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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 331 (sequence 9)
Language
German
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fand es unbegreiflich und unverständlich, daß die Orthodoxen die gegenwärtige Politische Konstellation, wie sie in Bayern zurzeit besteht, sich zunutze machen und bei Faktoren Hilfe suchen, die mit dem Judentum nicht das Geringste gemein haben. Lebhafter Beifall wurde allen Rednern zuteil. Zum Schluffe ergriff noch einmal Herr Schuldirektor Gombrich das Wort und drückte seine Freude aus, daß die Stimmung der Versammlung beweisedaß die heute gesprochenen Worte auf fruchtbaren Boden gefallen seien; er wünsche und hoffe, daß die ausgestreute Saat zum Segen und zum Heile des Judentums und der Gemeinde heranreifen möge. Von den Anwesenden traten sodann über 250 Personen sofort dem Vereine bei. - Die eingeleitete Bewegung ist nicht vom Zaun gebrochen, sondern wurde der weitaus überwiegenden liberalen Mehrheit in der Gemeinde,durch das Vorgehen der Orthodoxen geradezu aufgedrungen. Jeder Unbefangene mußte seine helle Freude daran haben, wie sehr die liberalen Mitglieder der Gemeinde, alt und jung, an dem Judentum hängen, und wie ernst es ihnen ist, die im Judentum enthaltenen Lehren und Wahrheiten auch in die Tat umzusetzen. Srirk aus London. Von Reverend Dr. Chotzner. ir haben hier in London zwei jüdische Lords, welche beide wohl dem englischen Judentum zur Ehre gereichen, aber darin voneinander differieren, daß ihre religiösen Ansichten ganz entgegengesetzter Natur sind. Es sind dies Lord Rothschild und Lord Swaithling, welch letzterer unter dem Namen Sir Samuel Montague allgemein wohl besser bekannt sein dürfte. Lord Rothschilds Ansichten über das Wesen und die Tendenz des Judentums sind nämlich durchaus liberal, während Lord Swaithling ein allzu großes Gewicht auf die Beobachtung von geringfügigen religiösen Gebräuchen legt, deren Ursprung und Zweck recht obskur sind. So würde zum Beispiel Lord Swaithling das am Sabbatmorgen in der Synagoge verrichtete Gebet nicht für vollgültig halten, wenn der Betende dabei einen andern als den altmodischen wollenen „Tallis" anhaben würde, obschon dieser in allen hiesigen W'estend-Synagogtzn jetzt eine rara avis ist. Demnach darf man sich nicht wundern, wenn man hört, daß Lord Swaithling jüngst bekannt machte, er sei entschlossen, seinen bisherigen jährlichen Beitrag zum „Jewish Religions Education Board“ gänzlich einzustellen, solange die in religiösen Dingen liberal denkenden Herren Claude Montefiore und Israel Abrahams Mitglieder des Board bleiben. Nun hat jüngst die „New Jork Times" Lord Rothschilds Ansicht in dieser Angelegenheit veröffentlicht, woraus zu ersehen ist, daß er Lord Swaithlings Standpunkt darin keineswegs billigt, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil die genannten Herren keinen aktiven Teil an der vom Board aufgestellten Lehrmethode nehmen. Erwähnenswert ist noch die Tatsache, daß der Chief-Rabbi Dr. Adler mit Lord Rothschilds Ansicht ganz einverstanden ist. — Der jetzigen jüdischen Generation scheint sicherlich die in jüngster Zeit hier in Kraft gesetzte Fremden-Bill eine außerordentliche Maßnahme zu sein und in der parlamentarischen Geschichte Englands ganz vereinzelt dazustehen. Dies ist aber keineswegs der Fall. Denn, wie aus der „Geschichte der Juden in England", die jüngst hier erschienen ist und von mir bereits erwähnt wurde, hervorgeht, wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine ähnliche Bill vom englischen Parlament zum Landesgesetz erhoben. Freilich lagen damals der Einführung der Bill verschiedene politische Ursachen zugrunde, aber dessenungeachtet berührte sie