Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 324 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Tore zu. An das dazwischen liegende Schwerdnitzer Tor ge- I langt, werden sie einige Augenblicke durch einen die Straße rasch vorüberrollenden Reisewagen aufgehalten. Horwitz, der demselben am nächsten gestanden, hat, durch das geöffnete Kutschfenster blickend, den Kaufmann Maier Heilbrunn erkannt. „Hast Du Deinem Onkel nichts auf die Reise mitzugeben?" fragte Horwitz, zu Lohn gewandt; „ich wette, der will die Zerstörung Jerusalems in Salzbrunn feiern und hat vor lauter . Gepäck die Klagelieder vergessen." „Die Pest auf den Weg für den Lumpen!" entgegnete - Cohn in aufwallendem Zorn, „ich hasse sonst keinen Menschen . und wünsche niemand Böses an, aber bei Gott dem Allmächtigen, ich schenkte zehn Jahre von meinem Leben, wenn ich diesen Wicht noch mit dem Pack auf dem Rücken, wie wir, auf die Märkte ziehen sähe." „Wie kannst Du Dein eigen Fleisch und Blut so schelten?" fragte Isaak unwillig. „Ihr wißt nicht, was dieser Elende mir getan hat," erwiderte Cohn, durch die Ermahnung seines älteren Genossen in nichts beruhigt, „er ist ja am meisten an meinem Unglück schuld. Hätte er mir nicht so zugesetzt, nach Breslau zurückzukehren, ich säße jetzt in Paris in meiner eigenen Werkstatt, während ich hier ein verdorbener Schuster und angehender Hausierer bin. Gift und Galle möchte ich speien, wenn mir zuweilen die Briefe zu Gesichte kommen, die dieser reiche Onkel mir nach Paris geschrieben, wenn ich die großartigen Versprechungen wieder lese, die er mir gemacht hat, um mich zu . bestimmen, daß ich meiner Mutter (die dieser filzige Bruder allein ernähren zu müssen fürchtete) zu Willen lebe und mich in Breslau etabliere. Ich junger, unerfahrener Tor verließ die Werkstatt eines der beliebtesten Meister in Paris und kehrte nach zehnjähriger Abwesenheit in meine Vaterstadt zurück. Der Empfang bei meinem Onkel war vielversprechend; er bot mir zu meinem Etablissement unbeschränkten Kredit an — ohne Zweifel, da er wußte, daß ich Geld genug erspart hatte, um vorläufig keines Kredits zu bedürfen. Ich etablierte mich auf Pariser Fuß und hoffte, als tüchtiger Kenner meiner Profession in Breslau brillante Geschäfte zu machen. Aber leider nur allzubald fand ich Ursache, meinen Irrtum zu bereuen. Ich hatte durch den langen Aufenthalt in Frankreich mich so sehr daran gewöhnt, daß die Menschen gute Stiefel und Schuhe nur nach der Arbeit, nicht aber nach der Religion des Meisters beurteilten, daß ich anfangs darüber lachte, wenn meine Breslauer Jugendfreunde mir rieten, den Namen Cohn abzulegen, weil dieser Name mich sogleich als Juden kenntlich machen und mir den Absatz bei Christen schmälern würde. Unmöglich konnte ich mir das christliche Publikum in Breslau so tief unter den ungebildetsten Massen der Pariser Vorstädte denken. Aber meine einsichtigen Freunde hatten mir leider noch zu wenig gesagt, sie hätten hinznfügen können, daß nicht allein die Christen, sondern auch die Juden in Breslau lieber „christliche" als „jüdische" Stiefel tragen. Und so war nach Verlauf von nicht vollen drei Jahren sowohl mein aus Paris mitgebrachtes Kapital als die kleine Mitgift meiner Frau teils aufgezehrt, teils in schwer einzuziehende Schulden zersplittert. Der reiche Onkel, dem ich dann und wann meine Lage schilderte, wurde mit jedem Tage kälter und zurückhaltender in seinen Vertröstungen. Noch hatte ich feines Beistandes nicht bedurft, denn durch