Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 328 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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uns hier nicht mit den Aussagen der Privatzeugen, der Privatkläger beschäftigen, denn diese haben in den Augen der „Patrioten" überhaupt keinen Wert, sie lügen natürlich alle, ebenso wie ihre juridischen Vertreter, diese verfluchten Kadetten, die den Prozeß ausschließlich dazu benutzten, um die „echten Russen" zu beschimpfen, wobei, wie es in der „Rußkoje Snamja" heißt, „der altersschwache Vorsitzende des Gerichts ihnen keinen Einhalt gebieten wollte oder konnte". Aber was bedeuten Urteile, wenn die „öffentliche Meinung", wie „Rowoje Wremja" zu behaupten sich nicht entblödet, auf seiten der Pogromhelden ist! Was soll ein Gerichtsspruch in einem - Lande bedeuten, in dem es nicht nur eine Gerechtigkeit gibt, sondern wo man für jede gesellschaftliche Gruppe, für jede politische Schattierung, für jede Nationalität usw. eigene „Gerechtigkeiten" hat. Das Einzige, was man aus den Verhandlungen in Vialistok hat schließen können, ist, daß sich solche oder ähnliche Vorgänge in Rußland immer wieder veranstalten lassen werden, bis das Volk sich selbst zu jenem Minimum von Kultur durchgerungen haben wird, das Pogroms zu undenkbaren Erscheinungen macht. Inzwischen sehen die Verurteilten, ermuntert durch die Presse des Schwarzen Hunderts, ruhig ihrer Begnadigung entgegen, die, wie in anderen Pogromprozessen, wohl nicht lange ans sich warten lassen wird. Die Geirrrsloerlsmmlmig der Jewish Colonisation Association. Paris, 3. Juli. nt 28. v. M. fand unter dem Vorsitz des Präsidenten des Verwaltungsrats, Herrn Narcisce Leven, hier die Generalversammlung der Jewish Colonisation Association statt. Zu derselben hatten sich eingefunden die Herren Leonhard L. Cohen-London, Paul Errera-Brüssel, Dr. Edmund Lachmann, Vertreter der Berliner jüdischen Gemeinde, Herbert G. Lousada, Claude G. Montefiore- London, Vertreter der Anglo Jewish Association, Dr. A. Netter, Vertreter der Alliance Israelite Universelle, Franz Philippson, Vertreter der jüdischen Gemeinde Brüssel, und Salomon Neinach-Paris, Mitglieder des Verwaltungsrats. Der Vertreter der jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M., Justizrat Dr. Blau, hatte sich entschuldigen lassen und sein Mandat Dr. Lachmann übertragen. Außerdem nahmen an der Versammlung teil die Direktoren Dr. S. Sonnenfeld und E. Meyerson, Sekretär E. Schwarzfeld und D. Cazös. Nachdem der Präsident die ordnungsgemäße Einberufung der Versammlung festgestellt hatte, legte er nach Billigung des Protokolls der vorjährigen Generalversammlung den Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit der Gesellschaft während des Jahres 1907, die Bilanz und den Bericht des vereidigten Sachverständigen, der die Rechnungsbücher geprüft hat, vor. Alle diese Berichte wurden von der Versammlung genehmigt. In der der Generalversammlung vorangegangenen Sitzung des Verwaltungsrats ist an Stelle des verstorbenen Herrn Charles L. Hallgarten Herr Jsaae Dreyfus in Frankfurt a. M. zum Mitglied des Verwaltungsrats gewählt worden. Sodann nahm der Präsident das Wort zu folgender Ansprache: „Meine Herren! Bevor ich Ihnen einen Ueberblick über die Arbeiten des abgelaufenen Jahres gebe, ist es mir Bedürfnis, meine ehrfurchtsvolle Huldigung dem Andenken des ausgezeichneten Mitarbeiters, den wir soeben verloren haben, des Herrn Charles Hallgarten, zu widmen. Vor einigen Monaten noch weilte er in unserer Mitte, und trotz seiner geschwächten Gesundheit hat er uns einen großen Teil seiner unermüdlichen Tatkraft gewidmet. Er hat sie überall eingesetzt, wo es galt, Gutes zu tun. Er fehlt in seinem Heimatlande, wie überall, einer beträchtlichen Anzahl von Institutionen, die er geschaffen und unterstützt hat. Seine Wohltätigkeit wie seine Güte waren unerschöpflich. Ganz besondere Sorgfalt hat er jenen unglücklichen Glaubensgenossen zugewandt, welche die Verfolgungen aus Rußland und aus Rumänien verjagen. Er hättü tiefes Mitempfinden für ihr Elend und hat es selbst, soweit er vermochte, gemildert. Er wachte über sie in den Vereinigten Staaten; die Institutionen, welche in jenem großen Lande, das er so genau kannte, zu ihrer Unterstützung geschaffen -wurden, besaßen