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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · p. Seite 318

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 318 (sequence 8)
Language
German
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daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit des obligatorischen Religionsunterrichts sich immer mehr Bahn bricht. Wünscht aber Herr S. F. einen Schlüssel für das Psychologische Problem, „wie die Orthodoxie der Neologie es recht machen soll", so will ich ihn gern geben. Die Orthodoxie soll versuchen, wenn nicht mit, so doch wenigstens neben den anderen Richtungen zu leben. Das wäre bei einigem guten Willen gar nicht so schwer. Heute ist die Orthodoxie nur da gegen den obligatorischen Unterricht, wo sie weder die Majorität noch die sonstigen Machtsaktoren, wie Geistlichkeit und Behörde, in ihren Händen hat. Das ist das „heilige Prinzip". Und da jeder Uebereiser eine Reaktion hervorruft, kommt dann regelmäßig der heftige Widerspruch vom anderen Lager. Ja, es muß ausgesprochen werden: wäre die Orthodoxie sicher, daß ihr Einsiuß allein maßgebend sein würde, dann wäre sie die begeistertste Anhängerin des obligatorischen Religionsunterrichts, und die Gewissensnot der Gegner würde ihr keine zu großen Schmerzen bereiten. Es ist bei der Frage der jüdischen Gesamtorganisation in Preußen ganz dasselbe Prinzip und dieselbe Konsequenz. Man garantiere der Orthodoxie die Macht in der preußischen Judenheit, und sie würde mit Feuereifer für die staatliche Organisation eintreten. Machtgelüste sind es hier gar häufig, die sich eine fromme Hülle wühlen, und nur sie haben das Prinzip der Trennung zum Ideal gemacht. Ich nehme es der Orthodoxie nicht übel, daß sie ihre Macht ausnützt, obwohl Macht kein Prinzip der jüdischen Ethik ist. Nur soll sie nicht den Märtyrer spielen und ewig über Bedrückung klagen, wo die Gegner die Macht haben. Die Zeilen, wo die Orthodoxen die Bedrängten waren, sind längst vorüber. Heute sehnt sich die größte Majorität der deutschen Judenheit nach Frieden, weil man wichtigere Aufgaben hat, als im Kampfe gegen einander seine Kräfte zu vergeuden und den jüdischen Organismus zu schwächen. Und wenn man nicht' von einer starren Rechthaberei geleitet ist und sich nicht vom Dogma der alleinseligmachenden Trennung beherrschen läßt, dann läßt es sich mit den Gegnern gut auskommen. Gerade die Orthodoxie, die sich auf die Geschichte stützen will, sollte begreifen, daß die Geschichte nie stillstand und daß jede Richtung und jede Bewegung auf geistigem Gebiete, kein Produkt der Willkür, sondern einem natürlichen Prozeß entsprungen ist. Herr S. F. behauptet, er sei nur für die Dispensation der orthodoxen Jugend und nicht für die Aushebung des obligatorischen Unterrichts. Vorläufig wenigstens und — nur aus politischen Gründen, wie er deutlich durchblicken läßt. Er wehrt sich gegen den Verdacht einer unklugen Politik in einer Zeit, wo die Stimmung innerhalb, der Machtfaktoren gegen die Aufhebung des obligatorischen Religionsunterrichts ist. Ich weiß nicht, ob diese „Politik" auch den Interessen der jüdischen Gesamtheit dienlich ist. Die Orthodoxen sind die geborenen Kämpfer, haben eine innige Freude am Kampfe und gehen mutig darauf los, während ihre Gegner häufig schüchtern und zaghaft sind. Der Jndifferentismus der Gegner ist ihre größte Stärke. Während z. B. beim vorjährigen Konflikt in München die Orthodoxie, die ganze Welt alarmierte und nicht, nur die jüdischen Zeitungen, sondern auch die „Münchener Neuesten Nachrichten", die „Allgemeine Zeitung" und die „Frankfurter Zeitung" für ihre Zwecke geschickt benutzte und in jeder Weise Stimmung für sich machte, hielt sich der hiesige Gemeindevorstand aus zarter Scheu sehr zurück und reagierte nicht einmal auf die schärfsten Angriffe. Nur so konnte in weiten