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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 321 (sequence 11)
Language
German
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anderen Kulturvölkern Zurückbleiben.' ^Sä wollen wir denn, den historischen Anlaß zum weiteren Ausbau und zur Vervollkommnung der „NiäraKeb Abrabanei"-Bibliothek benutzen! Möge jeder nach seinen Kräften an der Verwirklichung dieses Plans Mitwirken!^) David Laukmann. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. arum hat jedes Blatt seines Nachlasses mir den Schmerz ob seines vorzeitigen Heimganges erneuert und die unstillbare Trauer ob des allzufrüh gefällten Stammes verschärft, der noch Blüten und Früchte hätte spenden können mit jedem jungen Jahr." In diese Worte kleidete David Kaufmann seinen Schmerz um den im 59. Lebensjahre verstorbenen Seligmann Heller, dessen „Echte hebräische Melodien" er im Jahre 1893 herausgab. Sechs Jahre später, am 6. Juli 1899, ist uns David Kaufmann in seinem 47. Lebensjahre entrissen worden! Und heute liegt seiner „Gesammelten Schriften" erster Band vor mir, den treue Freundeshand, unterstützt von pietätvoller Opserwilligkeit, der Oeffentlichkeit überreicht.2) Wo fände ich bessere Worte für den noch heute unstillbaren Schmerz um meinen so jäh aus dem Leben entrückten Lehrer, um diese Leuchte Israels, als jene sind, die er selbst seinem Freunde nachgerufen hat! — Leopold Zunz> „Gesammelte Schriften" verglich Kaufmann den abendlichen Sonnenstrahlen, die aufgelesen worden, um noch einmal wie zum Abschied die Menschen zu erfreuen. Wenn aber der Sonnenball, der mit seiner heißen Glut Feld und Flur belebt und nährt, inmitten seiner vollen Leuchtkraft plötzlich verschwindet, können die gebrochenen Strahlen seine Macht jemals ersetzen? Sie zeigen uns nur, was wir verloren haben.-- - David Kaufmann war nicht einer von jenen stillen Gelehrten, die in beschaulicher Zurückgezogenheit an dem Kulturfortschritt der Menschheit arbeiten, er war wirklich eine Sonne, die heiß und glühend alles erleuchtet und durchwärmt, und Leben spendet allem, das sie bescheint. Nicht der Forscher ist unersetzlich, sondern der Mann, der aus dem härtesten Gestein köstlich labenden Trank hervorzuzaubern vermocht hat. Ihm war die Wissenschaft nicht Selbstzweck. Ob er die verwitterte Inschrift eines verfallenen Grabsteins entzifferte oder die höchsten Probleme der Religionsphilosophie vortrug, immer stand ihm als unverrückbares Ideal vor Augen: „die Größe, der Ruhm, die Ehre des Judentums." Diesem Mittelpunkte seines Sinnens und Fuhlens galt fast ausschließlich sein Forschen und Suchen. Was er von Rapoport sagte: „Das bloße Suchen darf man auch getrost preisgeben; was es zu wissenschaftlicher Arbeit erhebt, das ist erst,der Gesichtspunkt, unter dem es geschieht" (Seite 321)3), es paßt auf ihn selbst am allerbesten. Bei der kleinsten Zeile, die er veröffentlichte, schwebte ihm nur das eine Verlangen vor Augen: „Die Anerkennung des Judentums nach außen, seine h Geldsendungen bittet n.ian zu richten an die Anglo Palestine Company zu Jaffa und Jerusalem, sowie an das Kuratorium der Bibliothek (Adr. Direktor Ephr. Cohn) in Jerusalem. 2) David Kaufmann: „Gesammelte Schriften", I. Band. Herausgegeben von M. Braun, Frankfurt a. M. Kommissionsverlag von I. Kauffmann. 1908. 