Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 —r WMWM W Das Schöffengericht hatte aus zwei Gründen, freigesprochen: Zunächst weil Geistliche nur insoweit als Beamte anzusehen seien, als sie staatliche Funktionen ausüben, nicht aber bei Ausübung rein kirchlicher Handlungen, Deo Begriff der Ämtskleidung beziehe sich aber nur auf Beamte, als welche Geistliche in diesem Falle nicht anzusehen seien. Das Schöffengericht nahm weiter en, daß der Angeklagte auch aus subjektiven Gründen. freizusprechen sei, da nur der „unbefugt" eine Amtstracht trage, der sich der Rechtswidrigkeit feiner Handlung bewußt ist; dies sei aber hier nicht der Fall. Die Strafkammer hat unter Aufhebung des schöffengerichtlichen Urteils den Angeklagten zu einer Geldstrafe von fünf Mark verurteilt, indem sie annahm, daß die Amtskleidung der evangelischen Geistlichen den Schutz des § 360 Ziffer 8 genieße, und indem sie weiter seststellte, daß der Angeklagte hätte wissen müssen, daß er nicht berechtigt sei, die von ihm beliebte Kleidung zu tragen. — Der Verurteilte wird gegen das Straskammerurteil Revision einlegen. Gesterretch-Nnsarn. □ Wien, 28. Juni. Das sensationellste Ereignis dieser Woche war die Konferenz des Herrn Direktors Theodor Ritter v. Taussig mit dem Bürgermeister Dr. Lueger im Rathause. Die Bodenkreditanstalt hat nämlich mit der Länderbank zusammen die Führung bei Uebernahme von zweihundert Millionen Kronen der großen 360 Millionen Kronen-Anleihe der Stadt Wien übernommen. Daß man sich darüber wundert, ist erstaunlich, denn Herr v. Taussig hat ja auch trotz aller Pogroms die Russenemission in Oesterreich gemacht und mußte deshalb aus dem Vorstand der Kultusgemeinde scheiden. — Die Abgeordneten Straucher und Mahler haben im Reichsrat bei der Budgetdebatte zu wiederholten Malen über die Lage der Juden in Oesterreich gesprochen. Sie haben eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten und Brutalitäten gegen die Juden vorgebracht, mit welchen Regierung und- Nationalitäten in Oesterreich ihrem Edelmut und ihrem kulturellen Rang Ehre machen. Die Wiener Antisemiten opponierten mit ihren Zwischenrufen aus der Gosse, mit denen sie die Gasse aufzuhetzen pflegen. Dr. Straucher ließ sich aber nicht irre machen, und er führte mit großem Geschick aus, wie undankbar und töricht die Deutschen Oesterreichs an den Juden handeln, an ihren Pionieren im Osten des Staates, die sich jetzt natürlich von ihnen abwenden. Einen praktischen" Erfolg haben aber diese, wie alle Parlamentsreden der Opposition, nicht gehabt. Von Msh und jfrrn. — Am 21. d. Mts. ist der Kapellmeister Semmrh Hirsch im 58. Lebensjahre gestorben. — Am 25. d. Mts. ist hier der Rentier Salomon Wagner gestorben, der fast 40 Jahre dem Repräsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde Militsch, auch als Vorsteher, angehört hat. — In Köpenick wurde Lehrer Frank aus Bütow zum Kultusbeamten gewählt, nachdem Lehrer Rosenkranz, der 11 Jahre daselbst gewirkt, nach Brandenburg a. H. berufen wurde. — In Lauenburg wurde Dr. Salom on-Charlottenburg zum Rabbiner gewählt — Gelegentlich der Enthüllungsfeierlichkeiten kam es vor dem Bach-Denkmal in Leipzig zu antisemitischen Ausschreitungen seitens deutscher Studenten. Die Polizei war genötigt, die Ruhestörer zu verhaften. — Die Bonner Korpsstudenten des S. E. haben am Fackelzug zu Ehren Bismarcks nicht teilgenommen; angeblich erfolgte die Absage wegen der Beteiligung der jüdischen Verbindung Rheno - Silesia. — Anläßlich des hundertjährigen Jubiläums der Physikalisch-Medizinischen Sozietät in Erlangen wurde Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Ehrlich in Frankfurt a. M. zum Ehrenmitglied derselben ernannt. — Zum Rabbiner der Gemeinde Wiesbaden ist Dr. Adolf Kober, bisher stellvertretender Rabbiner in Köln, gewählt worden. — In Mannheim ist Herr David Karl Aberle, ein guter Jude und treuer Anhänger der demokratischen Partei, nach langem Leiden gestorben. — Der Nestor der pfälzischen Aerzte, Hosrat Dr. Veit Kaufmann in Dürckheim, feierte unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise seinen 80. Geburtstag. — Der Rabbinatskandidat Lipschitz aus Ungarn hat sich — wie man uns aus Fürth schreibt, nicht selbst entleibt, sondern er ist im dortigen israelitischen Spital an Tuberkulose gestorben. — In Metz feierten der Professor des Lyzeums, Dr. L. Zeligzon