Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 330 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Pünktlichkeit zurück. Wenn Sie einen Blick aus die vonuns in diesem Bericht aufgestellte Tabelle werfen, werden Sie sich von der Wichtigkeit dieser Einrichtungen überzeugen. Ihr Aufschwung ist lange Zeit in Rußland durch die Verwaltungsbehörden gehindert worden- Im Jahre 1906 bestanden 166 Kassen, im letzten Jahre sind 223 neu eröffnet worden. Ihre Zahl wäre noch beträchtlicher, wenn die zuständigen Instanzen in gewissen Provinzen sie genehmigen wollten. So zählten 100 Kassen, die den durch unsere Gesellschaft gewährten Vorteil boten, im Jahre 1907 an Mitgliedern 59 923; die entnommenen Darlehen beliesensich auf 5826212 Rubel, die Summe der Rückzahlungen betrug 4008 666 Rubel — 12 Millionen Franken. Wenn man die geringen Beträge der Darlehen berücksichtigt, so kann man daraus entnehmen, wie groß die Zahl derjenigen ist, die sie in Anspruch nehmen, und wie segensreich diese Institution der Darlehnskaffen ist. Das'von der Bevölkerung den in Rede stehenden 100 Kaffen anvertraute Kapital betrug bis zum Schluffe des Jahres 2 800 000 Rubel. Diese Kaffen sind ebenso unentbehrlich für die Landarbeiter. Wie Ihnen bekannt ist, widmen wir seit einer Reihe von Jahren unser Interesse der zahlreichen jüdischen Bevölkerung, die in Rußland von der Landarbeit lebt und in kleinen Städten oder in Marktflecken wohnhaft ist. Wir haben beigesteuert zur Verbesserung der Arbeitsmethoden, zur Einführung von neuen Kulturen, wir haben den Kolonisten Vorschüsse gegeben zum Erwerb von Vieh, von Ackergerätschaften, zur Anlage von Obstgärten, zum Weinbau usw. Was ihnen fehlte waren Geldvorschüsse, die nach kurzer Frist rückzahlbar waren, von denen sie zu gewissen Zeiten des Jahres ausgedehnten Gebrauch machen, hauptsächlich zur Zeit der Aussaat und der Ernte. Solche Darlehnskaffen sind neuerdings in den Kolonien eingerichtet, und wir haben ihnen den größten Teil der für ihre Gründung notwendigen Kapitalien zur Verfügung gestellt. In Galizien, wo das Eleud ganz besonders groß ist, gedeihen diese Kassen in gleicher Weise. Bis zum Schluffe des Jahres gab es dort 17 Kaffen mit 11310 Mitgliedern, welche für 236 310 Kronen Aktien subskribiert haben. Diese Kaffen verfügten über einen.Fonds im Gesamtbeträge von 1 073 946 Kronen, die Höhe der Darlehen im letzten Jahre ist bis auf 1 636 063 gestiegen. Sie betreiben regelmäßig ihre Tätigkeit, und es ist ihnen gelungen, einen Reservefonds von 78 000 Kronen sich zu beschaffen, der von Jahr zu Jahr im Steigen begriffen ist. Ich habe Ihnen nun, meine Herren, einen Bericht unserer Arbeit in diesem Jahre gegeben, der von dem Rechenschaftsbericht noch ergänzt wird. Wir müssen immer davon ausgehen, die Entwicklung unseres Werkes systematisch und mit Beharrlichkeit durchzuführen, und wir dürfen niemals unser Augenmerk von unserer Haupttätigkeit, der Kolonisation, ablenken lassen. Wir hegen keinen sehnlicheren Wunsch als den, für eine noch weit größere Zahl unserer Glaubensgenossen segensreich wirken zu können. Der gute Wille allein schafft es nicht, wir brauchen auch Zeit dazu. Die Rückkehr der Juden zum Ackerbau ist ja noch ein neues Problem. Selbst wenn man ihnen Gelegenheit gibt, Ackerbürger zu werden, so scheint es doch notwendig, sie dafür heranzubilden. Ihre Lehrjahre in Palästina wie in Argentinien waren improvisiert. Sie haben dorthin die Eigenschäften gebracht, die man ihnen nicht rauben kann: die Intelligenz, die Liebe zur Arbeit, eine unermüdliche Ausdauer. Gegenwärtig sind sie gute Ackerbauern; es genügte, ihnen den Boden zu geben, die Gerätschaften, um sie vorwärts kommen zu lassen. Nach einer Erfahrung von kaum einem Vierteljahrhnndert ist dieser Erfolg erreicht. Er ermutigt uns, vorwärts zu schreiten. Wir suchen nach neuen Stätten zur Kolonisation, und wir haben durch unseren Administrator Mr. Niöge verschiedene Gegenden des Orients zu diesem Zwecke in diesem Jahre besuchen lassen. Die einzigen Länder, wo eine Kolonisation unmöglich ist, sind diejenigen, wo unsere Kolonisten Herkommen. Verkennen diese Länder noch immer, was sie gewinnen würden, wenn man den Kolonisten mit der Freiheit zugleich das Recht am Besitz geben würde, was man ihnen bisher verweigert hat? Das ist keine theoretische Behauptung.' Mögen sie über uns lesen und sich informieren; sie werden schon eines Tages gewahr werden, was sie verlieren, wenn sie nicht human gegen unsere Glaubensgenossen