Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 306 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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spenden. Das unerbittliche Schicksal aber bestimmte es anders und ließ ihn nicht mehr diesen schönen Tag erleben.- Ueberblicken wir den Lebensgang des Dahingeschiedenen, so sehen wir, daß er ein Philantrop im schönsten Sinne des Wortes war. Ohne seine edlen Taten an die große Glocke zu hängen, ging er zielbewußt ans Werk und hat im Laufe seines arbeitsamen Lebens viel Gutes geübt. Darum Ehre seinem Gedächtnisse! Der Tod solcher Männer reißt in dieser trüben Zeit eine besondere Lücke. Denn was wir sonst aus Rußland zu berichten haben, ist mehr als trüb. So hat der Deputierte der Stadt Odessa, der bekannte. Rechtsanwalt Pergament, der gegenwärtig in seiner Vaterstadt weilt, einem Berichterstatter unter anderem folgendes gesagt: „Mit der jüdischen Frage verhält es sich folgendermaßen: Die jüdische Frage wurde in der Duma in einem für die Juden sehr günstigen Moment ausgerollt, nämlich bei Beurteilung der Militärpflicht der Juden. Das Resultat dieser Verhandlung war, daß der Antrag tzer Rechten verworfen wurde und nicht einmal zur Abstimmung kam. Eine günstige Lösung der irdischen Frage ist aber doch von der gegenwärtigen Duma nicht zu erwarten. Möglich ist es, daß einige Erleichterungen in Erweiterung des Ansiedlungsrayons zu erlangen sein werden, aber etwas mehr zu-bieten, dazu wird sich die Duma nicht entschließen!" Dies sind recht traurige Aussichten! —, Ein amerikanischer Tourist Dr. Jung aus dem Staate Dakota, der gewesene Direktor im Ministerium der Landwirtschaft daselbst, weilt gegenwärtig mit seiner Frau in Odessa. Letztere ist Oberarzt des Staatshospitals in New Jork. Er bereist Rußland im Aufträge dreier amerikanischer Zeitungen, um die Verhältnisse daselbst zu studieren, Bekanntschaften mit denjenigen deutschen Kolonisten anzuknüpsen, die den Entschluß faßten, nach dem nördlichen Texas , auszuwandern, wo zur Kolonisation ausgezeichnete Terrains vorhanden sind. Er selbst besitzt dort Ländereien, ist Chef des Landesdepartements des Texaser Eisenbahntrusts und kann als solcher den Emigranten die nötigen Dienstleistungen erweisen, weil er selbst ein ' deutscher Kolonist aus Südrußland ist. Als wir dies in einer russischen Zeitung lasen, dachten wir an unsere unglücklichen Glaubensgenossen. Wenn wirklich der Boden in Texas so fruchtbar ist, wie Herr Jung denselben schildert, so wäre es für unsere schwergeprüften Brüder im Osten ratsam, sich diesem Lande zuzuwenden. Allerdings müßte man vorher die genauesten Informationen darüber einziehen, ehe man sich entschlösse, den heimatlichen Boden zu verlassen. — Des braven Kruschewans. „Rußkoje Snamja" („Die russische Fahne") fordert jetzt sogar, daß man den Juden verbieten solle, die Gebete für den Kaiser zu verrichten. „Die jüdischen Gebete für den rechtgläubigen Zaren," sagt dieses Blatt, „diskreditieren die rechtgläubige Religion." Dagegen finden wir in den „Odesskija Nowosty" („Odessaer Neuigkeiten") eine charakteristische Korrespondenz zwischen dem früheren Kommandeur des 53. Wolhynier Infanterieregiments Generalmajor Mileant und dem Polizeimeister der Stadt Sysran. Der erstere schreibt: „Einer der Reservesoldaten des Regiments, das ich im Feldzuge der Jahre 1904/05 kommandierte, und namentlich des 53. Wolhynier Infanterieregiments, Nissenbaum (Jude), wünscht sich in der Stadt Sysran niederzulassen, gestützt aus den Allerhöchsten Ukas vom 17./18. Juni 1904, durch welchen es denjenigen