Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 305 (sequence 7)
- Language
- German
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' aufweifen, wie wir sie in ihm' finden. Ich will nur einen Punkt hervorheben: In ein em Schuljahre will man mit Bürgerschülern, die auf einem viel tieferen Bildungsniveau stehen als Mittelschüler, die ganze nachbiblische Geschichte der Juden bis . auf die Gegenwart durchnehmen; das ist ein Lehrstoffder sich auf das ganze Obergymnasium verteilen läßt. Einen solchen Lehrplan können nur Laien, Leute, die mit unserem Schulwesen ganz und gar nicht vertraut sind, verfaßt haben. Gewisse Leute können eben bei uns. alles; sie kennen die Bedürfnisse der Jugend, sie verstehen den Unterricht, denn sie sind gute Advokaten, tüchtige Geschäftsleute, ingeniöse Fabrikanten, haben also den Befähigungsnachweis. auch für den Unterricht erbracht. Will der Bundestag dem Religionsunterricht sein Augenmerk zuwenden, — und es ist dies sehrnotwendig, dann kann er der Rabbiner, aber auch nicht der Lehrer entraten; dies beweist der in vielen Punkten nicht zu billigende Normallehrplan zur Genüge. — Erfreulich ist es, daß die jüdischen nationalen Reichsratsabgeordneten an den Verhandlungen des Bundestages sich lebhaft beteiligten. Freilich hatten, diese Herren meist galizische Verhältniffe im Auge, denn in Galizien wurden sie gewählt. Und doch hatte auch, in bezug auf die Abgeordneten, der Bundestag Erfolge zu verzeichnen. Die jüdischen Abgeordneten gehören den verschiedensten Parteien an. Es find unter ihnen Sozialpolitiker, Demokraten, Polen, Jüdischnationale und natürlich auch Sozialdemokraten. Von den letzteren sehen wir ab, denn für sie existiert kein Judentum,^ höchstens dann, wenn - sie um jüdische Stimmen werben. Und nun trat das erfreuliche Ereignis ein, daß alle Juden des Parlaments sich in der energischen Abwehr des Antrags, die jüdischen Schulen in ihrer Zahl zu beschränken, vereinigten, ferner alle eine Interpellation einbrachten betreffend die Dummheit des wieder aufgetauchten Blutmärchens,, das zur Osterzeit wieder an einigen Stellen erwachte. Der Schwindel des sogenannten Ritualmordes stirbt noch immer nicht aus. Da wird sich dem Bundestage ein weites Gebiet eröffnen. Der Herr Staatsanwalt, der Professoren das Handwerk legen will, wenn sie es wagen, in Versammlungen gegen eine gewisse rückständige Weltanschauung ihr Wort zu erheben, möge auch aufmerksam gemacht werden, daß es der bornierteste Stumpfsinn ist, wenn man einer gesetzlich anerkannten Religionsgenossenschast Blutvergießen vorwirft. Und wenn er gegen diese gemeinen Hetzereien noch immer nicht einschreitet, so heißt dies, nicht mit gleichem Maße messen. Alle diese traurigen Erscheinungen heischen gebieterisch eine Abwehr. In dieser liegt die Hauptaufgabe des Bundestages. Wir sind bei der Selbstwehr angelangt, bei der Wahrung unserer ureigensten Interessen. Iwri. Lrirk aus Suhtand. Von Leon A. Trachlenberg. m 20. v. M. starb in Odessa, seiner Heimatsstadt, nach langer schwerer Krankheit im 72. Lebensjahre der Bankier Abraham Brodsky. Cr war ein seif made man im vollsten Sinne; er etablierte dort im Jahre 1859 mit kleinen Mitteln ein Galanterie- und Manufakturwarengeschäft. Emsig und rastlos arbeitend, entwickelte sich, dasselbe im Laufe der Zeit, vom Schicksalbegünstigt, immer, mehr, so daß' der fähige Kaufmann nach Jahren in der einst blühenden Hafenstadt an den Gestaden des Schwarzen Meeres ein Bankhaus i errichten konnte, das nunmehr zu den ersten , zählt.. .Schlicht | und einfach