Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 310 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Plötzlich wurde diese geöffnet. Schreckenbleich stürzte der nach Ibrahim gesandte Diener herein und verkündete mit keuchendem Atem, daß soeben Ibrahim aus offener Straße ermordet worden sei. „Ermordet!" schrie der Fürst, „Mensch, bedenke, was Du da sagst." „Gnädiger Herr — ich spreche die Wahrheit," stammelte der Diener, „Ibrahim hatte in der Synagoge gesprochen und war auf dem Wege nach seiner Wohnung begriffen. Da schossen plötzlich zwei Vermummte an ihm vorbei; der zur ■ Rechten hatte ihm einen Dolch ins Herz gestoßen, daß er aus der Stelle zu Boden stürzte. Um ihn sammelte sich das Volk; es entstand ein wirrer ungeheurer Tumult, durch den ich kaum mir Bahn brechen konnte, um die Mär mitzuteilen." Der Vizekönig verhüllte sich das Gesicht mit beiden Händen. Dann wandte er sich rasch zur Versammlung und sagte: „Ibrahim war mein Freund — ich muß ihn noch einmal sehen, vielleicht sprechen . . . Verhüte der gütige Gott, daß sein Auge schon gebrochen von der Todesnacht, und daß ich nicht einmal noch schauen kann in die klaren Sterne, die seine reine Seele im Leben abspiegelten." Der Vizekönig eilte rasch nach der Wohnung Ibrahims. „Wo ist Euer Herr?" fragte er den alten Diener des Meisters, welcher im Vorsaal arbeitete. „In seinem Zimmer, gnädiger Herr! .... Er arbeitet", entgegnete der Diener. „Wie? Er arbeitet . . . .? Er liegt nicht zu Bette? .... Er ist gesund und wohl?" „Er ist es wieder, gnädiger Herr! . . . Der Dolchstoß ging durch den Mantel auf die Bibelrolle und durchbohrte sie . . . Das Fleisch selbst auf der Brust blutet nur wenig." „Gott sei Dank!" rief der Fürst und eilte hinauf in das Zimmer. Ibrahim trat ihm entgegen, verbeugte sich, und sagte: „Euren Eintritt segne der Herr, der mich gerettet hat. Noch lebe ich;.von dem Schwerte des Todesengels fiel der bittere Galltropfen noch nicht auf meine Lippen, die stets bereit sind, für die heiligen Wahrheiten des Lebens zu streiten." „O wie froh bin ich, daß Ihr gerettet seid, mein teurer Freund!" rief der König. „Aber sagt — ist es wahr, daß der Dolch die Rolle durchstach, mit welcher Ihr aus der Synagoge zurückkamt?" „Ja, gnädigster Fürst, so ist es!" sagte Ibrahim und nahm die Rolle von seinem' Arbeitstische. „Hier ist der Stoß durchgegangen!" Der Fürst nahm die Rolle und las die vom Dolch durch-- bohrte Stelle. Sie lautete: „Auf, Herr! Und hilf mir, denn du schlägst alle meine Feinde aus die Backen und zerschmetterst die Zähne der Gottlosen." *) „Gott ist groß!" ries der Fürst erschüttert und schloß den gelehrten Meister in seine Arme. Seit jener Zeit wurde Ibrahim der erklärte Freund und Günstling des Fürsten. Er stieg täglich höher in der Gunst seines Herrn, der ihn, unbekümmert um die neidischen Angriffe anderer, auszeichnete. Aber der.Neid ist ein geschäftiger Bote, dessen Lippen von Gift triefen. Jener Hofmann mochte den Ibrahim nicht leiden, aber am allerwenigsten ertrug er, daß der gelehrte Jude in der Gunst seines Fürsten saß. Wut und Rache kochten in ihm. So erschien er eines Tages vor dem Vizekönig und brachte wie zufällig die Rede aus Ibrahim. „Gnädigster Herr!" sagte er süßlächelnd, „ich bitte Sie recht sehr um Verzeihung. Den Ibrahim habe ich unbesonnenerweise der Staatsverräterei angeklagt — ich nehme mein Wort zurück. — Ibrahim ist ein gelehrter Mann, der