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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-10 · Heft 28 (10.7.1908) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
Seite 326 (sequence 4)
Language
German
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Denn auch wir. sind Gegner der Juden, wie sie die Antisemiten schildern, die aber tatsächlich nur in der Phantasie der Antisemiten existieren, wie gewisse angeblich jüdische Typen nur noch in der Phantasie der Karikaturenzeichnerexistieren, was ein anderes Mal besprochen werden soll. Aber nur diese Juden der antisemitischen Presse und einiger zurückgebliebenen Witzblätter sind den meisten Nichtjuden bekannt. Andere Juden kennen viele überhaupt nicht oder doch nicht näher. Darum sind sie auch meistens ganz erstauntwenn sie mit Juden gesellschaftlich Zusammenkommen, daß diese „auch" gebildete, anständige, ja sogar sehr nette und liebenswürdige Menschen sind. Leider glauben sie dann auch in der Reget, daß diese Juden Ausnahmejuden seien. Daher die so häufig gehörte -Redewendung: „Ja, wenn alle Juden so wären wie Sie." . Es liegt also tatsächlich sowohl im Interesse der Juden wie der Christen, sich näher kennen zu lernen. Wir find fest. überzeugt, daß Juden, wenn sie nicht direkt aufdringlich sind -Twas immer abstößt — wenn sie sich nicht in Kreise drängen, in die sie nach ihrem Bildungs- und Gesellschaftsstand einmal nicht hineingehören, nur selten während der Reise auf offenen oder latenten Antisemitismus stoßen werden. Dazu ist die deutsche Nation denn doch zu gebildet und auch zu sehr Industrie- und Handelsvolk geworden, das also von höherer Warte' und besser ausgerüstet Menschen und Dinge beurteilt, als etliche ostelbische Junker, subalterne Geister in der Armee und im Zivil, Studenten, die besser täten, sich mehr um die Wissenschaft und weniger um den Komment und die Mensur und die jüdische Konkurrenz zu kümmern. Von den Snobs, die antisemitisch tun, weil sie dann sich besser dünken zu können glauben, wollen wir nicht erst reden; sie sind die widerwärtigsten . Antisemiten, und ihnen geschieht recht, wenn der weimarische Gernegroß sagt: Viele seien nur deshalb nicht offen Antisemiten, weil sie sich zu vornehm dünken. Aus Grund langjähriger Erfahrung können wir ohne weiteres behaupten, daß wir in gut bürgerlichen Kreisen Nur selten einem Anflug von Antisemitismus begegnet sind. Ganz und gar im Gegenteil. Das arbeitende, denkende deutsche Volk ist nicht antisemitisch, und so ist es auch das sich erholende nicht. Darum können unsere Glaubensgenossen auf ihrer Erholungsreise getrost ihre Scheu und ängstliche Zurückhaltung Nichtjuden gegenüber aufgeben. Es ist da leichter als in der gewohnten Umgebung. Wir sind überzeugt, sie werden gute Neisekameradschaft finden, und nach ihrer Heimkehr auch den Verkehr weiterpflegen. Es ist nachgerade an der Zeit, zu den guten Traditionen des vorigen Jahrhunderts zurückzukehren, Brücken hinüber und herüber zu schlagen und einander wieder näher zu treten. Nicht als Bittende und Bettelnde, nicht als Geld- oder Bildungsprotzen brauchen und sollen die Juden auftreten, sondern ruhig, gesittet und sich des eigenen Wertes wohl bewußt. Wenn das geschieht, dann wird daraus nur Segen für uns nicht nur, sondern auch für das ganze deutsche Vaterland erwachsen. Die zwei Lager, in die zuerst Herr Stöcker und dann eine böse Rotte die Bevölkerung des deutschen Vaterlandes zu spalten versucht haben, existieren tatsächlich nur in der Dreistigkeit der Antisemiten und der Aengstlichkeit der Juden. Angesichts der längst abebbenden antisemitischen Schlammflut wollen auch wir nicht länger überempfindlich sein und alles tun, was an uns ist, um die gesellschaftliche Verbindung zu fördern. Sir Mache. Berlin- 7: Juli. ine sehr interessante Meldung über Offizierw ahl und Konfession brachte in dieser Woche ein hiesiges Blatü Dieselbe