Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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72. Jahrgang. Nr. 26. > Berlin, 26. Juni 1908. Dettage zur „Allgemeinen Leitung deK IudentumK^. lkllrrrlpondrn?kn und Ischrichten. Deutschlanv. S. Berlin, 19. Juni. - Der Verein Lehrlingsheim Pankow hielt am 14. d. Mts. hier seine Generalversammlung ab. In demselben Maße, wie der Verein an Lebensjahren zunimmt, haben sich bisher auch, die Grundlagen, aus denen er begründet worden ist, erfreulicherweise gesestigj^ Die Zahl der Vereinsmitglieder, wie die Vereinstätigkeit sind in fortgesetztem Wachstum begriffen. Am 31. März 1907 betrug die Zahl der Mitglieder 836, während sie am Schluffe des Berichtsjahres sich, auf 917 belief, die Zahl der Aufnahmegesuche betrug in der Zeit vom 1. April 1906 bis 31. März 1907 18 — von welchen 9 genehmigt wurden — während im Berichtsjahre 30 Aufnahmegesuche eingingen, von welchen nur 14 bewilligt werden konnten. Zum erstenmale fand auch ein neun Jahre in der Israelitischen Taubstummen-Anstalt zu Weißensee erzogener taubstummer Knabe, welcher das Schlosserhandwerk erlernt, Aufnahme. Auch das Schulbildungsniveau der Zöglinge wird von Jahr zu Jahr höher. Von den 38 Lehrlingen, welche im letzten Jahre in der Anstalt wohnten, hatten zwei die Berechtigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst, 32 ein Abgangszeugnis aus der ersten Klasse, vier ein solches aus der zweiten beziehungsweise dritten Klasse einer Gemeindeschule. Seit dem Bestehen des Vereins wurden 104 Lehrlinge nachbeendeter Lehrzeit entlassen; diese verteilen sich auf die einzelnen Handwerke wie folgt: zwei Bildhauer, ein Bleigläser, vier Buchbinder, ein Chemigraph, zwei Drechsler, drei Elektromechaniker, ein Elektrotechniker, fünf Feinmechaniker, zwei Galanteriearbeiter, drei Gärtner, vier Glaser, zwei Goldarbeiter, drei Gürtler, vier Klempner, zwei Kürschner, zwei Lederarbeiter, vier Lithographen, sieben Maler, zwei Maschinenbauer, zwei Maurer, ein Mützenmacher, ein Rohrleger, zwei Schildermaler, ein Schirmmacher, sechs Schlosser, zehn Schneider, sieben Schriftsetzer, ein Stuckateur, vier Tapezierer, ein Taschenuhrgehäusemacher, sieben Tischler, fünf Uhrmacher, zwei Zimmerer. Ihrer Staatsangehörigkeit beziehungsweise ihrer Geburtsprovinz nach verteilen sich die 104 Lehrlinge auf das In- und Ausland wie folgt: 68 waren aus Groß-Berlin, zwei aus Brandenburg, einer aus Ostpreußen, fünf aus Westpreußen, zwei aus Pommern, 14 aus Posen, einer aus Hamburg, einer, aus Sachsen-Weimar, drei aus Braunschweig, drei aus Oesterreich, vier aus Rußland. Diese Zöglinge sind dem erlernten Handwerk treu geblieben und haben durch Ausübung desselben ausreichenden Lohn gefunden. Der allgemeinen und religiösen Fortbildung der Zöglinge dienten regelmäßige Unterweisungen des Anstaltsdirektors im Heim, sowie der Besuch der Berliner Fortbildungs- und Fachschulen, welcher mit Strenge überwacht wurde. Bezeichnend für die sanitäre Beschaffenheit der Anstalt und für deren hygienische Einrichtungen ist es, daß während des ganzen Berichtsjahres keine ernsten Erkrankungen unter den Zöglingen vorgekommen sind. Was nun die Vermögenslage des Vereins betrifft, so betrugen die Einnahmen im Berichtsjahre 69 503,53 Mark, die Ausgaben 38 320,80 Mark, das Gesamtvermögen 176 281,05 Mark. Im Hinblick aus den großen Zweck des Vereins erscheint daher der Hinweis des Vorstandes mehr als berechtigt, daß unsere begüterten Glaubensgenossen des Vereins auch dann gedenken möchten, wenn sie Stiftungen zu errichten beabsichtigen. Der Verein ist mittels Ministerial-Erlaß als „milde Stiftung." anerkannt und demgemäß von der Stempelsteuer, den Gerichtsgebtthren und der Erbschaftssteuer befreit Wie alle Gesellschaften,. welche Wohlfahrtseinrichtungen dienen/ so ist auch dieser Verein dauernd auf die Hochherzigkeit und Freigebigkeit edler Menschen angewiesen; möchte er diese üuch ferner in reichem Maße finden; Das Kuratoriums das in der Generalversammlung einstimmig wiedergewählt wurde,, setzt sich aus folgenden Herren zusammen: I. Loewe, Geheimer Kommerzienrat, Vorsitzender. Rudolf