sein- 25 jähriges Amtsjubiläum. Derselbe war jahrelang im Vorstand des dortigen jüdischen Literaturvereins. — In Biel wurde Herr Salomon Heß auf Vorschlag der Freisinnigen Partei in den großen Stadtrat gewählt. — In Norwegen wohnen im ganzen 624 Juden und zwar die meisten in Christiania. — In England ist auch das Stinmwecht der weiblichen Betsitzinhaber in den Shnagogengemeinden zur Diskussion gestellt worden. Die großen Organisationen „Jewish Boai-d of Guardians“ wie amf) öie „Anglo Jewish Association“ haben den Frauen prinzipiell das Stimmrecht eingeräumt. In den spanischen und portugiesischen Gemeinden wird den Frauen nur bei Besetzung der Chasanim-Posten das aktive Wahlrecht eingeräumt. Hingegen haben die Mitglieder der Zentral- Synagoge alle Versuche, den Frauen das Stimmrecht zuzusichern, bisher zurückgewiesen. — Der Kurator des Warschauer Lehrbezirks hat einen Juden namens Lehrmann, Zögling der Odessaer Universität, zum Lehrer der Mathematik am hiesigen zweiten Staatsghmnasium ernannt, und der Direktor der Weichselbahnen hat zwei jüdische Studenten für die Sommermonate als Kontrolleure der Personenzüge mit einem Monatsgehalt von je 50 Rubel angestellt. Beide Tatsachen sind so ungewöhnlich, daß sie allgemeines Staunen Hervorrufen. — Der Großindustrielle. Kommerzienrat M. B. Halpern in Kiew hat anläßlich seines vierzigsten Hochzeitstages 400 000 Mark für wohltätige Zwecke gespendet. 100 000 Rubel werden zum Bau eines Tuberkulosensanatoriums, 40 OOO Rubel für ein Altersheim, 10 000 Rubel für die Fabrikarbeiter, 20 000 Rubel für verschiedene andere öffentliche Institute verwendet. Die Kinder der Jubiläre überbrachten den Eltern 40 000 Rubel für die Errichtung eines Waisenhauses. — Der Ingenieur Saraoja, Karlstrem und der PastorKandolin richteten an den finnischen Senat folgende Bittschrift: „Infolge von Zeitungsnachrichten über die Verordnung des Senates in bezug der Fortschickung einiger jüdischen Familien aus Finnland wenden wir finnländifche Bürger uns mit oer Bitte an den Senat, daß es wenigstens dem Rabbiner Chaim Hurwitz gestattet sein möge, in Finnland auf einen scchsmonatlichen Posten zu bleiben, gleich den von früher her in Finnland wohnenden Juden." — Die außerordentliche Versammlung des Poltawer Adels beschloß in das Adelsgymnasium Kinder aller Stände, mit Ausnahme der Juden, und sogar auch der getauften Juden, aufzunehmen. — Auf der Kunstausstellung in Petersburg hat die Zensur die Büste des bekannten liberalen Geistlichen Grigory Petro w, die Arbeit des berühmten Bildhauers Elias Günzburg, des Lieblingsschülers des unvergeßlichen Mark Antokolsky, entfernt. — In Kischinew tötete sich der Aufseher des jüdischen Greisenasyls Epstein. Die Ursache des Selbstmordes liegt darin, daß er von seinem Posten entfernt wurde. — Die Odessaer jüdische Gemeinde erhielt vom General-Gouverneur und Stadthauptmann Tolmatschew folgende schriftliche Mitteilung: „Bitte' den Mitgliedern Ihrer Gemeinde meine tiefe Dankbarkeit für ihre herzlichen Beziehungen zu mir zu übermitteln." — In Odessa wurde wieder ein neuer Verband, nämlich der russische Volksverband Michael der Erzengel, begründet» Im Rate dieser neuen antisemitischen Schöpfung sitzen bekannte Judenfresser. — In der „Rossija" erschien am 7. vorigen Monats eine Mitteilung über ein Zirkular des Ministers der Volksaufkläru^ng wegen Beschränkung des Wohnrechts der jüdischen Studenten in den Vorstädten der Residenz. Nach Veröffentlichung dieses Zirkulars richtete der Rat der Universitätsprofessoren eine Anfrage an den Kurator des Lehrbezirks. Der Kurator erwiderte hierauf, daß er ein ähnliches Zirkular nicht erhalten habe. Nichtsdestoweniger begann die Lokalbehörde ihre Tätigkeit, die jüdischen Studenten aus diesen Ortschaften auszuweifen. Dieselben wendeten sich an den Prorektor, der ihnen sagte, daß die Polizei ungesetzlich verfahre, und daß die jüdischen Studenten auf Grund der bestehenden Gesetze das Wohnrecht in allen jenen Orten haben, die in den Pässen angewiesen sind. Die Polizei ihrerseits hat öffentlich erklärt, daß wenn die jüdischen Studenten nicht gutwillig diese Ortschaften verlassen, so werden sie auf administrativem Wege ausgewiesen. — Unter den Deputierten der Reichsduma ist das Gerücht verbreitet, daß der reaktionäre Minister der Volksaufklärung Schwarz seinen Abschied erhalten soll.