3) Die Zitate sind sämtlich dem mir vorliegenden ersten Bayde von Kaufmanns „Gesammelten Schriften" entnommen. Festigung nach innen." Mit Leopold Zunz teilte er die innerste Ueberzeugung, daß die jüdische Wissenschaft einerseits berufen sei, die bösen Vorurteile über das Judentum zu zerstreuen und damit seine volle Gleichberechtigung zu verwirklichen, daß sie anderseits den Juden selbst Liebe und Treue zum Judentum einstöße. „Es ist daher für die endliche Herbeiführung völliger Gleichstellung, für die Juden von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß erst aus dem ganzen Gebiete des Schrifttums die schmutzigen Ueberbleibsel gemeinen Hasses und Hohns gegen sie weggesegt werden und daß berufene Schriftsteller, beliebte Dichter es sich zur Ehrensache machen, für die Verbreitung richtigerer Vorstellungen über Juden und Judentum durch ihre Werke zu sorgen" (S. 145). „Die jüdische Wissenschaft ist keineswegs Arkandisziplin. Keine von allen kann ein vitaleres Interesse an ihrer möglichsten Verbreitung und Oeffentlichkeit haben. Jeder Fuß breit, um den ihre Pflege zunimmt, ist dem Vorurteil abgerungen und eine Stufe näher zur Anerkennung" (S. 37). „Aus den Gelehrten zu den Gebildeten, aus den Gebildeten zu den Massen, das ist der große Kreislauf, den die menschliche Entwicklungsgeschichte lehrt." (S.13.) „Wenn aber allen anderen die Wissenschaft der Geschichte Schmuck und Stolz leiht, so wird sie Israel vollends Schild und Waffe. Sie ist die Quelle unserer Verjüngung, der Brunnen, aus dem wir Leben schöpfen und Fortbestand, aber auch unser Bollwerk nach außen, unsere Schutzwehr gegen Verkennung und Verkleinerung. Sie schmiedet die stärke Kette der Ueberlieferung, die uns an unseren Ursprung schließt, sie hält die Esse warm, aus der die Glut der Ueberzeugung und Gesinnungstreue strömt und in der das Eisen gehärtet wird gegen Angriff und Ueberfall. Was einst selbstverständlich war und wie unbewußt durch Beispiel und Erziehung eingesogen wurde, der Zusammenhang mit der Gemeinschaft, die Liebe zum angestammten Glauben, die Opferbereitschaft und der Duldermut, das soll heute die Geschichte schaffen und wecken, aus dem Wege des Unterrichts mit hellem Bewußtsein uns wieder bringen. Sie ist es, von der wir Selbstachtung und Vertrauen erwarten dürfen im Innern, Anerkennung und Versöhnlichkeit von außen ..für uns mündet die stille Forschung unmittelbar ins Leben ein, hier setzt sinnensällig Wissensich in Macht, Licht in Wärme um; die Wissenschaft schlägt die Schlachten des Glaubens, Vertiefung in die Vergangenheit schafft Bürgschaften für die Zukunft, und die Ernten der Geschichte ernähren das werdende Geschlecht." (S. 314 s.) Darum stand David Kaufmann wie ein Cherub mit flammendem Schwerte vor den Pforten der jüdischen Wissenschaft, um den Eintritt jedem zu wehren, der mit frecher, verwegener Unwissenheit ihren Garten betreten wollte; darum konnte er gleich Jupiter mit seinem Donnerkeil dreinfahren, wagte es einer, mit frevelhaftem Uebermut die jüdische Wissenschaft und ihre Heroen zu beleidigen. Man lese den köstlichen Aussatz: „Die Vertretung der jüdischen Wissenschaft an den Universitäten" (S. 14 ff.) oder die klassische Schrift „Paul de Lagardes „Jüdische Gelehrsamkeit" (S. 207 ff.) Und wie konnte er überströmen vor Dankbarkeit, wenn er fand, daß man seinem Judentums gerecht werden wollte. Mit welcher Liebe behandelt er George Eliots Meisterwerk „Daniel Deronda" in dem unvergänglich ^schönen Artikel „George Eliot und das Judentum" (S. 39 ff.), ein Artikel, der wie kein zweiter uns einen Einblick gewährt in die Seele Kaufmanns, in ihre innerste Tiefe. — Wie glücklich ist er, als Erster Nachweisen zu können, daß die Juden trotz der Ungunst der Verhältnisse ihren alten künstlerischen Sinn sich .bewahrt hatten in Baukunst und Malerei, selbst im düstersten Mittel-

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