Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 304 (sequence 6)
- Language
- German
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Die Nominierung des bisherigen Kriegssekretärs Taft zum Präsidentschaftskandidaten der Vereinigten Staaten wird sicher in' den jüdischen Kreisen des Landes Zustimmung finden. Zwar schien es eine Zeittang, daß Taft nicht der Kandidat der Juden sein würde. Man hatte ihm zu Anfang des Jahres sein Verhalten in Petersburg während der diplomatischen Weltreise sehr übelgenommen. Selbst die Zusage der Anhänger Tafts, daß dieser eventuell einen Juden in seinem Kabinett aufnehmen würde, änderte nichts an dieser Stimmung. Erst die persönliche Intervention Roosevelts brachte eine veränderte Stimmung in den hierfür maßgebenden Kreisen hervor. Taft selbst, der im Ruse eines durchaus liberalen Mannes und eines edlen Charakters steht, soll damals geäußert haben, er begreife wohl die Erbitterung der Juden gegen die russische Regierung, doch begreife er nicht, daß sie es ihm übelnehmen könnten, wenn er als Abgesandter Amerikas bei einem fremden Hofe die üblichen diplomatischen Höflichkeitsakte begangen habe. Später hieß es sogar, Taft habe im Aufträge des Präsidenten eine Intervention beim Zaren zugunsten der bedrückten russischen Juden versucht. Indes diese Nachricht wurde nur zu bald von zuständiger Seite dementiert. In jedem Falle aber wird die Wahl Tafts zum Präsidenten den Juden in Amerika willkommen sein. löriek. aus Neltrrrrich. Im Juni. eitdem ich Ihnen zum letzten Male schrieb ist ein Ereignis im Judentume Oesterreichs eingetreten, ein" Ereignis, das wir schon lange herbeiwünschten und zu dessen Verwirklichung wir, mit gutem Gewissen können wir es sagen, durch diese Briefe unser gut Teil beigetragen haben: Wir haben den ersten Allgemeinen Oesterreichisch-Jsraelitischen Bundestag in Wien zu verzeichnen, der am 27. und 28. April tagte. 150 Delegierte aus allen Kronländern waren dem Rufe des Gemeindebundes gefolgt, in der Tat ein stattliches Parlament, in dem 90 österreichische Kultusgemeinden vertreten waren. Ein Parlament war es; denn es wurde viel in dieser Versammlung gesprochen über die Stellung des Judentums in Oesterreich und über Religionsunterricht, über organisatorische Arbeit, über „jüdisch und israelitisch", über Politik und die galizische Frage. Damit sind aber nicht alle Fragen bezeichnet, welche zur Diskussion kamen; aber eins können wir hervörheben, man hat sich gründlich ausgesprochen. Das Bedürfnis eines solchen „Judentages" haben wir vor einigen Wochen mit Nachdruck hervorgehoben, und es freut uns, daß man endlich in Oesterreich zur Einsicht kommt: So geht es nicht weiter, wenn wir nicht unsere wichtigsten und heiligsten Interessen aufs Spiel setzen wollen, denn arg umdräut ist das Judentum Oesterreichs und manche Anzeichen sprechen dafür, daß wir schweren Zeiten entgegengehen, wenn wir uns ihrer nicht zu erwehren trachten., Im Abgeordnetenhause gibt es eine Partei, welche, 41 Jahre nach der Erlassung der Staatsgrundgesetze, die Zahl der jüdischen. Schüler an unseren Mittelschulen beschränken möchte. Das ist ein Anschlag aus die Studienfreiheit, der geradezu an Rußland erinnert. Dazu kommt, daß wir von den „Freisinnigen" (?) im Parlament gar nichts zu erwarten haben. Diese sind heute offene Bundesgenossen Luegers und Bielohlaweks und scheuen sich gar nicht, dies zu bekennen. Wie schmählich benahmen sich diese Herren in der „Wahrmund-Affäre", über die wirklich das letzte Wort noch nicht' gesprochen wurde,: wie wir iw unserem letzten Briefe-prophezeiten. In Graz kam-es zu einem tatsächlichen Sturm auf die Universität, den Bauern unter Führung > eines Klerikalen- Hagenhofer heißt der Held, unternahmen. "Und gegen diesen Bauernkrieg wider die freie Wissenschaft wagten die Herren des Freisinns nicht offen zu protestieren, sie verschanzten sich hinter allerlei Konjunktiven, um nur nicht die Bundesgenossenschaft der Christlich-Sozialen aufzugeben. Einer dieser .