an ihm einen eifrigen Sachwalter. Wir hörten auf ihn mit ebensoviel Sympathie wie Hochachtung. Die Verminderung seiner Kräfte verminderte nicht seinen Feuereifer. Er hat gearbeitet bis zu seinen letzten Augenblicken. Ach, er ist von uns gegangen und hinterließ uns mit dem Beispiel eines wunderbar ausgefüllten Lebens unauslöschliche Trauer. Ich brauche Ihnen die-Arbeiten des abgelaufenen Jahres nicht im einzelnen zu schildern, denn Sie haben darüber den eingehenden Rechenschafts-Bericht in Händen; aber ich erachte es für nützlich, einige große Gesichtspunkte hervorzuheben, die ich mir erlaube Ihnen darzulegen. An erster Stelle steht unser Kolonisationswerk in Argentinien. Die jüdischen Kolonien, welche wir in allen Formen geschaffen haben und deren älteste erst fünfzehn Jahre existieren, konsolidieren und vergrößern sich fortgesetzt, und alljährlich habe ich die angenehme Aufgabe, Ihnen von ihren Fortschritten zu berichten. Die Gesamtbevölkerung unserer Ansiedlungen, welche anfangs vorigen Jahres 11 974 Seelen betrug, hat sich am Ende des laufenden Jahres auf 13 212 vermehrt. Die Fläche des besäten Bodens stieg von 58 400 auf 64 000 Hektar, die Stückzahl des Viehs von 104 000 auf 142 000. Zugleich mit der eigentlichen Landwirtschaft gewinnt die Viehzucht, welche eine der Haupteinnahmequellen der Bevölkerung Argentiniens bildet, alljährlich in unseren Kolonien an Ausdehnung. Zu ganz besonderem Vergnügen gereicht es mir, festzustellen, daß dieses Wachstum und Gedeihen ein allgemeines ist, und daß diejenigen Kolonien, welche uns eine gewisse Zeitlang Sorge machten, es verstanden haben, sich auszurichten und dauernd ihren Weg zu finden. In Mosesville, wo die klimatischen Bedingungen für die Großkultur nicht sonderlich günstig sind, haben die Kolonisten ihre unzureichenden Einnahmen dadurch ergänzt, daß sie die Luzerne-Kultur ansehnlich entwickelten, welche auf dem Boden dieser Kolonie wunderbar vorwärts kommt und leichten, einträglichen Absatz findet. Die Produktion dieser Futter-Pflanzungen ermöglicht es ihnen zugleich, sich mit Erfolg der Viehzucht zu widmen. In den Kolonien der Provinz Entre Rios, welche allein nahezu 7000 Seelen zählen, und denen es an Schwierigkeiten nicht gefehlt hat, haben die Erträgnisse der beiden letzten Ernten bewiesen, daß gute Arbeiter dort ebensogut vorwärts kommen können wie anderswo. In ausnahmslos allen unseren Kolonien verstehen es die Kolonisten, aus sämtlichen Einnahme-Quellen, die wir ihnen zur Verfügung gestellt haben, Vorteil. zu ziehen. Sie verstehen es, die Groß-Kultur mit der Viehzucht zu vereinigen, sich der Herstellung und dem Verkauf von Milch, der Geflügelzucht usw. zu widmen. Sie arbeiten mit Hilfe ihrer erwachsenen Kinder und der fast sämtlich jüdischen Tagelöhner, welche die Gewißheit, Beschäftigung zu finden, und die Befriedigung, in der Mitte von Glaubensgenossen zu leben, in immer größerer Anzahl in unsere Kolonien führen. Wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl unserer Kolonisten früher von der Land- ■ Wirtschaft nichts verstanden, so können wir nicbt umhin, anzuerkennen, mit welcher Leichtigkeit sie sich den Lebens- und Arbeits-Bedingungen in Argentinien angepaßt haben, und uns zu den Erfolgen zu beglückwünschen, welche sie in so wenigen Jahren erzielt haben. Bemerkenswert ist ferner der Geist der Solidarität, von welchem unsere Kolonisten durchdrungen sind, und die Leichtigkeit, mit welcher . sie ihre Kommunalverwaltung organisieren. Sie haben in jeder Änsiedlung Kooperativ-Genossenschaften ins Leben gerufen, welche die Grundlage einer autonomen Verwaltung, des Sels-Gouvernements, bilden, dessen Einrichtung wir unsere Bemühungen widmeten.- Die Ausgaben von allgemeinem Interesse: die Kosten des Sanitätswesens, der Unterhalt der Synagogen, der öffentlichen Bäder, der Friedhöfe, der Verkauf von Koscher-Fleisch, das Bibliothekswesen usw. werden heute von den Kolonisten selbst geleistet; wir tragen nur zu den Kosten des Schulwesens bei, an welchem auch die Provinz-Regierungen teilzunehmen beginnen; eine große Anzahl unserer Schulen erhält von ihnen Unterstützungen. Ferner gewähren wir alljährlich den Genossenschaften der- Kolonisten zur Verteilung während der Erntezeit an diejenigen, die derselben bedürfen, Vorschüsse, deren Rückzahlung