niemals gegen den Staat konspirieren wird. Aber eins verdrießt mich doch von ihm — ja es ist sogar abscheulich, daß solche Falschheit gefunden wird unter den Menschen ...,." Der Vizekönig wandte sich bei diesen Worten erzürnt nach dem Hofmann. „Sie sind ein Elender!" rief er, „den meine unendliche Langmut bisher geschont hat. Jetzt. reißt der Faden meiner Geduld. Sie werden meinen Hof verlassen." „Königliche Hoheit!" rief der Hofmann, „hören Sie mich, ehe Sie mich verdammen. Ibrahim hat in einer Gesellschaft öffentlich erklärt, daß es ihm höchst unangenehm sei,, mit Ew. Königlichen Hoheit zu reden, weil . . . weil . ... doch ich bitte um Verzeihung, gnädiger Herr, daß ich es wage, eine solche unverschämte Lüge Ihnen gegenüber auszusprechen." „Eine Lüge von Ihnen?" fragte der Fürst, kalt. „Nein, nein!" versicherte der Höfling, „von Ibrahim, den mein Fürst abgöttisch verehrt, vom Ibrahim, der Ihre Unterredungen fürchtet, weil Sie einen schlechten Atem hätten, wie er öffentlich erklärt hat." ^Abscheulich!" zürnte der Fürst. „Aber es ist nicht wahr!" — „Prüfen Sie selbst," lächelte der Höfling, „und dann — verdammen Sie mich, wenn Sie es können!" Den König erschütterte diese hartnäckige Kaltblütigkeit des Hofmannes. Ein leiser Zweifel gegen die Treue des Ibrahim stieg in ihm auf, und er beschloß, ihn zu prüfen. Indessen aber hatte der glätte doppelzüngige Schmeichler bei Ibrahim dieselbe Rede gepflogen. „Gelehrter Meister!" sagte er, „Ihr denkt in der Gunst Eures Fürsten warm und weich zu sitzen! Aber Ihr irrt Euch — der Fürst ist ein eigener launischer Mann, dem man's mit dem besten Willen und Gewissen nie recht macht. So — denkt Euch — hat er sich auch über Euch beklagt." „Worüber?" fragte Ibrahim verwundert. „Ihr hättet," sagte er, „einen Atem, der ihm die Lust verleide, mit Euch zu sprechen." Als sich der Höfling entfernt hatte, lächelte Ibrahim traurig und bitter, langte ein feines weißes Tuch aus. seinem Schrank und verfügte sich nach dem Palast des Vizekönigs. Es war die Stunde, wo dieser den gelehrten Juden -erwartete. Bei seinem Eintritt in den Salon fand er den Fürsten allein, grüßte ihn freundlich und näherte sich ihm, fein Tuch fest an den Mund gedrückt, um ihn nicht durch seinen üblen Atem zu beleidigen. Der Fürst aber, gleicherweise zartfühlend, hatte wie. Ibrahim ein Tuch vor dem Munde, um den gelehrten Freund, nicht zu kränken; aber in. seinem Herzen kochte der Zorn furchtbar. Die Wahrheit der höfischen Worte schien ihm ausgemacht; es dünkte ihm eine Falschheit und Untreue sondergleichen, und er beschloß — den Falschen zu verderben. Er verabschiedete den Gelehrten kalt, rief einen getreuen Diener ins Zimmer und befahl ihm, sogleich nach den Kalkgruben von Cordova zu eilen. „Findest Du die Kalkbrenner am Ofen, so geb'iete ihnen in meinem Namen, denjenigen auf der Stelle in den Ofen zu. schleudern, welcher im Verlaufe einer Stunde kommen wird und die Frage an sie richtet: , ob mein Befehl vollzogen?" Der Diener entfernte sich und eilte nach den Kalkgruben. Einen zweiten Diener sandte der Vizekönig sogleich zu Ibrahim, welchem er den Befehl erteilen ließ, augenblicklich nach den Kalköfen von Cordova zu gehen und die dortigen Kalkbrenner zu fragen, ob sein Befehl vollzogen. Dem glattzüngigen. Höfling, der gerade im Salon zugegen war, dankte er für seine Treue, die er so lange leider verkannt habe und gab ihm die i) Psalm 3, 8.