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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 320 (sequence 10)
Language
German
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jener traurigen Zeit, als die Tod und Verderben um sich her verbreitende Inquisition unter den Juden der phrenäischen Halbinsel furchtbare Verheerungen anrichtete, bekleidete der Jude Abrabanel die höchsten, verantwortungsvollsten Posten an den Höfen der Könige von Portugal und Spanien, als hätte das Schicksal seine Brüder entschädigen wollen für die trüben Aspekte jener Zeit, als hätte ihnen die Vorsehung in ihm Stütze und Rückhalt geben, wollen, daß sie in ihrer Verzweiflung nicht ganz untergingen. Und in der Tat gelang es Don Isaak Abrabanel, wenn nicht immer, so doch oft das Schlimmste von seinen Stammesgenossen abzuwehren. In dem gütigen König Alfons V. von Portugal, der den hochbegabten Abrabanel. zu seinem Finanzminister ernannte, fand er einen Freund und Gönner, bei dem er sich stets mit Erfolg zugunsten seiner Stammesgenossen einsetzte. Aber diese Zeit, die, wie Abrabanel in seiner Selbstbiographie (in der Einleitung zum Kommentar zu den ersten Propheten-Büchern) sie schildert, die glücklichste seines Lebens war, ging zu Ende, als der judenfeindliche Joao II. den Thron Portugals bestieg. Das Opfer einer Hofintrigue, mußte er seine geliebte Heimat verlassen. In Toledo wandte er sich wissenschaftlichen Studien zu, von denen ihn jedoch gar bald seine Ernennung zum Finanzminister an den Hof Ferdinands und Jsabellas abrief. In derselben Zeit, in welcher der Haß gegen die Juden in Spanien aufs höchste gestiegen war, sollte ein Jude des Reiches Finanzen verwalten! Zwar vermochte auch er nicht, die schweren Gewitterwolken, die sich drohend über dem Haupte der Juden zusammenzogen, zu vertreiben. Denn als im Unglücksjahre 1492, das in den Annalen unserer Geschichte mit schwarzen Lettern verzeichnet ist, durch die Eroberung Granadas der maurischen Herrschaft in Spanien ein Ende gemacht wurde, kannte der Uebermut des katholischen Königspaares und seiner Schergen keine Grenzen mehr. Und die alleinseligmachende Kirche fand ihr Opfer in den jüdischen Untertanen des Reiches. Hatten sie die Araber aus dem Lande verwiesen, so sollten auch die übrigen Ungläubigen innerhalb des Reiches Grenzen, sollten auch die Juden gewaltsam aus dem Lande getrieben werden, in welchem sie fast eineinhalb Jahrtausend gelebt das sie mit der Glut ihres Herzens geliebt und zu dessen Macht und Wohlstand sie unendlich viel beigetragen hatten. Und alle Bemühungen Abrabanels, das Königspaar zu.milderen Gesinnungen umzustimmen, scheiterten an dem felsenfesten Willen und der unerschütterlichen Macht Torqnemadas. So griff denn der jüdisch - spanische Grande, der letzte jüdische Staatsmann auf der phrenäischen Halbinsel, zum Wanderstabe, um mit seiner Familie und Hunderttausenden seiner Brüder eine nene Heimat zu suchen. Aber der Ruf Abrabanels war größer als sein Mißgeschick: der arme Flüchtling wurde kurze Zeit nach seiner Landung in Neapel Finanzminister des Königs Ferdinand I. und dann seines Sohnes Alfons. Als die Franzosen ins Land einsielen, teilte er freiwillig das Los seines Herrn. Dabei verlor er das Kostbarste, was er besaß, seine wertvolle Bibliothek. So verlebte er seine letzten Jahre unter einem wechselvollen Geschick in Neapel, auf Sizilien, auf Korfu und in Venedig, bald als Staatsmann in der Oeffentlichkeit wirkend, bald wieder in der stillen Studierstube seinen wissenschaftlichen Arbeiten ganz hingegeben. In Venedig beschloß er sein ruhmreiches Leben im Frühjahr 1509 und wurde in Padua beigesetzt. Leider ist sein Todestag nicht genau bekannt, da seine Grabstätte kurze Zeit darauf von wilden Kriegshorden verwüstet wurde. So weit über das