Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228798-3228825--64650-3276723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. o. Hmnvurtz, 17. Juni. In' der Frage, der Feuerbestüttung hat neulich das Hanseatische Oberlandesgericht ein - Urteil gefällt, das in bezug auf die Beurteilung der religiösen Anschauung über diese Form der Beisetzung sich auf den entgegengesetzten Standpunkt stellt, wie die bekannte Entscheidung des preußischen Oberverwaltungsgerichts. Wie'seinerzeit berichtet, hat das hiesige Landgericht im Dezember v. I. entschieden, daß die Beisetzung einer Aschenurne in einem Erbbegräbnis des jüdischen Friedhofs von der Gemeinde geduldet werden müsse, trotz des Widerspruchs des Rabbiners. Das Oberlandesgericht hat sich nunmehr diesem Urteil angeschlossen. Inder Begründung heißt es: „Was als Begräbnis anzusehen ist, ob lediglich' die Beisetzung einer menschlichen Leiche oder auch die von Aschenresten einer solchen, so enthalte darüber weder der Vertrag der jüdischen Gemeinde mit dem Hamburger Staat, der das Terrain für den Friedhof überlassen hat, noch das Reglement des Begräbnisplatzes einen Anhalt, weil zur Zeit ihrer Errichtung an Feuerbestattung und Beisetzung von Aschenresten überhaupt noch nicht gedacht war. Deshalb müsse auf die Frage zurückgegangen werden, was als Zweckbestimmung eines Begräbnisplatzes nach der herrschenden Volkssitte im allgemeinen anzusehen sei. In dieser Hinsicht sei festzustellen, daß sich die Volkssitte in der Anschauung über die Zweckbestimmung der' Friedhöfe dahin erweitert habe, daß die Beisetzung von Aschenresten daselbst im Sinne völliger Gleichberechtigung mit der Leichenbestattung auch hinsichtlich der Lage der Grabstätte vorgenommen werden könne. Deshalb sei auch in der Novelle zur Friedhofsordnung von Ohlsdorf aus 1904 die Beisetzung Feuerbestatteter auf dem Ohlsdorser Friedhof ohne Einschränkung für zulässig erklärt worden." — Wiesbaden, 19. Juni. Der 37. Jahresbericht des Israelitischen Unterstützungs-Vereins konstatiert zunächst, daß die Ausgaben für hiesige Arme und Bedürftige der Umgegend eine wesentliche Steigerung erfahren haben. Der Grund hierfür liegt in der auch in den früheren Berichten ausgesprochenen Tatsache, daß der Erwerb für unsere Glaubensgenossen auf dem Lande immer schwieriger wird und daß der Zuzug von Unbemitteltennach den Städten, um da Unterhalt zu suchen — der aber besonders bei ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnissen nur schwer zu finden ist — in zahlreichen ' Fällen eine dauernde Belastung der Armenverwaltung bildet. Hierzu kommt noch das Elend unserer Glaubensgenossen der osteuropäischen Länder, durch welches zahllose vernichtete Existenzen, nach den übrigen Ländern des Kontinentes ausgewandert, das Proletariat unserer Städte vergrößern, wobei indessen nicht verhehlt werden soll, daß die meisten von ihnen redlich bestrebt sind, ihren Lebensunterhalt durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen. Der Verein hat 257 Mitglieder. Die Jahreseinnahmen betrugen 16 961,34 Mark, die Ausgaben 15 862,19 Mark, das Vermögen des Vereins 33 106,84 Mark. Der Verein unterhält eine Ferienkolonie und hat im Berichtsjahre 964 Arme unterstützt. Der Vorstand besteht aus den Herren: Moritz Heimerdinger, Vorsitzender, Moritz Elsberg, Kassierer, Mayer Baum, Bernhard Grödel, Salh Hamburger, Simon Heß, Josef Löwenstein, Abraham Marxheimer, M. D. Strauß, Adolf Strauß, Meyer Sulzberger, Benedict Straus. — Metz, 19. Juni. Das Konsistorium von Lothringen entfaltet, wie wir dem eben erschienenen Verwaltungsbericht entnehmen, eine stille aber gedeihliche Tätigkeit. In allen israelitischen Gemeinden find Religionsschulen gegründet worden; die meisten politischen Gemeinden zahlen eine, wenn auch geringe, Vergütung an die Religionslehrer. In Metz ist auch der fakultative hebräische Unterricht ohne Kosten für die Schüler eiugeführt worden. Von der Regierung hat das Konsistorium Stipendien für die Ausbildung jüdischer Lehrer¬ und Vorsängeraspiranten erhalten. Die Städte Metz und Saargemünd haben geeignete Schullokale für die jüdischen Elementarschulen hergegeben. Wegen Erhöhung der Gehälter der Rabbiner, beziehungsweise deren Gleichstellung mit den' Beamten der anderen Konfessionen hat sich das Konsistorium mit dem Ministerium in Verbindung gesetzt und durch zwei Mitglieder dem Kultusminister mündliche Vorstellungen machen lassen. — Die Fortbildung der aus der Schule Entlassenen iit'im Auge behalten worden: einem zu diesem Zwecke gegründeten Vereine wird alljährlich ein