ernstlich verschiedene unbemittelte ausländische Juden, die sich hier niederlassen wollten. Glücklicherweise aber war damals das Gesetz weniger streng gehandhabt und wirksam gemacht worden, als es jetzt der Fall ist, und die Folge davon war, daß gar mancher Nachkomme jener ausländischen Juden, die sich hier eingebürgerte haben, sich durch Fleiß, Ausdauer und Ehrlichkeit eine Position errungen hat, so daß es ihm möglich wurde, seinein englischen Vaterlande schätzenswerte Dienste zu erweisen. — Von Interesse ist auch ein Abschnitt in der „Geschichte der Juden in England", worin der Einfluß besprochen wird, den die verschiedenen ersten Uebersetzungen der hebräischen Bibel ins Englische auf ben Charakter, die Sprache und Literatur der englischen Nation ausgeübt haben. Die gediegenste unter diesen Uebersetzungen, heißt es daselbst, war die von Tyndale veranstaltete, der um das Jahr 1533 in London lebte. Ein moderner hoher Würdenträger der englischen Kirche (Dr.Westcott) machte darüber folgende charakteristische Bemerkung: „Tyndale hat zu allererst richtig die Tatsache erkannt, daß nämlich eine bemerkenswerte Verwandtschaft zwischen den englischen und hebräischen Idiomen besteht. Unsere eigene Sprache und Denkweise wurde daher für alle Zukunft mit dein semitischen Geist und Charakter nicht ohne Vorteil für uns harmonisch verbunden."— In einem hiesigen Theater ersten Ranges wurde eine Zeitlang „Der Kaufmann von Venedig" aufgeführt, und zwar geschah dies in einer ganz ungewöhnlichen Weise. Denn nicht allein sah man auf der Bühne einen Teil des alten Ghetto zu Venedig, nebst der dortigen altehrwürdigen Synagoge, aus der feierliche synagogale Melodien ertönten, sondern man bemerkte daselbst auch eine kleine Anzahl von wirklichen Juden, die aus dem berühmten Rialto scheu und furchtsam umherwandelten. Die Rolle des Shylock wurde von einem der ersten hiesigen Schauspieler gespielt, und zwar tat er dies in einer höchst sympathischen Weise, und erregte dadurch momentan die Sympathien des Auditoriums für den vielgeprüften und vielgehetzten italienischen Juden des Mittelalters. — Von Theaterstücken sprechend, will ich hier auch den Mißerfolg erwähnen, den die in „jüdisch" hier spielende Theatergesellschaft jüngst zu verzeichnen hatte. Darüber dürfen wir aber als Juden keine Träne des Mitleids vergießen, denn die Tatsache, daß „Jüdisch" die Sprache des alten und jetzigen Ghettos war und noch immer ist, sollte genügen, um bei uns eine Aversion dagegen hervorznrusen. Es ist nicht zu verkennen, daß die jüngere Generation der hier eingewanderten Juden bestrebt ist, für alle Zukunft die Sprache ihres neuen Vaterlandes zu sprechen, nicht aber das übelklingende Kauderwelsch, daß man hier in vielen ungebildeten jüdischen Kreisen nicht allein ausrecht erhalten, sondern auch zur Weltsprache machen möchte. — Einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten in England, Dr. Albert Löwy, starb kürzlich hier, nachdem er das hohe Lebensalter von 92 Jahren erreicht hatte. Löwy war ein Oesterreicher. In Wien auf der Universität kam er in freundschaftliche Berührung mit Steinschneider und Dr. Behnisch, und dieses Trio stellte sich damals schon die lobenswerte Ausgabe, die jüdische Wissenschaft nach Kräften zu fördern. Dieser Ausgabe entledigte sich Steinschneider, wie allgemein bekannt ist, vorzugsweise in Deutschland, während seine beiden Kollegen nach England gingen. Denn während Behnisch als langjähriger Editor des weitverbreiteten „Jewish Chronicle“ für die höheren Interessen des englischen Judentums segensreich wirkte, machte sich Löwy hier als Prediger der reformierten Gemeinde nützlich.' Er war auch einer der

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