Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 28. Berlin, 10. Juli 1908. eitung desAuüentumL Gin unparteiisches Vrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von ' Rabbiner Sr. Ludwig Philixxson. Verlags-Expeditton: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer'Straße HK/4S, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Mr die Lkilk. Berlin, 7. Juli. ir stehen an der Schwelle der Reise-Hochsaison. Man rüstet sich in unseren Kreisen in großer Zahl, Er-- y holung und Erfrischung im Gebirge oder an der See oder auch in Bädern zu suchen. Man arbeitet ja viel, besonders geistig, man bedarf der Erholung, und gönnt auch den Gattinnen und Kindern gern eine Erfrischung. Man wird für einige Zeit losgelöst sein von der gewohnten Umgebung und neue Menschen sehen und kennen lernen. Es wäre unseres Erachtens kein .so übles Nebenergebnis einer Erholungsreise, wenn unsere Glaubensgenossen, selbstverständlich ohne im geringsten aufdringlich zu sein, auch so zu sagen einen vollständigen geistigen Luftwechsel genießen könnten. Behaupten ja nicht wenige Sachverständige, daß Per Hauptwerk der Erholungsreise weniger in dem Genuß der ver---. schiedenen Brunnen und Bäder, als in der Loslösung von der bisherigen Umgebung und dem Luftwechsel bestehe. Da die Juden teils notgedrungen, teils aus freien Stücken meist, ja fast nur mit den Ihrigen verkehren, wäre -es . von großem Nutzen, und zwar für beide Teile, wenn die größere Freiheit, die das Reisen und der Aufenthalt in Hotels, Bädern und Sommerfrischen zur Anknüpfung von Bekanntschaften gewährt, dazu auch benutzt würde. > Man wirft den Juden vor, daß sie Clans bilden. Man vergißt, daß man denselben Vorwurf den Schotten, den Iren, in der Tat jeder Minorität macht. Bei uns kommt allerdings noch hinzu eine gewissermaßen erbliche Belastung, die von der Ghettozeit herrührt, da die Juden einen anderen gesellschaftlichen Verkehr als den untereinander überhaupt nicht kannten, sodann die häßliche Wirkung der antisemitischen Strömung, die Pie Juden leider scheu und zurückhaltend gemacht hat. Man sieht auf jüdischer Seite oft mit Unrecht antisemitische Gespenster. Weil es eine Bande von Antisemiten unzweifelhaft gibt, weil diese sich durch Geschrei wichtig und bemerkbar macht, weil wir im Staat und im Reich noch nicht alle Reckte in Wirklichkeit'genießen, weil hier und da christliche Snobs sich fein Vorkommen, wenn mit Juden nicht verkehren und in ihren Bureaus, Kontoren, Fabriken keine Juden anstellen, glauben viele, mit Unrecht, daß ein großer Teil des deutschen Volkes von der Seuche infiziert sei, und manche halten, bis ihnen der Gegenbeweis erbracht ist, geradezu jeden Andersgläubigen auch für einen Antisemiten/ Das aber ist falsch, grundfalsch, ist auch unseren Mitbürgern gegenüber ungerecht. Da wir aus voller innerster Ueberzeugung den Antisemitismus für etwas Grundschlechtes, für etwas ganz und gar Abscheuliches halten, für etwas, das auf einen sehr niedrigen Bildungsstand — einzelne gebildete Antisemiten, die es hier und da gegeben hat, vielleicht noch gibt, sind nur die üblichen Ausnahmen, die es von jeder Regel gibt — und auf ein noch niedrigeres Kulturniveau schließen läßt, so haben wir kein Recht, Unbekannte ohne weiteres des Antisemitismus verdächtig zu halten. Es ist dies eine schwere Beleidigung, die wir uns ihnen gegenüber zuschulden kommen lassen: wir tun ihnen Unrecht und schaden uns selbst, wenn wir ohne jeden anderen Grund als meist willkürliche Annahme den Verkehr mit ihnen meiden und ihnen und uns selbst die Wohltat eines gelegentlichen Gedankenaustauschs entziehen. Die in Antisemitismus machen, erhalten uns und alle Welt freilich gern in dem Glauben, daß diese Seuche weit verbreitet sei, viel weiter, als aus der Größe der einen ganzen KuddelmÜddel von Prinzipien und Parteien einschließenden antisemitischen Fraktion, aus der Geringwertigkeit ihrer Presse und der Minderwertigkeit ihrer Größen geschlossen werden dürfe. Sie haben zu diesem Zweck den latenten, den gesellschaftlichen, den vornehmen Antisemitismus erfunden, an den man um so eher zu glauben geneigt ist, als die Antisemiten selbst ihn bekämpfen. Sie behaupten, diese Sorte Antisemiten sei nur — feige. Mit einer Leichtfertigkeit und Unverschämtheit sondergleichen wagen diese Burschen, der (nach ihren Behauptungen) fast ganzen deutschen Nation — Feigheit vorzuwerfen. Wir haben nach einer solchen infamen Generalbeschuldigung der eigenen Stammes- und Glaubensgenossen kaum noch das Recht, uns über die Beschuldigungen zu beklagen, die die Antisemiten gegen uns erheben. Wer so sein eigenes Nest beschmutzt, wer so einer ganzen großen, der eigenen Nation, einen solchen unerhörten Vorwurf zu machen sich erfrecht, wird natürlich einer winzigen Minorität von Bürgern gegenüber, die er obendrein für Fremde hält, nicht sonderlich rücksichtsvoll sein und die Beschuldigungen gewissenhaft abwägen. Unsere nichtjüdischen Mitbürger sollten sich nur sagen, daß genau so wahr, wie die Behauptung, die deutsche Nation sei feige, auch das wahr ist, was diese General-Ehrabschneider den Juden zum Vorwurf machen/ Zum Beweise für die Behauptung, der Antisemitismus reiche selbst bis zu den Häuptern der freisinnigen Parteien, berufen sich die antisemitischen Tintenkulis gern . auf eine Aeußerung des verstorbenen Abgeordneten Lenzmann, der gesagt hat, jeder anständige, Mensch sei ein bißchen Antisemit. Wir wollen nicht den viel.schärferen Ausspruch desselben Abgeordneten, er sei zu anständig, um Antisemit zu sein, als Ausgleich mit einem starken Uebergewicht zugunsten der Juden entgegenhalten, sondern wir geben dem Abgeordneten Lenzmann hinsichtlich des ersten Ausspruchs sogar recht.