Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1908)
- Date
- 1908-07-03
- Page
- Seite 317 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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sorgfältiger Prüfung eines jeden Einzelfalles festgesetzt. Für jeden Pflegling wird zur dauernden Kontrolle eine Pflegschaft bestimmt. Es finden zwei Sitzungen im Jahre statt, und zwar vor dem 1. April bezw. 1. Oktober. Die Gesuche sind bis spätestens Februar bezw. August an die Geschäftsstelle, Berlin, Oranienburger Straße 29, einzureichen. Für dringende Fälle können — so weit Mittel verfügbar — .auch außerhalb der Sitzungen ' Bewilligungen erfolgen. Es ist zu hoffen, daß durch diese Stiftung die Ausbreitung des Handwerks unter den deutschen Juden gefördert wird und besonders diejenigen eine Stütze finden werden, die über die niedrigste Stufe des Handwerks.hinaus sich in ihrem Berufe weiterbilden wollen. Einen solchen Bildungsdrang zu begünstigen, ist entschieden verdienstlicher als eine Förderung des allgemeinen Strebens nach akademischer Bildung. Wir wissen den Wert der opferfreudigen Sorgfalt der jüdischen Eltern, die ihre Kinder den höchsten Bildungsstätten zuführen wollen, wohl zu schätzen, aber wir kennen auch die traurigen Folgen der blinden Elternliebe, die für das Studium gänzlich ungeeignete Söhne eben dahin zu führen versucht, wo nur besser Begabte festen Fuß fassen können. Wir haben in den Großstädten ein immer mehr zunehmendes Proletariat unter den „Intelligenten", und es ist vorteilhaft, dieses nicht weiter anschwellen zu lassen. Wer nicht wirklich zum Studium geeignet ist, sollte von ihm fern gehalten werden. Darum ist es erfreulich, durch die neue Stiftung dem anerkennenswerten Streben nach oben auch auf anderem Wege als durch das Universitätsstudium Rechnung tragen zu können. Lur Frage des jüdischen Leligionsunterrichts in Lsyrrn. München, 23. Juni, ls ich in meinem Artikel „Krieg im Frieden" in Nr. 23 dieser Zeitschrift vor dem verhängnisvollen Schritt unserer Orthodoxie warnte, wußte ich natürlich, daß eine Antwort aus diesem Lager kommen wird. Ueberrascht aber, und zwar angenehm überrascht hat es mich, daß die Antwort in diesem Blatte erschien. Die Kluft zwischen Orthodoxie und Reform muß also doch nicht gar so gewaltig sein. Ich würde mich noch mehr über diese Erwiderung in Nr. 25 dieses Blattes gefreut haben, wenn sie mich davon zu überzeugen vermocht hätte, daß meine Warnung überflüssig war und daß die gegenwärtigen Bestrebungen der bayerischen Orthodoxie ganz harmloser Natur sind. Ich bin nämlich darin gut altjüdisch,' also „orthodox", daß ich mich freue, wenn ich eines Besseren belehrt werde und meine Ansicht korrigieren und vertiefen kann. Es ist dies leider hier nicht der Fall und die Sache ist durchaus nicht so harmlos, wie sie hingestellt wird. Herr S. F. erweist mir die Ehre, mich zu den „Knlturkampshähnen der Neologie" zu zählen. Ich muß dieses liebenswürdige Epitheton ornans ablehnen. Ich bin nichts weniger als ein Kulturkampfschwärmer. Ich halte jeden künstlich heraufbeschworenen Kulturkampf für ein Unglück. Weltanschauungen werden nicht durch äußere Macht befestigt, und die Züchtung eines Märtyrertums ist stets ein Fehler, der sich schwer rächt. Mich gelüstet es nach Kultursortschritt, aber nicht nach Kulturkampf im Judentum. Ich bin auch kein begeisterter Lobsänger der „Neologie". Herr S. F. wird mir schon verzeihen müssen, wenn ich diese Bezeichnung überhaupt , ... „ -• J . .. -| I iÜkTiitlllimjclji | zurückweise. Ich meine, man soll gerechterweise eine Richtung nie anders