verfahren.. lörirk aus Nürnberg. Nürnberg, 26. Juni, m 23. v. M. fand im großen Adlersaale eine Versammlung zwecks Gründung eines Vereins zUrVertretung religiös-, liberaler Interessen des Judentums statt, welche von etwa 4 bis 500 Personen, Herren und Damen, besucht war. Nach einleitenden Begrüßungsworten des Herrn Kommerzienrat Gallinger. welcher den Vorsitz führte, nahm Herr Schuldirektor Gombrich das Wort und legte in eingehender Weise den Zweck der heutigen Versammlung und die Notwendigkeit eines engeren Zusammenschlusses der liberalen Mitglieder der hiesigen Kultusgemeinde dar, Er führte aus, daß wie in ganz Deutschland, so auch hier in Nürnberg das Verhalten der Orthodoxen und die agressive Art, wie sie gegen liberale Einrichtungen zu Felde ziehen, ein einmütiges Zusammengehen aller liberalen Elemente erheische. Er betonte, daß an den Fundamenten der jüdischen Glaubenslehre nicht gerüttelt werden solle und dürfe, wohl aber müßte mit solchen althergebrachten Formen und'Gebräuchen. die den früheren Zeitverhältnissen angepaßt waren, in unserer Zeit aber nicht mehr aufrecht erhalten werden können, gebrochen werden. Er legte weiter dar, daß das Judentum nie stille gestanden, sondern sich stets, den Verhältnissen Rechnung tragend, entwickelt habe und fortgeschritten sei, deshalb müßten auch wir alle nicht mehr in die heutige Zeit passenden Sitten und Gebräuche umgestalten, sonst würde ein großer Teil der heutigen Jugend abgestoßeu und dem Judentum den Rücken kehren. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen betonte der Redner, daß die religiös liberalen Juden sich in der Treue und Hingebung an ihren angestammten Glauben mit den sogenannten Gesetzestreuen wohl messen können und daß ihnen die innere Wahrheit und das Sittengesetz, welches der jüdischen Lehre innewohnt, mindestens , ebenso heilig sei, als der strenggläubigen Richtung. Auch wir wollen nicht niederreißen, so versicherte der Redner, sondern fortentwickeln und dadurch alle diejenigen wieder gewinnen, die bisher teilnahmlos beiseite gestanden. Diese positive Arbeit stehe noch höher als der uns aufgezwungene Kampf gegen die Orthodoxie. Er forderte die Anwesenden auf, die Bewegung, die dem Judentum wieder einen frischen, belebenden Hauch verleihen wird, nach Kräften zu unterstützen; insbesondere mögen die reifereJugend und die Frauen durch tatkräftige Mitarbeit ihre Anhänglichkeit an das Judentum beweisen. Diese, mit großer Wärme vorgetragenen, allen Anwesenden aus den Herzen gesprochenen Worte fanden donnernden Beifall, und der Redner wurde von allen Seiten für seine vortrefflichen Ausführungen beglückwünscht. An der sich anschließenden Debatte beteiligten sich die Herren Kaufmann Josef Aufsesser, Justizrat Dr. Held, Rabbiner Dr. Freudenthal, Kaufmann Philipp Rosenbaum, Rechtsanwalt Dr. Erlanger. Herr Josef Aufsesser forderte in schlichten, zu Herzen gehenden Worten die Anwesenden auf, als Dank für die aufopfernde Tätigkeit der die Bewegung leitenden Herren dem Vereine beizutreten. In ausführlicher Weise beleuchtete Herr Justizrat Dr. Held die in Nürnberg und München getroffenen Vereinbarungen der Hauptgemeinde mit den Orthodoxen, wodurch ein friedliches Einvernehmen hergestellt werden sollte. Er bedauerte jedoch, daß dieser Friede nur ein scheinbarer sei, wenn die Orthodoxen, ihrer Zusage'zuwider, immer wieder mit neuen und unerfüllbaren Forderungen an die Gemeinden herantreten und dadurch das Einvernehmen zu stören suchen. Herr Rabbiner Dr. Freudenthal, mit lebhaftem Händeklatschen begrüßt, betonte zunächst, daß er in letzterer Zeit den lebhaftesten und unbegründetsten An- ' griffen und Verdächtigungen ausgesetzt sei, daß es aber für einenRabbiner sich nicht schicke, auf solche Anfeindungen anders zu antworten, als durch feine amtliwe Tätigkeit, die am deutlichsten erweise, daß er zu dem, was man ihm andichte, unfähig sei. Sein Bestreben werde nach wie vor sein, die Jugend zum treuen Festhalten an den Grundlehren des Judentums zu erziehen; eine solche Erziehung sei aber nur möglich durch eine religiöse Auffassung, die sich nicht hinter blindes Ablehnen wissenschaftlicher und kultureller Fortschritte verschanze, sondern einen Ausgleich zwischen Vergangenheit und Leben gestatte. Herr Ph. Rosenbaum,^ eines der ältesten Mitglieder der Gemeinde, wie er sich ausdrückte,, schon infolge seines hohen.Alters aus konservativem, aber nicht orthodoxem Boden stehend, begrüßte die ins Leben gerufene Bewegung. Herr Rechtsanwalt Dr. Erlanger.