in seinem Auftreten, sehr intelligent und ungemein gescheit, sowie dem Beispiele vieler Reichen in Israel nicht folgend, die nach Rang und.Auszeichnungen streben, verspürte er, soviel wir wissen, nie Knopflochschmerzen! — Er war ungemein wohltätig und tat sein möglichstes. Kranke und Leidende in großartiger Weise zu unterstützen. Aber nicht nur der leidenden Menschheit allein war sein Augenmerk zugewendet, sondern er hatte auch Verständnis für die Hebung und Bildung seiner unglücklichen Glaubensgenossen. So sehen wir, daß er vor vielen Jahren in seiner Vaterstadt eine professionelle jüdische Mädchenschule ins Leben ries. Hierauf gründete er mehrere bedeutende Stiftungen im jüdischen Krankenhause. Außerdem hatte er stets -eine offene Hand für seine armen Brüder, die vom Schicksal so schwer und unbarmherzig heimgesucht werden. Am 3. Februar d. I. beging der Verewigte im schönen, ruhigen Mentone, an der herrlichen Riviera, mit seiner Gattin im engsten Familienkreise das goldene Hochzeitsjubiläum. Aus diesem Anlasse spendete er bedeutende Beträge., an verschiedene wohltätige Anstalten, und namentlich: 40 000 Rubel dem jüdischen Hospital, 5000 Rubel an christliche Volksschulen, 3000 Rubel an die drei Talmud-Thoras, 1000 Rubel dem jüdischen Lehrerverein, und andere Beträge für Lehr- und Bildungsanstalten. Wie die Odessaer Zeitungen seinerzeit berichteten, fand in der Synagoge bei Gelegenheit seines goldenen Hochzeitsjubiläums für ihn eine Feier statt. Bei dieser Gelegenheit hielt einer der Vorsteher eine Ansprache, in der er auf das humanitäre Wirken des Jubilars hinwies. Am Freitag den 22. v. M. fand sein Leichenbegängnis statt. Er verbat sich Blumenspenden und Leichenreden. An seiner Bestattung nahmen Anteil Deputationen aller jüdischen Wohltätigkeits- und Lehranstalten. Dem imposanten Leichenkondukt, der mehrere Straßen umfaßte, gingen voraus die Schülerinnen, das Kuratorium und die Lehrer der professionellen Mädchenschule, hierauf die Zöglinge des Waisenhauses, der Talmud-Thora- sowie der Handwerkerschule „Trud". die Zöglinge des Tagesasyls und der Küche der armen Waisen, die Insassen des Greisenasyls und viele andere. Um ihm die letzte Ehre zu erweisen, erschien die gesamte jüdische Intelligenz wie die Vertreter vieler Anstalten. Wiewohl der Verstorbene den Wunsch ausdrückte, daß sein Sarg mit keinem Kranz geschmückt sein solle, sendete das Börsenkomitee, die Kaufmannschaft, der Vorsteher derselben, Anatra, verschiedene russische Firmen, der Direktor der Tramway, Legodö, und viele andere Blumenkränze mit Inschriften; aber dieselben wurden vom Leichenwagen entfernt. Gegen 11 Uhr vormittags erschienen im Trauerhause das gesamte Rabbinat, die Vorsteher und der Chor der Synagoge in der Puschkinstraße, der der Verblichene angehörte, mit dem Oberkantor Minkowsky an der Spitze. Nach dem Vortrage eines Trauerchorals und des Seelengebetes trugen die Verwandten. Angestellten und Freunde den Sarg bis zur Synagoge. Hier wurde wiederum das Totengebet verrichtet. Hieraus setzte sich der Zug in Bewegung bis zum neuen jüdischen Friedhöfe, wo unter Trauergesängen und den üblichen Gebeten die Beisetzung erfolgte. Das Testament des Verblichenen ist bis jetzt noch nicht eröffnet worden; doch heißt es bestimmt, daß er bedeutende Summen für Wohltätigkeitsanstalten und namentlich für das jüdische Hospital zurückgelasfen habe. Im nächsten Jahre sollte dev Heimgegangene sein 50 jähriges Geschäftsjubiläum feiern, und wie es hieß, dachte derselbe bei dieser Gelegenheit namhafte Beträge für Arme zu