angestrengte Tätigkeit und eingezogene Lebensweise war ich wenigstens vor Not geschützt. Aber nun kam der schwere Winter 1838 und in seinem Gefolge ein hitziges Fieber, das mich drei Monate hindurch zur Arbeit unfähig machte. Lange sträubte sich mein Stolz dagegen, den filzigen Onkel, dessen Gefühllosigkeit ich in meiner Krankheit kennen gelernt hatte, nach meiner Genesung um ein kleines Darlehn zu bitten: doch die Not und das Zureden meiner Frau überwanden endlich meinen Stolz, und ich bat in einem Billett, dessen Schrift wir mit unfern Tränen fast verlöschten, um ein Darlehn von 20 Talern. Das Blut stockt mir noch jetzt in den Adern, wenn ich mich an die Antwort erinnere, die ich auf meine dringende Bitte erhielt. Derselbe Mann, der wenige Wochen vorher zum Purimfeste einen glänzenden Maskenball gegeben und allem maskierten Lumpenpack die kostbarsten Speisen und Getränke gereicht hatte, eben der schrieb mir, seinem Neffen, den er ins Verderben gestürzt hatte, zur Antwort, die Zeiten seien so schlecht, und er würde diesen Winter von so vielen Armen in Anspruch genommen, daß er sehr bedaure, für Zürich nichts tun zu können; ich soll mich an die Armenvorsteher wenden, diese müßten mich unterstützen, da.er so viel zur Gemeinde beisteuere und dergleichen. Seit dieser herzlosen Abfertigung kann ich dem Elenden nicht begegnen, ohne daß mir ein Stich durchs Herz führe, und ich weiß schon zum voraus, was das Hausieren mir für Segen bringen wird, da der mir beim ersten Ausgang in die Quere gekommen ist." „Es gilt keine Vorbedeutung in Jakob,erinnerte Isaak. „Mag sein. Aber mein Entschluß ist schon jetzt gefaßt- Sobald auch dieser letzte Versuch, mich hier zu Lande ehrlich zu ernähren, mißglückt, oder wenn die Leute mich etwa auch so entwürdigend behandeln wollen, wie sie es bei euch gewohnt sind, dann schnüre ich mein Bündel und gehe." (Fortsetzung folgt.) Sprechtag!. err Rektor Dr. Köhler, Cincinnati hat mich vor den Lesern der Allgemeinen Zeitung des Judentums „verwegener Seiltänzersprünge" und „Sünden gegen den heiligen Geist der Sprache" geziehen, wegen einer wissenschaftlichen Arbeit, die ein großer Teil der Leser dieser Zeitung wahrscheinlich gar nicht kennt, da sie an einem anderen Orte erschienen ist. Mir kommt es lediglich hier darauf an, ihnen die Grundlosigkeit der gegen mich erhobenen Vorwürfe zu zeigen. Daß die Lehrer der Mischna in ihrem Gesetzeskodex Bestimmungen getroffen haben sollten über leere Phantafiegebilde, und daß sie gar noch, wie es bei '2*18 der Fall ist, gegenteilige Meinungen hinsichtlich des aus sie anzuwendenden Gesetzes geäußert haben sollten, diese Annahme zeugt von sehr geringschätziger Mißachtung ihrer geistigen Verfassung. Für mich ist vielmehr a priori klar, daß das Mischna-Gesetz überall konkrete Dinge im Auge hat, und so auch bei PHttH '2^18- Auf Grund dieser Prämisse habe ich nun in meiner Arbeit die Entstehung der Fabelei bei den Kommentatoren verfolgt, die Quelle der Verquickung unseres '2*18 mit einem Fabeltiere aufgedeckt und gezeigt, daß nach Zulassung der Vertauschung eines einzigen Buchstabens in der zugehörigen Jeruschalmistelle gegen einen, der ihm zum Verwechseln ähnlich ist, alles leicht verständlich wird, was sonst unbegreiflich bleibt. Das sind doch keine „Textkonjunkturen am Jerusalemischen Talmud", keine „Sünden gegen den heiligen Geist der Sprache". Frankfurt' a. M. 22. Juni. Professor Dr. Elias Fink. i) 4. Buch Mos. 23, 22. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.