Kreisen der Eindruck entstehen, es sei der orthodoxen Minorität bitteres Unrecht geschehen. Bei einer Veröffentlichung der Akten wäre ein ganz anderes Bild entstanden. Man hätte dann eingesehen, daß die Majorität sich nicht aus den Machtstandpunkt stellte, weil sie sich bewußt war, dem Frieden große Opfer schuldig zu sein. Also, vorläufig wird nur die Dispensation erstrebt, wenn der Beweis erbracht wird, daß die Kinder „anderweitig einen gleichwertigen Religionsunterricht" genießen. Ja, was ist gl ei ch w ertig? Das kann doch nur heißen, daß der Rabbiner, dem die Aufsicht über den Unterricht anvertraut ist, sich davon überzeugt, daß der Privatunterricht methodisch ist, von berufenen Personen erteilt wird und nicht nur den. ethischen, sondern auch pädagogischen Anforderungen entspricht. Ich glaube kaum, daß die Orthodoxie mit dieser Interpretation einverstanden sein wird. Sie kokettiert ja mit den Kenntnissen in Bibel. Raschi, Mischna und Talmud, die den orthodoxen Kindern beigebracht werden. Ich wäre darüber erfreut, wenn das der Fall wäre,, und ich wünschte, daß jeder Jude seine herrliche Religionsliteratur gründlich kennt, er würde dann mehr Liebe sür das Judentum und mehr Verständnis für seine Ideale haben. Aher noch wichtiger als Mischna und Raschi ist, sür den Laien wenigstens, die Kenntnis der jüdischen Geschichte, und wo nur wenige Stunden in der Woche zur Verfügung stehen, wird jeder Pädagoge sich eher sür Geschichte und Literaturgeschichte als für Raschi und Mischna entschließen. Ist yun auch für diese Fächer in der orthodoxen Privatschule gesorgt? Ist dafür gesorgt, daß die Lehrer auch Lehrsähigkeit besitzen und etwas von Pädagogik verstehen? Diese Frage wird kaum in vielen Fällen bejaht werden können. Und ist dieser Privatunterricht, von München und Nürnberg abgesehen,, überhaupt möglich? Wer soll das Kind da unterrichten, wo die Orthodoxie nur fünf bis sechs Familien zählt? Oder soll hier das Prinzip des orthodoxen Unterrichts der Opportunität geopfert werden? Aber warum diese ganze Verwirrung im Religionsunterricht? Weshalb soll diese gewiß nicht leicht durchführbare Dispensation der orthodoxen Kinder erfolgen? Herr S. F. antwortet: aus hygienischen, pädagogischen und reli-' giösen Gründen. Die hygienische Gefahr soll darin bestehen, daß Kinder, die bereits einen „intensiven" Religionsunterricht in der Privatschule genießen, noch zweimal in der Woche einen weiten Weg von 20—25 Minuten zur Schule zurücklegen müssen, um dem offiziellen Unterricht anzuwohnen. Nun mag München eine sehr ausgedehnte Stadt sein, aber wohnen denn gerade die orthodoxen Kinder immer an den Enden der Peripherie? Herr S. F. fragt, was ein Arzt dazu sagen würde. Ich meine, daß der Arzt vom hygienischen Standpunkt den offiziellen Unterricht weniger schädlich als den „intensiven" privaten betrachten wird. Pädagogisch wird die Notwendigkeit der Dispensierung begründet, weil die orthodoxen Kinder viel weiter vorgeschritten wären. Aber glauben die Herren wirklich, daß die Verhältnisse in Bayern überall so liegen? Es mag sein, daß wenige orthodoxe Kinder besonders begabt sind und auch in den jüdischen Fächern sich auszeichnen, generell aber trifft das nicht zu. Der Religionsunterricht ist wie der Schulunterricht überhaupt für die Norm geschaffen und nicht für die Ausnahme. Ich kenne viele orthodoxe Kinder in Bayern, die ihren Kameraden der freien Richtung den Rang der Unwissenheit in jüdischen Dingen stark streitig machen. Die Lamdonim gehören leider auch in der heutigen Orthodoxie zur Ausnahme und nicht zur Regel. Die alte Generation hat hie und da noch viel gelernt, die jüngere wesentlich weniger, — genau wie im anderen Lager auch. Und nun wird der wichtigste Grund ins Treffen geführt, bas religiöse Moment. Ja, was ist denn geschehen? Wer

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