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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 319

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 319 (sequence 9)
Language
German
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hat die religiösen Gefühle der Orthodoxie im Unterricht Verletzt? Wer hat an den Grundsätzen der Religion in Bayern gerüttelt? Als Sündenbock wird Herr Rabbiner Dr. Freudenthal angeführt. Wann aber hat dieser Herr den Religionsunterricht mißbraucht? Ich kenne Herrn Dr. Freudenthal kaum persönlich, aber er genießt den Ruf eines ausgezeichneten Pädagogely der mit großer Begeisterung unterrichtet, und er erfreut sich der Liebe seiner Schüler in einem Maße, wie ich es jedem orthodoxen Rabbiner in Bayern wünschte. Soll er nun darum disqualifiziert sein, weil er in Berlin einer freisinnigen Versammlung beigewohnt hat? Von einem andern Rabbiner weiß man nur zu sagen, daß er sein Taschentuch auch am Sabbat in der Tasche und nicht um die Hand gewickelt trägt. Es ist natürlich nichts dagegen zu sagen, daß man ein Taschentuch als Last (hebräisch: iVlassad-Last) betrachte. Aber — ist das eine Grundsäule des Judentums? Wer soll ferner über die Qualifikation des Religionslehrers entscheiden? Die Eltern etwa, auch dann, wenn sie ausgesprochene Ignoranten sind? Soll es jedem Vater frei stehen, wenn der Lehrer ihm nicht gefällt, sein Kind aus der Schule zu nehmen? Es kommt dann auf den polnischen Witz hinaus: „Wenn man dem Chasen böse ist, dann springt man nicht zu Keduscha." Und wie, wenn die Eltern der galizischen und russischen Kinder in München und Nürnberg auch den orthodoxen Lehrer für „nicht koscher" erklären, weil er eine moderne- Hose trägt, seinen Bart schneiden läßt und ohne Hut im Cafe sitzt?. Nein, das kann nur zur völligen Anarchie führen. Da müssen schon wichtigere Gründe vorliegen, wenn man einen solchen Schritt tut und das ganze System des obligatorischen Schulunterrichts durchbricht. Ich kann also eine Gewissensnot im obligatorischen Unterricht in Bayern nicht erblicken, solange keine wichtigen Tatsachen angeführt werden. Und wäre wirklich in besonderen Fällen eine Dispensation nötig, dann müßte eine berufene Instanz geschaffen werden, um von Fall zu Fall zu entscheiden. Diese Instanz kann nur der Rabbiner bilden, der die Aufsicht über den Unterricht hat. Es. wäre also gewiß richtiger, wenn die Orthodoxie diese Frage auf gütlichem Wege zu erledigen versucht hätte, statt zum Ministerium zu laufen. Unsere bayerische Orthodoxie beteuert, den Frieden zu wollen. Aber diese Friedensliebe sieht manchmal der russischen verdammt ähnlich. Man ist so lange friedliebend, bis man mit der Kriegsrüstung fertig ist. Ein Frieden aus religiösem Gebiete kann nicht von Kanonen diktiert werden. Er muß gegenseitige Achtung zur Grundlage haben. Diese Voraussetzung scheint aber bei einem Teil der Orthodoxie leider immer noch zu fehlen. Man kann, wie Schreiber dieser Zeilen, einzelne Thesen der Liberalen Vereinigung für zu weitgehend halten, aber zu behaupten, daß sie „die Spaltung innerhalb der deutschen Judenheit zu einer unüberbrückbaren gestaltet haben", ist eine Diplomatie, die niemand mehr imponiert. Man nenne mir erst eine Zeit, wo die deutsche Orthodoxie nicht von einer ewigen tiefen Kluft gesprochen hätte. Der Glaube an diese Kluft und die Verkündung, daß die Orthodoxie die einzige Trägerin des jüdischen Gedankens sei, gehörten ja stets zu den ihnen wichtigsten Dogmen. Schon vor Jahren gab einer ihrer Sachverständigen vor Gericht das Gutachten ab, daß Orthodoxie und Reformjudentum sich schärfer voneinander scheiden als Katholizismus und