lautet: „Wie uns von. zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, ist dieser Tage von allerhöchster Stelle ein Erlaß an die Kommandostellen ergangen, daß bei den Wahlen zum Offizier keine. Rücksicht auf die Konfession des Aspiranten genommen werden' darf. — Der Wortlaut des Erlasses, der nur die Gleichberechtigung der Konfessionen betrifft, bleibt wesentlich hinter dem durch die Verfassung festgelegten Grundsatz des gleichen Rechts aller Religionen zurück. Es mag' aber sein, daß hier der übliche Sprachgebrauch den Erlaß enger gefaßt erscheinen läßt, als er gemeint ist. Jedenfalls bedarf es noch der „authentischen Interpretation", ehe man näher auf die Sache eingehen kann. Für die Praxis schließlich wird es darauf ankömmen, zu erfahren, welche Mittel angewendet werden sollen, daß die Gleichberechtigung aller Religionen bei der Wahl von Offizieren auch tatsächlich anerkannt wird," Selbstverständlich müssen wir die „authentische Inter-' pretation", die nicht fehlen wird, wenn sich die Nachricht überhaupt bestätigt, abwarten, ehe wir die Bedeutung dieses Erlasses für unsere Verhältnisse besprechen können. $ Eine sehr ansprechende Charakteristik des politischen Antisemitismus entwirft die — „Kreuzzeitung". Anlaß dazu gab ihr der Umstand, daß die Antisemiten für die Reichstagsersatzwahl in Kolmar-Czarnikau-Filehne den Konservativen eine Sonderkandidatur gegenübergestellt und damit ein großes Fiasko gemacht haben. Die antisemitische Reformpartei, so heißt es in diesem Artikel der „Kreuzzeitung", zeige eine richtige Chamäleonsnatur: „Da behauptet der eine Agitator in der Stadt, die Landwirtschaft sei genügend vertreten und es müßten mehr Städter in den Reichstag. Der andere stellt sich als Mitbegründer des Bundes der Landwirte vor, als dessen Kandidat er gewählt sei, als solcher müsse er zur Wahl des Antisemiten raten. Hier wird der (antisemitische) Kandidat als Angehöriger des gewerblichen Mittelstandes geschildert, dort wird es so dargestellt, als sei dies nur Nebensache, und die Bewirtschaftung von 120 Morgen Landbesitz die Hauptsache. Wieder wo anders wird der frühere Beruf (des antisemitischen Kandidaten) als Fleischermeister ins Treffen geführt. Der eine Redner erklärt, der Bund der Landwirte stehe vollkommen unter dem Einfluß von Junkern und Großgrundbesitzern, die auf das Interesse der Bauern nicht, die geringste Rücksicht nähmen, der andere meint, der Bund der Landwirte stehe zu seiner Partei in einem viel engeren Verhältnis als zur konservativen! Von der einen Seite wird die Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf Abkömmlinge als das einzig Wahre gerühmt, ein anderer antisemitischer Agitator bestreitet acht Tage darauf in einem Nachbardorf, daß seine Partei einer Ausdehnung der Erbschaftssteuer anders als im alleräußersten Notfälle zustimmen werde. Ein Antisemit empfiehlt eine verstärkte Heranziehung nur der höchsten Einkommen, ein anderer will einen besonderen Reichszuschlag schon bei einem Einkommen von 900 Mark beginnen lassen. Der eine bestreitet, daß Ahlwardt jemals zur Neformpartei gehört habe, ein anderer weist darauf hin, daß der Wahlkreis Friedeberg-Arnswalde seit 1892 antisemitisch vertreten sei, zuerst durch „unfern Ahlwardt". Ein antisemitischer Abgeordneter gibt zu, daß die Neformpartei mit ihren sechs Abgeordneten im Reichstag zur Wirtschaftlichen Vereinigung nur in freundschaftlichen Beziehungen steht, aber nicht zu ihr gehört, ein anderer behauptet, beide seien eins. „Gegen das Judentum Hai wohl schwerlich jemand, einen Angriff aus dem Munde der antisemitischen Agitatoren gehört." Wenn auf das Verhalten sächsischer Antisemiten bei Stichwahlen zwischen Konservativen und Sozialdemokraten hingewiesen wird, so wird erklärt, daß die Sozialdemokratie der Reformpartei allerdings näher stände als die Konservativen.

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