Verehrerin. auch sein Bild als Papst mit einer Widmung geschenkt. Gräfin Elisa bewahrt aber als besonders kostbares Andenken an den Heiligen Vater einen Brief, den dieser vor nun vierzig Jahren an sie geschrieben, als ihr Vater, Signor Jacur, noch lebte und sie selbst noch eine junge Frau, die Gemahlin des später in den Grafenstand erhobenen damaligen Signor Sacerdoti war. Der Erzpriester von Salzano wußte der jungen Frau Dank dafür, daß sie sich in einer Angelegenheit, die ihm viel Unannehmlichkeiten bereitete, ins Zeug gelegt hatte. Der Sindaco des kleinen Ortes Salzano, ein Signor Timoteo, hatte der Pfarre Schwierigkeiten in einer Geldfrage bereitet, die zu großen Zwistigkeiten im Orte führte und namentlich die Stellung des Erzpriesters schwer machte- Signora Elisa hatte durch ihren Zuspruch bei ihrem Vater bewirkt, daß dieser 500 Lire aus seinen Mitteln opferte, wodurch auch der Sindaco bewogen ward, ebensoviel Geld herzugeben; dadurch ward die ganze Angelegenheit in einer für die Pfatte günstigen Weise erledigt. Der Arzt des Ortes Dr. - Eoncina hatte durch sein Einschreiten be Signora Sacerdoti auch mitgewirkt, die Sache in einer dem Sinne des Erzpriesters Sarto entsprechenden Weise zu Ende zu führen. Aus dieser Zeit nun datiert jener Brief des zukünftigen Papstes an Signora Sacerdoti, ein Dokument des liebenswürdigen Gemütes des vortrefflichen Priesters, dereinstmals zur höchsten Stelle berufen werden sollte. Das vierzig Jahre alte Schreiben ist bereits etwas vergilbt, doch deutlich genug sind die Schriftzeichen des Papstes, der eine sehr regelmäßige graziöse Handschrift besitzt, die zeigt, wie starke Nerven er hatte. Dieser Brief spiegelt die Abgeklärtheit und die Milde des späteren „Statthalters Christi". In deutscher Uebersetzung lautet das Schreiben: „Sehr geschätzte und edelste Frau! Die Liebenswürdigkeit, mit der Sie mir von dem Augenblicke an entgegengekommen sind, da ich zum erstenmal das Vergnügen hatte, Ihnen meine Huldigung darzubringen, macht mich kühn genug, das Stillschweigen zu brechen und Ihnen den Ausdruck der tiefgefühlten Erkenntlichkeit für den Schritt entgegenzubringen, den Sie bei Ihrem teuren Vater gemacht haben- - Sie haben ihm dargelegt. welche Unannehmlichkeiten dem Orte drohen und daß die Gefahr eines Zwistes vorhanden wäre, den Ihr Verdienst nun aus der Welt geschafft hat. In der Tat, kaum daß der gute Vater des Vaterlandes (Padre della Patria), Ihr Papa, in Salzano angelangt war, ordnete er die Sache in einer Weise, daß es gar nicht besser geschehen konnte. . Er empfing uns mit Timoteo im Hause, machte dem letzteren Vorstellungen über das Unkluge seiner Handlungsweise, bedeutete ihm, daß er sowohl als Bürger von Salzano, wie auch als Sindaco unrichtig gehandelt hätte, und legte ihm dar, daß er die Sache schnell gutmachen und dabei auch ein Opfer bringen müßte, das um so größer sein sollte, je ungeheuerlicher die Tat wäre. I Timoteo sah sich nun veranlaßt, 500 Lire zu opfern und dies mit

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