Inden gestattet sein soll, überall im Reiche zu wohnen, die aus der Reserve nach dem fernen Osten berufen wurden." Er fragt beim Polizeimeister an, ob seinerseits kein Hindernis vorliege, und ersucht, die Bitte Nissenbaums zu gewähren, „da alle Juden, die in diesem Regiments im fernen Osten waren, sich unbedingt von der besten Seite bewährt haben." Der Polizeimeister erwiderte hierauf, daß^kein Hindernis vorliege, wenn Nissenbaum ein Zeugnis des Regimentsobersten über seinen tadellosen Dienst vorzeigen könne. Was sagen nun die antisemitischen Deputierten der Reichsdurnch die alle jüdischen Soldaten für Feiglinge und Verräter erklärten, zu dieser Geschichte? — Nach den Wahlen des Petersburger Barreaus der Rechtsanwälte sandte dasselbe an den gewesenen Deputierten der ersten Duma, den Rechtsanwalt Winawer, der wegen Unterzeichnung des Wiborger Manifestes gegenwärtig seine Strafe im Gefängnis abbüßt, ein Begrüßungstelegramm mit dem Ausdrucke tiefen Mitgefühls. — Die O d e s s a e r Duma (Munizipalverwaltung) besteht augenblicklich zum größten Teil aus Vertretern der „schwarzen Bande"; die Uprawa (der Magistrat) desgleichen. Infolgedessen werden alle jüdischen Aerzte der städtischen Hospitäler sowohl, als alle jüdischen Beamten im Magistrat, die ein Vierteljahrhundert dort wirkten, heraüsgedrängt; so Dr. Weinstein, und kürzlich wieder der Beamte der Uprawa Feldstein, der 21 Jahre im städtischen Dienste sich befand. Seit Begründung der Stadt Odessa war dort noch nie eine solche antisemitische Duma und Uprawa wie jetzt. Der Judenhaß dieser „schwarzen Bande" hat so manchen tüchtigen Beamten und Arzt an den Bettelstab gebracht. . Schöne Zustände in einer so großen internationalen Handelsstädt wie Odessa! Louis Iaraby. Von Dr. Ernst Cohn. unseren Tagen, in denen so viel von einer sogenannten spezifisch „jüdischen Kunst" gesprochen wird, in denen man immer wieder versucht, die Werke der jüdischen Künstler auf die gemeinsame Basis jüdischer Stammeskunst zu stellen, ist der Historiker oft gezwungen, ein Lächeln zu unterdrücken. Nur in der gemeinsamen Eigenart des Stiles spricht sich die nationale Eigenart einer Kunst aus; nicht der Gegenstand entscheidet — denn auch Adolf von Menzel hat jüdische Köpfe gezeichnet — nicht die Empfindung, sondern der Stil, die gemeinsame Art des künstlerischen Sehens. Und er entscheidet für die jüdischen Künstler zuungunsten einer national-eigenen Art. So gewiß die jüdischen Miniaturmaler des Mittelalters im selben Stil ihre Machsorim malten wie die Völker, unter denen sie wohnten, die Evangelien, so gewiß Philipp Veit, der Abtrünnige, den Stil des Cornelius vertrat, so sicher leisten unsere modernen jüdischen Künstler dem Siegeszuge des Impressionismus Gefolgschaft. Nur daß viele unter ihnen. zu den Größten der Zeit sich stellen, so daß man glauben konnte, ihre Kunst ginge gemeinsam eigene Wege. Es sind solche Gedanken, mit denen man an das Werk des Kupferstechers Louis Jacoby herantreten muß, der am 7. Juni 1908 seinen 80. Geburtstag erlebte. Seine Kunst ist die Kunst seiner Epoche, aber sein persönlicher Stil erhebt ihn weit über den Durchschnitt derer, die damals in Deutschland schufen. In der Zeit größter künstlerischer Verwirrung, wie es die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gewesen ist, war er eine der klarsten Persönlichkeiten. Am 7. Juni 1828 in Havelberg geboren, bezog er schon im Jahre 1844 die Berliner Kupferstecherschule, wo er als Schüler von E. Mandel, der erst zwei Jahre vorher als Professor dorthin berufen worden war, die schwierige Kunst sich