Protestantismus. Aus dieser unseligen Politik heraus wird der großen jüdischen Majorität die Existenzberechtigung abgesprochen, und man leitet daraus für sich das Recht ab, den Lebensnerv der Gesamtheit zu -schwächen, wenn man nur für die Orthodoxie irgend einen kleinen Vorteil Herausschlägen kann. Die freiere Richtung ist in den letzten drei Dezennien nie in dem Maße kulturkmnpferisch .gewesen, wie die Orthodoxie. So liegen die Verhältnisse in Wirklichkeit. Man nimmt es mir übel, daß ich das von der Orthodoxie bis zum Ueberdruß mißbrauchte Wort Chilul-Haschem auf diesen Fall anwandte. Dieser Ausdruck wird aber vom Talmud fast immer nur da gebraucht, wo Nichtjuden in Betracht kommen. Sinngemäß übersetzt, bedeutet das Wort: Diskreditierung des jüdischen Ansehens. Nun weiß ich nicht, wie ich das nennen soll, wenn einer christlichen streng - religiösen Negierung die größte Majorität der Judenheit als irreligiös geschildert wird, wenn man einem in ganz Deutschland angesehenen Rabbiner, der wirklich als Mensch wie als Geistlicher die größten Verdienste hat, hohe Verehrung entgegenzubringen versichert, und dann — den Unterricht, den er beaufsichtigt und leitet, beim Ministerium als nicht genügend religiös erklärt und in der Oeffentlichkeit herabsetzt. Man kann die Sache anfassen, wie man will; der Schritt der Orthodoxie ist und bleibt verfehlt. Die Majorität in Bayern ist nichts weniger als radikal reformerisch gesinnt, sie steht auf einem sehr gemäßigten Standpunkt und sie wünscht aufrichtig, mit der Orthodoxie in Frieden zu leben. Geht man ohne Verbitterung vor und sucht man nicht künstlich die Gegensätze zu verschärfen, dann wird sich auch in der Unterrichtsfrage ein Modus vivendi finden lassen. Ich weiß nicht, ob die Orthodoxie sich dessen bewußt ist, aber die Bahn, die sie einschlägt, kann nicht zum Frieden führen. Es mag auch im liberalen Lager Eiferer geben, dre durch ihre Schärfe manches verderben, aber so schroff und verletzend wie manche junge Kämpfer der Orthodoxie sind sie kaum jemals vorgegangen. Diese Herren scheinen ganz zu vergessen, daß Demut nach jüdischer Ethik die höchste religiöse Tugend ist. Leider beeinflussen sie in jüngster Zeit auch die älteren ruhigeren Elemente sehr stark, und sie gewinnen in der Orthodoxie die Oberhand. Diese Erscheinungen stimmen einen sehr traurig, denn sie führen zum Kriege und nicht zum Frieden. Wer die Verhältnisse in Bayern kennt, weiß, wieviel ausgezeichnete Juden, die große Verdienste um die Sache der Gesamtheit haben, dadurch so verbittert werden, daß sie keine Freude mehr an ihrem Amte haben. Will die Orthodoxie den mühsam erzielten Frieden für die Dauer erhalten, dann muß sie alles ausschalten, was Erbitterung zu erzeugen geeignet ist. Behandelt sie die Majorität als Glaubensbrüder und nicht als Feinde und tritt sie ohne Hochmut und ohne Drohungen auf, dann soll sie auch die Majorität und ihre Führer friedfertig und entgegenkommend finden. E. N. Linr Bibliothek in Jerusalem. Von Jesaias Preß, Jerusalem. m nächsten Frühjahr sind vierhundert Jahre verstrichen, seitdem Don Isaak Abrabanel, eine der lichtvollsten Gestalten unserer Geschichte, sein Wechsel- und verdienstreiches Leben beschlossen hat. Einer hochangesehenen Familie entstammend, die sich durch große Gelehrsamkeit, staatsmännische Klugheit und begeisterte Hingabe an die Väterreligion auszeichnete, war er ein Mann von universellen Gaben des Geistes und des Herzens, Philosoph und Staatsmann, Bibelerklärer und Finanzgenie, Philanthrop und 'Schriftgelehrter zugleich- Am Ausgang der Glanzperiode unserer Geschichte lebend, in MP

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