Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 312 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrer Gebilde hervorquellen. „Ex Oriente lüx: aus dem 'Osten kommt das Licht!" Wenn wir angesichts der .Kulturzustände in Polen- Rußland es beinahe aufgegeben haben, an die Wahrheit dieses Volkswortes heute noch zu glauben, so brauchen wir nur die dichterischen Erzeugnisse eines.. Leon , Gordon, eines Abraham Lebensohn, eines Abraham Gottlober auf .uns wirken zu lassen, um wenigstens in dieser einen Beziehung jenem Sprichwort recht zu geben. Den genannten Dichterfürsten reiht sich würdig Michael Joseph Lebensohn, ein Sohn Abraham Lebensohns, an. Allerdings mußte er schon in seines Lebens Maienblüte, 24 Jahre alt, von hinnen scheiden, aber er hat sich unsterblich gemacht durch seine Schire bath- Zion, seine Zionslieder, in denen er biblische Stoffe mit bedeutender Denk- und poetischer Schaffenskraft zu Kunstwerken von herrlicher Schönheit umgegossen hat. Davon legt ein Zeugnis ab seine Bearbeitung des Buches Kohelet. Schon die Sprache bezaubert durch ihren machtvoll klingenden Schwung und ihren Bilderreichtum, kaum erkennt man das Original der Heiligen Schrift wieder. Der Verfasser fühlt sich auch nur als freier Erzähler, er will den Inhalt selbständig wiedergeben. Und wie tut er das! Alles erscheint wie aus einem Guß, die Hauptgedanken sind herausgehoben und tief durchgearbeitet, das Nebensächliche und Widersprechende ist entfernt, Lücken sind durch rabbinische Auslegungen und eigene, im Geiste des Ganzen liegende, oft ganz modern anmutende Gedanken ausgefüllt. Die Betrachtung erscheint von logischer Schärfe und doch von innigem Gefühl durchzogen, als wäre König Salomo ein Dichterphilosoph der Neuzeit, der seine Ideen und Erfahrungen über das Menschenglück in strenger Ordnung, aber nicht in abstrakter Nüchternheit, sondern im persönlichen Tone eines zugleich warm empfindenden Herzens entwickelt. — Die Lektüre des Büchleins ist für den modernen Menschen ein Genuß und führt ihm vielleicht besser als der Urtext selber den eigentlichen Kern der Gedanken jenes biblischen Philosophen vor Augen. Den des Hebräischen Unkundigen unter uns wird es aber erst durch die deutsche Uebersetzung von H. Schirwindt zugänglich, welche der wackere, für alles Jüdische begeisterte Dr. Julius Lewy in Danzig zu einer echten Dichtung umgestaltet hat. (Hebräischer Text, punktiert, mit deutscher Bearbeitung. Ostdeutsche Buchhandlung, Königsberg i. Pr. 1907.) Möge diese Schrift recht zahlreiche Leser finden. Dr-. S. Grzhmisch. * Aron Friedmann: Der synagogale Gesang. Eine Studie zum 100. Geburtstage Salomon Sulzers und zehnten Todestage Louis Lewandowskis nebst deren Biographien. Zweite, vielfach erweiterte Auflage. Berlin 1908. C. Boas Nachf. 148 Seiten. Die vor vier Jahren erschienene Arbeit liegt in zweiter, vielfach vermehrter und erweiterter Auflage vor.' Es war ein Trieb der Pietät, der Friedmann damals die Feder in die Hand drückte, um das Gedächtnis an die beiden Heroen des Synagogengesangs in einer populärwissenschaftlichen Studie zu feiern. Und dieser Akt der Pietät darf als vorzüglich gelungen bezeichnet werden. Die Herkunft unseres Chasonus ist ein überaus dunkles Gebiet. Friedmann schlägt zur Aufhellung dieses Gebietes den Weg der Vergleichung ein. Er geht von der zweifellos unanfechtbaren Behauptung aus. daß in erster Linie die Melodien zu den synagogalen Vorlesungen, zum „Leinen", zu den Haphtaroth, der Megilla und den Klageliedern alte, auf jüdischem Boden entstandene Gesangsweisen darstellen. Darauf wird an einer Fülle interessanter, stets zutreffender Beispiele gezeigt, wie einzelne Tongänge und Wendungen dieser Kantillationen in das eigentliche Chasonus, den Vortrag der Gebete, übergegangen sind. Zur Grundlage seiner, weiteren Untersuchungen nimmt Verfasser die vom Oberkantor Singer-Wien aufgestellten vier Tonarten des traditionellen Synagogengesanges, die sogenannten „Steiger", nach den Hauptstücken benannt: Aisebtabaeb-Steiger, Adonoi moloob-Steiger, Mogenowos«©teiger unb Ahaworabbo=©teiget. Friedmann selbst fügt als fünften noch den Aw horachamim=<5teiger hinzu. Diese Tonarten nimmt Friedmann als spezifisch jüdische für bas jüdische Volk in Anspruch, unbekümmert darum, daß sie, wie der ^ebtabaeb-Steiger, Aehnlichkeiten mit slavischen Gesängen aufweisen. Indem