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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 322 (sequence 12)
Language
German
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alter manches geleistet hatten (S. öy ff.), daß Juden mit den größten Dichterfürsten der verflossenen Jahrhunderte in freundschaftlicher Verbindung standen (S. 151 ff., 169). Die Erhöhung seines Volkes ist seine eigene Erhöhung, die Erniedrigung Israels fühlt er wie persönliches Ungemach. Diese Liebe zu Israel brachte es auch mit sich, daß er überall, wo sein Auge eine Lücke erblickte, in die Bresche zu treten suchte, um nur nicht außer acht zu lassen, was zur Verschönerung des Gesamtbildes, zur Hebung des Judentums beitragen konnte. Man hat dem Verewigten öfters den Vorwurf gemacht, daß er seine Kräfte zersplittere, in kleinen Einzelheiten sich verbrauche. Er scheine das Wort vergessen zu haben, das er in dem Nekrolog über Zacharias Frankel (Seite 264) zitierte: „Es mahnt die Kürze des menschlichen Lebens, daß unaufhaltsam nach einem großen Ziele gestrebt werde, und der Geist, sich nicht durch manches Einladende, das auf dem Wege dahin zu manchen Abwegen verlockt, von diesem Ziele abbringen lasse." Die so sprachen, verstanden nicht ihn und nicht seine Wissenschaft. Wollte er denn Bücher schreiben? Säen wollte er, Begeisterung streuen, nicht aus dickleibige Bände zurückschauen als den Ertrag seiner Arbeit, sondern auf das einzige Band der Liebe, das er mit Hilfe seiner Wissenschaft um Israel schlingen wollte! Das war sein Ehrgeiz. So gab es auch für ihn keine größere Freude, als seine Schüler zu wissenschaftlicher Betätigung anzuregen, aus jedem Stein den Funken herauszuschlagen, der das Licht um und in Israel verstärken konnte. „Er war eine schöpferische, lebensvolle Natur, der es nur in Gestalten und und Beleben wohl wurde, die nicht im Sammeln und Materialsördern ihr Genüge und lohnende Befriedigung fand; er wollte Beete anlegen, nicht — Herbarien." So zeichnet er in Heinrich Grätz sich selbst (Seite 278). Wie es ffein Verdienst war, Seligmann Heller gleichsam entdeckt zu haben, ihn hingewiesen' zu haben auf die „Marmorbrüche, . . . aus denen der Genius seine Schöpfungen hervorgezaubert" (Seite 127), auf die einsame Muse Israels, die keinen hat, „der in das Dickicht, das um sie emporgeschossen ist, niederstiege und von ihrer Ergebenheit und ihrem Adel zeugte, laut und siegreich vor aller Welt" (Seite 129), so hat er in die Herzen aller seiner Schüler den Trieb gepflanzt, im Leben und in der Wissenschaft für das Judentum zu arbeiten. Selten war aber auch ein Mann so prädestiniert, zu werben und anzuregen, wie eben David Kaufmann. Sein umfassendes Wissen auf allen Gebieten des menschlichen Geisteslebens machte es »ihm möglich, von überallher Hilfstruppen herbeizuziehen zu Schutz und Wehr, zu Angriff und Defensive. Seine bilderreiche Sprache, voll Kraft, Schönheit und Würde, befähigte ihn, dem leblosen Gebein neues Leben einzuhauchen; seine Akribie und kritische Selbstzucht verständen es, seine Phantasie niemals zu weit schweifen zu lassen. Wie bei seinem vergötterten Zrmz gewann auch bei ihm „das Selbstverständliche einen unnachahmlichen Reiz, weil alles aus ihm selber stammt, jedes Wort durchdrungen ist von dem Ernst der Gesinnung, von der Zucht seines Denkens" (Seite 375). Fragen wir uns nach dem innersten Motor dieser Liebe zum Judentum, die seinen Feuergeist erfaßt und rastlos in Bewegung gesetzt hat, so werden wir ihn vor allem in seinem Stolze