Leben und Wirken dieses Mannes, dessen Bedeutung als Philosoph, Exeget und Apologet die Wissenschaft genügend gewürdigt hat. Hier soll nur auf den Menschen und Juden Abrabanel. hingewiesen werden, der für seinen Glauben und sein Volk gewirktder den Mut hatte, seiner Ueberzeugung alles, seine Stellung in Staat und Gesellschaft, seinen Reichtum und sein Glück zu opfern. ’ Diese edle Gestalt aus längst vergangener Zeit den gegenwärtigen und zukünftigen Generationen als leuchtendes Beispiel vorzuhalten, ist eine Pflicht, die uns die Selbstachtung gebietet. Jede Gemeinschaft hält die Erinnerung an ihre großen Männer und ihre Taten durch sichtbare Zeichen fest.. Auch das Judentum sollte seinem Abrabanel gelegentlich der vierhundertsten Wiederkehr seines Todestages ein ehrendes Denkmal setzen, und zwar ein solches, das dem Geiste des Judentums entspricht, und an einer Stelle, die unsere Geschichte für diesen Zweck geweiht hat. In Jerusalem ist der Unterbau für ein solches Denkmal bereits geschaffen. Als im Jahre 1892 die zivilisierte Welt das vierhundertjährige Jubiläum der Entdeckung Amerikas feierte, wurde in Jerusalem zur Erinnerung daran, daß sich vor vierhundert Jahren — damals hatte bereits das Weltgericht sein Urteil gesprochen — den Verstoßenen Israels - eine neue Heimat auftat, unter den Auspizien der B'nai Brith-Loge eine Bibliothek gegründet, die zu Ehren des Mannes, in dessen Leben sich die Größe und Tragik jener Zeit widerspiegelt, den Namen „Midrasch Abrabanel“ erhielt. Aus kleinen Anfängen hat sich diese Bibliothek im ersten Dezennium ihres Bestehens gedeihlich entwickelt. Durch die großartige Schenkung des hochherzigen Idealisten Dr. Joseph Chazanovitz in Bialystok sowie durch eine Reihe kleinerer Schenkungen und Neuanschaffungen ist die Büchersammlung bereits bis zu 30 000 Bänden, größtenteils Hebraica und Judaica, angewachsen. Darunter befinden sich wissenschaftliche Werke von hohem Wert und Spezialsammlungen, wie sie vielleicht in keiner der größten Bibliotheken anzutreffen sind. Seit fünf Jahren ist die Büchersammlung in einem eigenen Heim untergebracht, das einstweilen aus dem rechten Flügel des geplanten großen Bibliotheksgebäudes besteht. Die Anstalt wird vom Exekutivkomitee des B'nai Brith-Ordens in New Jork mit 1000 Franken, vom „Hilssverein der deutschen Juden" mit 2000 Franken und von zionistischem Vereinen mit rund 1000 Franken jährlich unterstützt. Diese Summen reichen aber zur würdigen Ausgestaltung der Bibliothek nicht aus. Die Verwaltung setzt sich aus Vertretern jener ,brei Organisationen zusammen. Die Bibliothek hat eine doppelte Aufgabe: eine praktische und eine ideale. Sie soll in erster Linie dem Gelehrten das nötige Hilssmaterial zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten, der studierenden Jugend die erforderlichen Bildungsmittel und dem Volke gesunde, belehrende Lektüre in die Hand geben. Die ideale Aufgabe der Bibliothek besteht aber darin, auf dem historischen Boden Jerusalems die jüdische National-Bibliothek zu werden, in welcher sämtliche Produktionen des jüdischen Geistes aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein würdiges Heim finden und zusammen ein harmonisches Ganzes bilden sollen. Um dieses Doppelziel erreichen zu können, bedarf die Anstalt reicher Mittel, die nur durch ausnahmslose Beteiligung aller jüdischen Kreise erzielt werden können. Bei dem kulturellen Fortschritt Palästinas und angesichts der"Bemühungen der zivilisierten Nationen, durch Gründung von Volks- und Hochschulen, von archäologischen Instituten, Bibliotheken und Museen ihr Ansehen im heiligen Lande zu heben und ihre Einflußsphäre zu vergrößern, ist es für uns sehr wichtig, daß wir in diesem Wettbewerb nicht hinter

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