Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 311 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Zusicherung seiner unwandelbaren Gnade. Auch teilte er ihm den über Ibrahim verhängten Todesplan mit. Es war schon gegen Abend, als Ibrahim sich auf den Weg machte, den Befehl seines Herrn zu vollziehen. Doch aus einmal wurde er aus seinem tiefen Sinnen aufgeschreckt. Ein altes Weib stürzte aus einer zerbrechlichen Hütte auf ihn zu und rief und schrie: „Rabbi, Rabbi! Komm herein zu mir, daß Du meine kranke Tochter tröstest!" Der Rabbi sagte: „Warte, bis ich Zurückkomme; der Vizekönig gab mir einen Auftrag, den ich nicht versäumen darf." Aber das Weib ließ nicht ab mit Bitten und Beschwörungen, bat und flehte so innig, daß Ibrahim nicht mehr widerstand, sondern mit ihr ins Haus ging, wo ihn die Alte an das Strohbett ihrer armen Tochter führte. Der blasse Schimmer einer Lampe beleuchtete das bleiche Gesicht der Kranken, die im Fiebertaumel lag. Sie fuhr öfters über die rotgefärbten Augen, als schmerzte sie der Lichtstrahl. „Löscht die Kerze, Frau!" gebot der Rabbi. „Aber, Rabbi!" wendete die Frau ein, „es ist ja Sabbat heute. Darf man nach dem Gesetz eine Kerze löschen, wenn sie dem Kranken beschwerlich fällt?" „Du darfst," erklärte Ibrahim, „tue, wie ich Dir befohlen." Die Alte löschte die Kerze. „Siehst-Du," fuhr Ibrahim fort, „da droben am Himmel leuchten jetzt die Lichter Gottes, sie scheinen durchs Fensterlein auf das Bett Deiner Tochter; aber ihr Strahl beleidigt das kranke Äuge nicht. Laß Deine Tochter schlummern, gutes Weib; denn wenn sie erwacht, wird sie gesund sein!" Die Mutter sah dem Rabbi entzückt ins Gesicht. Sie traute seinen Worten, denn sie wußte, daß er auch Arzt war, der kranke Körper und nicht bloß kranke Geister heilte. Als Ibrahim wieder ins Freie trat, waren die Sterne alle am Himmel aufgeblüht und leuchteten zur Erde nieder. Er ging rasch vorwärts und eilte auf einem näheren Fußpfad den Gebäuden entgegen, wo die Kalkbrenner ihre Wohnung hatten. Bald hatte er sie erreicht, und Qualm und erstickender dicker Dampf stieg aus den Schlöten zum Himmel. Feuerstrahlen schossen mitunter wie brillantene Leuchtkugeln in die Nacht hinein, und in den Hof eintretend, blickte er plötzlich in die höllische Glut eines zischenden, Prasselnden Ofens. Vier Knechte standen an demselben, von der Glut beleuchtet, wilde, grinsende Gesichter mit aufgeworfenen Lippen. Der Rabbi trat näher, fragte: „Ist das geschehen, was der Fürst gebot?" Da lächelten die Kalkbrenner und deuteten grinsend nach dem Ösen. Ibrahim wunderte sich ob dieses Vorgangs; jedoch zu treu seinem Fürsten, um dessen Geheimnisse erforschen zu wollen, ging er rasch wieder von den Kalköfen weg und eilte in der schönen, warmen Sommernacht nach Hause. Am andern Morgen verfügte er sich zur bestimmten Stunde in den Salon des Fürsten. Kaum aber erblickte ihn dieser, als er wie von einer Geistererscheinung erschreckt aufsprang, dem Rabbi entgegenstürzte und ihm zurief: „Herr, himmlischer Gott und alle Heiligen! Wo kommt Ihr her?" „Was ficht Euch an, mein gnädiger Fürst?" fragte Ibrahim erstaunt und erschreckt zugleich. ' „Seid Ihr nicht auf meinen Befehl gestern nach den -Kalkgruben gegangen?" fragte der Fürst. «Ja, Herr — und die Kalkbrenner versicherten mir auf die Frage, ob Eurer Hoheit