-Freisinnigen", ein getaufter Jude, der sein Mandat orthodoxen und nichtorthodoxen jüdischen Wählern zu danken hat, hielt eine Rede im Parlament, - die man als eine Verhimmelung Dr.' Geßmanns, unseres neuesten Arbeitsministers, bezeichnen kann, welcher der eigentliche Organisator der christlichsoziälen Macht in Oesterreich ist, einer Macht, vor der in Oesterreich jetzt alles im Staube liegt.- Wenn alle diese Erscheinungen den Juden die Augen nicht hätten öffnen sollen, dann wären sie mit ewiger Blindheit geschlagen. Auf dem erwähnten Bundestage kamen diese traurigen Erscheinungen der Zeit zur Sprache, und wir denken, es ist angesichts der Wichtigkeit der Ereignisse sehr gleichgültig, ob man vom „jüdischen" oder „israelitischen" Bundestage spricht. Nur nicht kleinlich werden, der große Augenblick bedarf eines großen Geschlechts. Manches wäre über den Verlaus des Tages hervorzuheben. Zunächst die würdige Leitung und sachliche Diskussion. Man sah, alle waren vom starken Willen erfüllt, alle chatten ein Ziel vor Augen. Deshalb können wir uns darüber tröstendaß die Regierung es nicht der Mühe wert gefunden, einen Vertreter zu dieser hochwichtigen Versammlung zu schicken. Da müssen eben die Juden ohne Regierungsvertreter beraten und für ihr Haus sorgen. Unter den Delegierten befanden sich auch Rabbiner. Wir machen im Judentum nicht gern die Unterscheidung zwischen Laien- und Geistlichenelement. Alle sollen in gleicher Weise an den großen Aufgaben, die unser harren, Mitarbeiten. Die Frage ist nun die: Welches sind die Ziele,' die der Bundestag im Auge hat? Soviel wir ersehen, sind es meist politische, die inneren Fragen des Judentums, besonders die des Kultus oder Ritus, will er ausgeschaltet'wissen. Es wurde demnach in das Exekutivkomitee nur der Oberrabbiner von.Wien gewählt. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn man ihm noch eine jüngere rabbinische Kraft, die aber mit den modernen Verhältnissen ganz vertraut ist, an die Seite gesetzt hätte. Vielleicht ist jetzt, die Zeit gekommen, die inneren religiösen Zustände des Judentums einer gründlichen Revision zu unterziehen, und diese Aufgabe sollten die Rabbiner in ihren Verbänden — wir besitzen deren einige. — ins Auge fassen. Die erschrecklich laugen Listen der aus dem Judentum Austretenden machen es zur Notwendigkeit, für die modernen Begriffen anzupassende Ausgestattung des jüdischen Lebens, soweit es im Kultus und Ritus in die Erscheinung tritt, etwas zu tun. Hier ist der Böden, auf dem sich die Rabbiner betätigen können, die politische Tätigkeit mögen sie denjenigen überlassen, die auf diesem Gebiete mehr Erfahrungen zu sammeln Gelegenheit haben. — Da ist jetzt ein neuer Lehrplan für den Religionsunterricht an Volks¬ und Bürgerschulen erschienen. Es soll dies ein Musterplan für alle Schulen Oesterreichs sein. Sicherlich haben an diesem Schulmänner gearbeitet, aber er zeigt, wie notwendig es ist, erfahrene Lehrer zur Ausarbeitung eines solchen Planes heranzuziehen. Es scheint, daß man dies unterlassen hat, denn sonst würde der Lehrplan nicht solche monströse Bestimmungen