Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 323 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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leuchtet die unbefangenste, die ungetrübteste Heiterkeit hervor. Mer unter den munteren Erzählungen und Wechselgesprächen hat'der Tag sich sichtbar geneigt, und in dem Maße, als die Sonne im Westen sinkt, werden auch die/ Schwingen des sabbatlichen Trostengels immer matter und schwerer: der lange sechsfältige Tag der Mühen dämmert heran, und unmerklich erbleicht ein Stern nach dem anderen am Sabbathimmel dieses vielgeplagten Mannes. Noch sorgt er nicht: denn die Religion verbietet das Sorgen am Sabbat; aber er ist ernster, er ist still geworden: im engen Zimmer aus und ab schreitend fährt er zu wiederholten Malen mit der Hand über die Stirn, als wollte er die heranziehenden trüben Gedanken von da verscheuchen. Offenbar ringt in seiner Seele der gottvertrauende Mut mit den düsteren Gestalten der nächsten Zukunft; der Kampf ist schwer und ungleich, denn die einmal herausgestiegene Unruhe will nicht wieder weichen; ja selbst sein treuester Kampfgenoß, der Gesang, wendet diesmal seine Waffe gegen ihn: die klagenden Gebetsmelodien der „drei Wochen" und des nahen Fasttages der Zerstörung Jerusalems Hallen in seinem Innern wieder und lassen die Töne des Trostes und der Hoffnung nicht durchdringen. Unsichern Schrittes ist er endlich ans Fenster, in der Nähe seiner drei kleinen Töchter getreten; erbleibt bei ihnen sinnend stehen, und von ihnen den Blick zum Himmel erhebend, scheint er die Hilfe des Allvaters um der Kleinen, Unmündigen willen anzuflehen. Und siehe, der Allvater hat sein Gebet vernommen: das Gottvertrauen ist Sieger geblieben. Beruhigt und rasch, als wollte er die verlorenen Augenblicke wieder einholen, geht er an die Zeremonie des Handwaschens und setzt sich an den Tisch, um nach Vorschrift die dritte Sabbatmahlzeit zu genießen. Ihm gegenüber liegt seine seit Jahren sieche Frau, von der Schwüle des Tages und der lebhaften Unterhaltung ermattet auf ihr Lager zurückgesunken. An ihrer Kopfseite ist die zwölfjährige Tochter Zerline, Isaaks zweite Tochter, eifrig beschäftigt, die in Scharen herumschwirrenden Fliegen von der Mutter abzuwehren. Von den drei Mädchen, die früher zusammen am Fenster gestanden, hat das jüngste sich zu Elkan.gesellt, um mit ihm im Schoße der Großmutter, die am änderen Fenster bis jetzt in einem jüdisch-deutschen Legendenbuche gelesen, zu ruhen. Diese fast siebzigjährige Frau liebt die Kleinen unaussprechlich: ist diese Liebe doch das einzige, was sie ihnen geben, das einzige, womit sie ihrem Eidam die aufopfernde Liebe gegen sie selbst vergelten kann. Er allein trägt mit der Sorge für Weib und sechs Kinder auch noch die Last ihrer Ernährung; ohne ihn, wie traurig wäre das Los ihrer letzten Lebensjahre! Sie hat zwar auch einen leiblichen Sohn, der durch sein Talent sich bereits zum Justizrate emporgeschwungen: allein dieser muß seinem Stande gemäß leben, seinen Kindern eine vornehme Erziehung geben, seine Frau für das Opfer, einen Getauften geheiratet zu haben, durch glänzende Feste und häufige Reisen entschädigen: Gründe genug, um der Pflichten gegen arme Verwandte überhoben zu sein. Während Isaak das Sabbatmahl genoß, war seine älteste Tochter, die fünfzehnjährige Esther, in der angrenzenden Kammer damit beschäftigt, dem Vater für die Reise alles Nötige zurecht zu legen; zugleich beaufsichtigt sie die alte Aufwartefrau, welche das Warenbündel zusammenschnüren sollte. Gern hätte Esther selbst Hand angelegt, aber des Sabbats wegen durfte sie es nicht. Als jedoch