Beitrag gezahlt. Mehrere lothringische Kinder wurden in den israelitischen Gewerbeschulen zu Straßburg und Mühlhausen untergebracht. Für das Knabenwäisenhaus in Hagenau wurden Sammlungen veranstaltet. — Synagogen sind gebaut worden in Busendorf, Dieuze und Bitsch; hierzu hatten die politischen Gemeinden und die Regierung Zuschüsse gewährt. In Diedenhofen sind die Vorarbeiten für einen Synagogenneubau im Gange, in Metz ist ein Bauterrain zu solchem Zwecke bereits zugesagt. In St. Avold hat die Gemeinde ein Gebäude geschenkt, um einen Friedhof anzulegen. — Eine Zentralkasse gegen Mander- und Hausbettel ist gegründet worden und hat günstige Erfolge gezeitigt. Das israelitische Hospiz in Metz konnte vergrößert werden, da das Konsistorium einen Teil des bisherigen Konsistorialgebäudes hierfür zur Verfügung gestellt hatte. Die in Metz ins Leben gerufene Krankenpflege durch jüdische Krankenschwestern hat sich bestens bewährt. — Mit der Gemeindeverwaltung und den größeren Wohltätigkeitsvereinen wurde ein Komitee in Metz gebildet, das sich der durchreisenden russischen und rumänischen Glaubensgenossen annimmt. Gesterretch-Angsrn. LH Wien, 22. Juni. Die Hetze gegen die Juoen anläßlich de.s Studentenstreikes wäre wahrhaft komisch, wenn sie nicht gar zu traurig wäre. Mit Wahrmund - Vater verlangt die christlich - soziale Meute die Ausschließung der Juden von den öffentlichen Schulen, und Wahrmund-Sohn denunzierte sie als den Schützling des internationalen Judentums. Man sieht, was diese Preßbande ihren Lesern zumuten darf. — Soeben sind die Jahresberichte der „Baronin Clara von Hirsch Kaiser-Jubiläums-Stiftung" und der „Baron Hirsch-Stiftung" zur Ausgabe gelangt. Die erstere besitzt ein Vermögen von 4 695 100 Kronen und hat zum Zweckarmen Kindern jüdischer Eltern Mittagskost und Kleidungsstücke zu bieten, durch Errichtung von Arbeitsschulen, Verleihung von Stipendien usw. jungen Leuten beiderlei Geschlechts den Weg des Erwerblebens zu ebnen und unverschuldet Verarmte nicht bloß zu unterstützen, sondern mit den Mitteln zur Gründung einer neuen, sicheren Existenz zu versehen. Eigentlich sind beide Stiftungen in ihren Bestrebungen verwachsen. Beide verlegen das Schwergewicht ihrer Tätigkeit nach Galizien und der Bukowina. Im letzten Jahre sind die Ausgaben von 454 828,11 auf 470 626,56 Kronen gestiegen; das gegenwärtige Stiftungskapital beträgt 18 492152 Kronen. In den Stiftungsschulen wurden 7549 Kinder unterrichtet; außer 168 Lehrpersonen für allgemeine Disziplinen waren 35 Lehrer des Hebräischen tätig. Von den Mitteln für die Unterhaltung der Schulen abgesehen, wurden noch 77723.11 Kronen an Unterstützungen mannigfacher Art verausgabt, für Beköstigung, Bekleidung, Unterstützung der Kinder und deren Eltern usw. Die Ausgaben sind naturgemäß gewachsen, was aus der Errichtung neuer Kurse für Erwachsene und Zurückgebliebene erklärlich ist. Die „Baronin Hirsch-Stiftung" hat, wie in den vorhergegangenen Jahren, auch 1907 ihr Tätigkeitsfeld erweitert. Die Näh-, Dienstboten- und Arbeitsschulen weisen durchgehends günstige Resultate auf. In allen diesen Anstalten, die sich leider nur in einigen Städten Galiziens befinden, wird das Sparshstem gepflegt. Jedes Mädchen erhält für die geringste Dienstleistung Entlohnung. Das Geld kommt in die Sparkasse, und mit berechtigtem Stolz wird im Berichte darauf hingewiesen, daß die Ersparnisse mitunter ansehnliche Ziffern erreichen. Unter Hinzurechnung von Stipendien und Unterstützungen hat die Stiftung im abgelaufenen Jahre 63 808,86 Kronen ausgegeben. — Aus Budapest wird über das tragische Ende einer Familie berichtet, die in der dortigen jüdischest Gemeinde einmal die erste Rolle gespielt. Wer hat nicht Moritz Wahrmann gekannt? Er war der reichste. Kaufmann der ungarischen Reichshauptstadt, ein angesehener Bürger, Vorsteher der Gemeinde und Mitglied des Reichstags. Er blieb sein Leben lang der einfache, bescheidene Mann, der sich unter tausend Entbehrungen seinen Weg. gemacht und durch eigene Kraft emporgehoben hatte. Er hatte viel in seinem Leben verdient; als er starb, hinterlietz er seinen Kindern zehn Millionen Gulden, also fast 18 Millionen Mark. Die Erhaltung des großen Vermögens war die letzte große Sorge des alten Wahrmann. Er hatte zwei Söhne und eine Tochter, alle erzogen als die Kinder eines Millionärs; den Söhnen waren die väterlichen Tugenden fremd, sie wollten leben wie die Kavaliere. Aber sie haben es nicht verstanden, den Wegen ihres Vaters zu folgen. Sie haben keine Luft gehabt, im öffentlichen Leben sich zu betätigen,