bezeichnen, als sie sich selber nennt. Der Gegensatz der beiden Weltanschauungen besteht für mich nur darin, daß die eine Richtung das unbedingte Festhalten am Alten als Axiom proklamiert, während die andere das Prinzip der Entwicklung auch auf religiösem Gebiete gelten läßt. Die eine Weltanschauung sagt: Das Leben müsse sich der Religion unterordnen. Die andere dagegen behauptet: Die Religion ist fürs Leben da, sie müsse mit dem Leben wachsen und stets neue Formen annehmen. Mit beiden Richtungen läßt sich ein gesunder jüdischer Geist verbinden, in beiden kann aber auch Fremdes und Verfehltes stecken. Ich kann mir eine Reform denken, die es versteht, die alten Elemente mit neuen Anschauungen und modernen Formen so harmonisch zu verschmelzen, daß sie im Geiste echt jüdisch und doch modern ist. Und ich kann mir auch eine Orthodoxie denken, die sich an alte Formen klammert, den Geist entweichen läßt und sich trotz aller Starrheit vom historischen Boden sehr weit entfernt. Wie reformiert wird und wie das Alte behütet wird, darauf kommt es an. Wer wohl weiß, daß das Judentum in der talmudischen und auch noch in 'der rabbinischen Zeit ein fließender Lebensstrom war und viele Metamorphosen erlitt, der wird sich hüten, die Reform an sich als fremdartige Erscheinung in Israel zu bezeichnen. Wenn ich mich in meinem ersten Artikel als unparteiisch legitimierte, so war es keine Phrase. So weit man es subjektiv sein kann, bin ich es. Ich stehe in keinem Lager und schwöre auf kein Programm. Ich nehme nach altem jüdischen Rezept das Güte, wo ich es finde, und kritisiere alles, was mir ungesund erscheint, wo es mir entgegentritt. Ich betrachte die Dinge von einer höheren Warte aus, vom Standpunkt der jüdischen Einheit, und es fällt mir nicht schwer, allen Richtungen gerecht zu werden. Herr S. F. meint, ich schaue die Erscheinungen in Bayern aus der Vogelperspektive. Ich akzeptiere gern dieses Wort. Ja, um das Kleinliche nicht zu sehen und sich den Blick für das Große im heutigen Judentum nicht zu verderben, ist es gut, aus der Vogelperspektive, die der Zukunft näher ist, die Dinge zu betrachten. Da schwindet alles Nebensächliche und Vorübergehende, und der große Gesichtspunkt der jüdischen Einheit, die einzige Stütze in der Geschichte, bleibt. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß der Religionsunterricht für uns Juden das Wichtigste ist. weil ohne ihn keine jüdische Erziehung und keine jüdische Kultur möglich ist. Und ich sehe, wie die Verhältnisse heute liegen, in dem Moment des obligatorischen Unterrichts auf der Schule die bedeutendste Stütze. Wenn manche doktrinäre Demokraten unter uns glauben, dem starren Prinzip der Trennung von Staat und Kirche die jüdische Zukunft opfern zu müssen, so bedaure ich das. Wir Juden haben in den letzten Dezennien in vielen Zeitströmungen die Vorläufer gespielt, und wahrlich nicht immer zu unserem Nutzen. Solange der Religionsunterricht für die christlichen Kinder obligatorisch ist, muß er es für die jüdischen Kinder auch sein. Wenn Herr S. F. daraus einen Widerspruch konstruieren will, daß einige freie Juden in Württemberg sich gegen den obligatorischen Religionsunterricht wehren, so mutet das etwas eigentümlich an. Was die Orthodoxie mit dem Kollektivnamen „Neologie" bezeichnet, ist ein großer Kreis mit vielen Schattierungen, Abstufungen und Nuancen. Es herrschen hier über viele Dinge, wie übrigens in der Orthodoxie auch, verschiedene Ansichten, und auch über die Frage des obligatorischen Religionsunterrichts gibt es immer noch divergierende Meinungen. Es scheint aber doch.