nun die einzelnen Wendungen und Intervalle dieser Tonarten in den verschiedensten Teilen des' Chasonus aufgezeigt werden, gewinnt auch dieses Chasonus einen spezifisch jüdischen Charakter und stellt sich als eine einheitliche Gesangsart dar, die aus den charakteristischen Tongängen dieser wenigen Grundtonarten ihr besonderes Gepräge erhält. Dies nachzuweisen, bemüht sich Verfasser mit gutem Erfolge. Auch ist es ihm; gelungen, den Studien Kirschners folgend, .eine.Anzahl bisher' unbekannter Uebereinstimmüngen katholischer Kirchenlieder mit jüdischen Gesängen aus dem reichen Schatze des Bäumkerschen Kirchenliederbuches aufzufinden und damit einer anderen Frage auf dem Gebiete des synagogalen Gesanges, der der antik-jüdischen Melodien, neues Material zuzuführen. Dies ist in der Hauptsache der Inhalt des. Friedmannschen Buches, dem in einem Anhang begeistert geschriebene Biographien Sulzers und Lewandowskis beigefügt sind. Die vorliegende zweite Auflage bringt mannigfache dankenswerte Erweiterungen. S. 18 ff. ist nach dem Birnbaumschen Artikel über „Musikalische Tradition" eine Aufzählung und Begründung aller in der Verlesung von Megillath Esther gebräuchlichen tonischen Hervorhebungen eingefügt. S. 24 finden wir eine hochinteressante Aufzeichnung, eine Melodie zu Schir haschirim, nach Mitteilung des Privatgelehrten Jawitz. S. 37 bringt Verfasser eine Vergleichung der biblischen Akzente mit den Neumen, S. 44 einen lehrreichen Exkurs über die Kirchentonarten und ihre Entstehung, S. 91 über den Pismon, S. 99 über die Entstehung des Gegensatzes zwischen den Melodien der Sephardim und denen der AsebLenasim; endlich gibt- Verfasser S. 101 mehrere instruktive Beispiele aus dem sephardischen Ritus nach den Werken von Consolo, van Bauer und Löwit. Auch die Biographien sind erweitert und bringen stellenweise neues. Material. Kurz, man sieht, wie der fleißige Autor bemüht war, seine Darstellung zu vertiefen, seine Beweise zu kräftigen und sein Buch durch belehrende Exkurse wertvoller zu machen. Alle Melodiebeispiele sind sorgfältig und geschmackvoll ausgezeichnet. Möge auch diese zweite Auflage des anregenden Buches, dessen Erlös der Kantoren- Hilfskasse zufließt, die wohlverdiente weite Verbreitung finden. Dr. Ackermann-Brandenburg. ----- I. Herzberg: Neue israelitische Jugendbücherei Saron. Belehrendes und Unterhaltendes aus alter und neuer Zeit. 1. Bändchen: Moses Mendelssohn. Ein Lebensbild für die israelitische Jugend von I. Herzberg. Leipzig 1907. M. W. Kaufmann. Der durch seine Jugendschriften und jüdische Erzählungen in weiten Kreisen wohlbekannte Lehrer I. Herzberg in Bromberg hat mit der Herausgabe dieser Sammlung einen Weg beschritten, den schon mancher für die Heranwachsende jüdische Jugend warmfühlende Schriftsteller betreten hat, ohne leider jedoch das Ziel, der Edelsten wert, erreicht zu haben. Die Gründe dieser Mißerfolge zu erörtern, dazu ist wohl bei dieser Buchbesprechung nicht der Platz. Wir möchten bloß darauf Hinweisen, daß bereits vor mehr als 20 Jahren der Unterzeichnete in der nun längst entschlafenen „Israelitischen Wochenschrift" in einem Artikel „Gedanken über jüdische Erzählungen" Wege und Ziel solcher Schriftwerke für die Erwachsenen und für die Jugend eingehend erörtert hat, und daß seit jener Zeit die Fürsorge für die geistigen Kräfte unserer jüdischen Jugend in den weitesten Kreisen angeregt worden ist. Wie viele Jugendschriften gibt es über die christlichen, insbesondere die deurschen Geisteshelden! Wie müssen wir erröten, wenn wir demgegenüber auf die wenigen Bändchen blicken, in welchen der Jugend ein Lebensbild unserer jüdischen Geisteskämpfer geboten wird. Insbesondere ist über den edelsten Kulturförderer unserer Glaubensgemeinschaft, Moses Mendelssohn, so wenig für unsere Jugend vorhanden, daß wir für das bisher beste Buch über ihn einem Christen, dem verstorbenen Berliner Volksschullehrer Ferdinand Schmidt, den Preis zuerkennen müssen. Um so verdienstvoller ist es, daß Herzberg sich den „Lessing der Juden" zum Vorwurf genommen hat undwie" wir gleich sagen wollen, seiner Aufgabe im ganzen recht gut nachgekommen ist. Der Stil ist gut und die Darstellung dem kindlichen Geiste angemessen. Das schließt indes nicht aus, daß dieses Buch auch ein „Volksbuch" werden kann. . Hermann Becker. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.