die alte Dienstfrau trotz vielem Ziehen und Zerren durchaus nicht fertig werden konnte, vermochte die des Müßigzusehens ungewohnte Haustochter sich nicht länger zu halten; sie lehnte die offenstehende Kammertür behutsam zu, um "ungesehen die Arbeit zu verrichten — da begann der Vater mit lauter Stimme das große Tischgebet, und das erschrockene Mädchen öffnete hastig die Tür wieder, um, wie sie gelernt hatte, kein „Amen" bei den einzelnen Abschnitten zu versäumen. Unter dem langen Tischgebete ist es vollends Abend geworden. Nachdem Isaak sich überzeugt, daß bereits mehrere Sterne am Himmel sichtbar sind, wendet er sich nach Osten, um das Abendgebet zu verrichten, während die weiblichen Mitglieder der Familie das alte jüdisch-deutsche Lied dreimal wiederholen: .Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, Behüt' dein Volk Israel zu deinem Lob. Die sieben Tage mögen uns kommen, Zu Glück und zu Heil und zu allem Frommen. Der liebe heilige Sabbat geht dahin, Die Woche,komm' uns zu gutem Gewinn. Amen, Amen, es werde wahr, Und daß wir — leben hundert Jahr." Isaak eilt mit den vielen Sabbatschlußgebeten zu Ende: er muß in der kurzen Sommernacht neun Stunden Weges, nach dem Städtchen Ohlau, wo morgen Jahrmarkt ist, zu Fuße durchmachen, und schon tönt von der Stadtuhr der neunte Glockenschlag herüber. Schnell verrichtet er nach dem Gebete die Habdalah-Zeremonie. Die erhebenden Anfangsworte des Habdalah-Gebetes: „Siehe, Gott meines Heiles, ich vertraue und fürchte nicht," gehen in der Hast ohne allen Eindruck an ihm vorüber; kaum gewinnt er noch Zeit, mit dem vom Segenglase reichlich übergeflossenem Biere sich als Omen der Fülle die Taschen zu bestreichen. Und. so ist denn der Augenblick gekommen, da der freie, in Gott vergnügte Mensch aufhört, und der unstät umhergetriebene, sorgengequälte Lastträger beginnt. Die hohe Gestalt, des kräftig gebauten Mannes schrumpft zusammen unter der Wucht des aufgeladenen vollen Bündels, Rücken und Knie sind gekrümmt, der Oberleib beugt sich vorwärts, die Gesichtszüge werden ängstlich und verzerrt: das vollendete Bild des von der Natur wohlausgestatteten, aber vom Leben niedergedrückten Juden steht vor euch. Kurz und einfach ist der Abschied: denn die Familie hat sich bereits seit vielen Jahren an die regelmäßige Trennung während der ganzen Woche gewöhnt. Nur als der Vater dem muntern Man, der ihn kindlich umschlungen hält, in die geistsprühenden schwarzen Augen blickt, bemächtigt sich seiner eine namenlose Angst; das Bild seines Schwagers tritt vor seine Seele, und der Volksglaube, daß die meisten Söhne den Mutterbrüdern gleichen, schmettert wie ein Dounerschlag seine schönsten Hoffnungen danieder. Zitternd umklammert er das schwache Kind, wie wenn er es so ewig an sich fesseln könnte, und selbst die Mahnung der Schwiegermutter „zur vollen Woche" nicht zu weinen, vermag nicht, dem Strome brennender Tränen Einhalt zu tun, mit denen der geängftigte Vater die hochgewölbte Stirn seines Söhnleins überschüttet. Noch einmal den Seinen ein herzliches Lebewohl zurufend, tritt er endlich seine Wanderschaft an. Im weiten Hofe seines „zum goldenen Rade" genannten Wohnhauses sowie die ganze Antonie.nstraße entlang begegnet er vielen aus den Synagogen heimkehrenden Glaubensbrüdern, die ihm den alten bezeichnenden Gruß „zu Leben und Frieden" auf die Reise mitgeben. Vor dem an der Promenade gelegenen jüdischen Hospitale schließen sich ihm zwei gleichbeladene und nach demselben Ziele strebende Bekannte, der Krankenwärter Horwitz und der Schuhmacher Cohnals Reisegefährten an, und die kleine Karawane zieht die Promenade entlang dem Ohlauer