Befehl vollzogen sei: er sei besorgt und aufgehoben." „Gott, Gott! Was ist hier vorgegangen!" schrie der Fürst entsetzte „Am Ende ist ein Unschuldiger in die Ofenglut geworfen worden. — Wehe, wehe mir, was hab> ich getan!" „Gewiß nichts Böses," versicherte Ibrahim. „Mein Fürst ist zu besonnen, um eine Uebeltat zu begehen." - „Nein, nein! Ich war nicht besonnen!" schrie der Fürst. „O, Unglücklicher — wüßtest Du, was ich getan! Ich wollte Dich, Dich, Ibrahim, in die höllische Glut eines Kalkofens schleudern lassen. Deshalb sandte ich Dich gestern zu den Kalkgruben." „Mich, mein Fürst?" ries Ibrahim erstaunt. „Und was tat ich, einen so entsetzlichen Tod zu verdienen?" „Jener Höfling," entgegnete der Fürst,. „Dein Feind, der so oft Dich anschwärzte, sagte mir. Du habest in einer Gesellschaft öffentlich erklärt, daß ich einen Atem habe, welcher Dir jede Unterhaltung mir mir unangenehm mache. Ich glaubte ihm, weil Du bald darauf mit dem Tuch vor mir erschienst, und beschloß, Dich zu vernichten." „Und derselbe Höfling," erklärte Ibrahim, „der meinen Fürsten belog, belog auch mich. Mir sagte er dasselbe von Euch — und so mußte es kommen, daß gegenseitiges Zartgefühl unsere Augen mit dem Schleier der Täuschung bedeckte." „Ist es möglich!" rief der Vizekönig. „O so komm in meine Arme, geehrter, geliebter Freund, und vergib die Kränkung, die ich Dir angetan." Noch lag Ibrahim in den Armen seines fürstlichen Freundes, als ein Kammerdiener eintrat und einen der Kalkbrenner meldete, der den Fürsten zu sprechen wünsche. „Er trete ein!" gebot der Vizekönig. „Gnädiger Fürst!" sagte der eintretende Mensch. „Auf Ihren Befehl warfen wir gestern den Abgesandten in den Ofen. Hier aber übergeben wir seine Brillantuhr und seinen Siegelring, den wir ihm vom Finger zogen. Meine Kameraden wollten die Dinger als gute Beute erklären; aber ich nahm sie ihnen ohne weiteres ab, weil sie nicht uns gehören." Der Fürst griff rasch nach dem Siegelring. „Großer Gott!" rief er erschüttert, „das ist der Ring Deines Feindes, des Höflings, der Dich bei mir anschwärzte!" „O unerforschliche Weisheit!" rief Ibrahim, „Du schütztest mich vor Verderben." ^,Aber — sag mir, Freund, wo warst Du, als der Höfling nach den Kalkgruben eilte?" «Ich saß an dem. Krankenbett einer Fieberschwachen und tröstete die betrübte Mutter", sagte Ibrahim. „Indessen hat der heimtückische Höfling die Zeit nicht erwarten können, bis er die Nachricht meines sicheren Todes empfing — er ist früher gekommen als ich und hat statt freudiger Kunde den Tod gefunden." „So hat Gott gerichtet!" rief der Fürst. „Die Hoffärtigen höhnen und. spotten", sagte Ibrahim. „Es müssen sich schämen und gehöhnt werden, die nach meiner Seele stehen, es müssen zuschanden werden, die mir übel wollen. Sie müssen werden wie Spreu vor dem Winde und der Engel des Herrn stoße sie weg." ->#<- . ■ Literarische Mitteilungen. ---- Die Blüten der neuhebräischen Poesie dringen heute nur selten in die Kreise der deutschen Juden, obgleich diese gerade unter ihnen durch die Measfim. die Freunde der Schüler Mendelssohns, einst zum Leben erweckt worden war. Und doch bildet sie einen Edelstein unter den Schöpfungen des jüdischen Geistes, und die empfängliche Seele fühlt sich aUss tiefste bewegt von dem Wohlklang, dem Phantasie- und Gedankenreichtum, die aus nicht -wenigen