auf die Vergangenheit seines Stammes finden. In diesem Stolze hat er den Mut der Hingebung gesunden; das Märtyrertum feiner Nation, ihr unbesiegbarer Idealismus machte ihn zu ihrem Anbeter. David Kaufmann war Stammesjude durch und durch. Zeugnis hierfür ist sein von prophetischem Geiste erfüllter Artikel über /George Eliot (Seite 39 ff). Aber Stammesjude aus religiöser Grundlage war er. So national er auch fühlte, mit so innigem, tiefem Verständnis er auch die Sehnsucht nach Palästina guthießdie Loslösung von der Religion, der jüdische Nationalgedanke, ' der mit dem Atheismus sich verbrüdert, war ihm ein Unding, die so einzig geartete Verschmelzung der Nationalität und Religion, wie sie dem Judentume charakteristisch eigentümlich ist, mochte er nicht preisgeben. „Wo gibt es sonst eine Nation, von der man so wahrhaft sagen kann, daß ihre Religion, ihr Gesetz und ihr sittliches Leben sich wie der Strom des Blutes im Herzen vermischen und ein einziges Produkt bildeten?" (Seite 51). Diese Verschmelzung hat das Judentum erhalten und wird es erhalten, trotz Haß und Abfall; diese Ueberzeugung war ein Lebenswerk Kaufmanns. Judenheit ohne Religion hielt er für unmöglich. Und damit gelange ich zum zweiten Quell, aus dem seine Liebe zum Judentume so mächtig emporrauschte, zu seiner Frömmigkeit und Herzensreligiosität. Als er die Memoiren der Glücket von Hameln der jüdischen Kulturgeschichte bescherte, schilderte er die seltene Frau mit folgenden Worten: „Eine Frömmigkeit, welche die Gesundheit und Heiterkeit der Seele, das Geheimnis der Lebenskraft bedeutet, bildet den Grundzug in ihrem Wesen. Mit der Sicherheit eines Instinkts sehen wir in allen Lagen das Gottvertrauen in ihr seine führende und stützende Kraft bewähren. Auf dem festen Grunde dieser tiefen Religiosität sprießen die zartesten Blüten einer edlen, duftigen Sittlichkeit." (Seite 183). Aus diesen Worten schlägt uns Kaufmanns ureigenster Pulsschlag entgegen. Religiosität war der Urquell, der Born, aus dem er unablässig schöpfte, um Israels Gefilde zu tränken und fruchtbar zu machen. Seine Frömmigkeit hieß ihn unsere Vergangenheit lieben und an unsere Zukunft glauben. „Das war ein Cäsar! Wann kommt seinesgleichen?" Der Hausierer. Eine Geschichte aus der guten alten Zeit. Von Eduard Mohr. I. ^^^avid Isaak ist ein braver Mann. In der Goldenen Radegasse zu Breslau ist nur eine Stimme des Lobes über ihn. Und das will viel sagen. Er geht ruhig seines Weges, belästigt niemanden, ist jedem gern gefällig und hält sich fromm an Gottes Gebot. Wenn er daheim ist, besucht er morgens und abends die Synagoge, und am Sabbat fühlt er sich wie ein König in seinem Hause und. wie ein Fürst in der „Schul". Per Sabbat bringt jedem Juden, nach der Legende, eine zweite verjüngte Seele; auch an David scheint sich heute dieses Gnadenwunder erfüllt zu haben. Sorglos und häuslich vergnügt hat der während der ganzen Woche kummerbelastete, ernste Mann die größere Hälfte des langen Julitages verlebt; er ist heiter und gesprächig aus dem Vespergottesdienste, seinen fünfjährigen Knaben an der Hand, heimgekehrt und berichtet nun der zahlreichen Familie die vielen interessanten Neuigkeiten, die er in den „Rädchen" auf dem Schulhofe vernommen hat; er vergißt nicht zu erzählen, wie sittsam der liebe Elkan im Tempel gestanden, wie laut er Amen „nachgesagt", und wie ehrfurchtsvoll er nach beendigtem Gottesdienste den heiligen Vorhang geküßt-habe. Aus jedem Worte des Berichtenden

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