Mosse, Verlägsbuchhändler und Rittergutsbesitzer, stellvertretender Vorsitzender. Justizrat Kraft, Schriftführer. Dr. Strelitz, Waisen- Haus-Direktor, stellvertretender Schriftführer, Julius' Bodenstein, Landschaftsmaler, Schatzmeister. Dr. I. Ginsberg, Dr. Magnus, Regierungsrat a. D. Dr. S. Feist, Waisenhaus-Direktor. M. D. Feilchenfeld. Leopold Friedmann, Max Fraenkol. s. Berlin, 20. Juni. Noch einmal berief der vortrefflich arbeitende „Verband für jüdische Wohltätigkeitspflege" seine Mitglieder vor den Ferien zu einer Delegiertenversammlung am 18. d. M., und trotz der brütenden Hitze folgten sehr viele diesem Rufe, um neue dankenswerte Anregungen zu empfangen oder zu geben. Nachdem die turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder, die Herren Dr. Hildesheimer, Direktor Dr. Minden, Eugen Caspary, Frau Julie Neumann durch Akklamation wiedergewählt wurden, sprach Herr Religionsschuldirigent A. Levy über die „Aufgaben der Fürsorgekommission der jüdischen Gemeinde". Redner hebt in seinem sehr interessanten Vortrag aus dem umfangreichen Gebiete der der Fürsorgekommission unterstehenden Aufgaben hauptsächlich die Fürsorge für die entlassenen Strafgefangenen hervor. Er betont, wie unendlich schwer dem Bestraften der Wiedereintritt in das soziale und gesellschaftliche Leben gemacht werde, und mahnte, die Folgen der Strafe, die oft härter seien als diese selbst, soviel als möglich zu mildern. Denn im sozialen Leben begegne ihm Mißtrauen, im gesellschaftlichen Verachtung. Und doch hätten nur fünf Prozent aller Bestraften aus verbrecherischer Neigung gefehlt, viele aus Leichtsinn, die meisten aber aus Not! Aber auch falsche Sentimentalität wäre dem Bestraften gegenüber nicht angebracht. Redner empfiehlt, statt, der bisher gewährten Geldunterstützung ihnen Arbeit, Essen, Obdach und Kleidung zu schaffen, da.erfahrungsgemäß die Häftlinge nach ihrer Entlassung sehr willensschwach seien und mit Geld nicht umzugehen verständen, und nur in besonderen Fällen eine Geldunterstützung, und zwar in Form eines Darlehns, zu gewähren, um hierdurch ihr Pflichtbewußtsein von neuem zu wecken. Die Fürsorge sollte sich aber nicht allein auf den Sträfling selbst, sondern auch auf die Angehörigen erstrecken, und diese, wo erforderlich, für den Erwerb heranbilden. Die Leistungen der Fürsorgekommission hätten nun auch die behördliche Anerkennung darin gefunden, daß man der Kommission die bisher von der Polizei geübte Aufsicht über die Strafentlassenen und auch die Verteilung der Arbeitsprämie übertragen habe. Der Vorsitzende, Justizrat Breslauer, erstattet den üblichen Geschäftsbericht, der wiederum einen erfreulichen Beweis von der fortschreitenden Entwicklung des Verbandes gibt. Er umfaßt nun 79 Institutionen. Im Berichtsjahre ^sind 398 Gesuche von 346 Parteien eingegangen; von den angeschlossenen Vereinen sind 14 300' Anfragen an die Zentralstelle gerichtet und 13 400 Berichte erstattet worden. Seit Beginn der Tätigkeit des Verbandes beträgt die Zahl der Anfragen 151728, die Zahl der Berichte 151244. Er erwähnt noch, daß die vom Verband in jüngster Zeit ins Leben gerufene Sammelstelle für hilflos gewordene Kinder sich glänzend bewähre; 26 Kindern wurde an 780 Tagen Verpflegung und Ueberwachung gewährt. Zum Schluß weist Herr Justizrät Breslauer auf die Auskunftsstelle hin, die dreimal wöchentlich und zwar Montags, Dienstags und Donnerstags nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr allen Interessenten zur Verfügung steht. £2 Berlin, 21. Juni. Das Kuratorium des Rabbiner-Seminars eröffnet den Rechenschaftsbericht für das Jahr 1906—1907 mit dem Dank für seine Wohltäter, denen sich ein ansehnlicher Kreis neuer Freunde beigesellt hat. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben sich auch für die Anstalt empfindlich fühlbar gemacht. Die Zahresrechnung schließt mit einem Fehlbetrag von 3921.20 Mark ab. Herr Joses Loewenthal hat ein Legat von 3000 Mark testamentarisch hinterlässen, das Mitglied des Kuratoriums Herr S. I. Leszynsky hat aus Anlaß der Rabbinatsprüfung seines Sohnes Rudolf eine Spende von