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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-26 · Heft 26 (26.6.1908) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 303 (sequence 5)
Language
German
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Ehrgeizes endlich befriedigt. Er ist Abgeordneter geworden mit Hilfe der NaLionalliberalen und wird nun den Mittelstand „retten". . - «fr Ein trauriges Kapitel unserer Leidensgeschichte in der Gegenwart bilden die Universitäten, die man doch stets als die Hochschule^ des freien Geistes zu betrachten gewohnt war. Es ist in der letzten Zeit viel die Rede gewesen von der Berufung eines jungen Professors der Nationalökonomie an die Berliner Universität, die, ohne diese zu befragen, erfolgt war. Dagegen ist nur wenig gesprochen worden von dem fast gleichzeitig erfolgten Tod seines Kieler Kollegen Professor Dr. Georg Adler, der zu den begabtesten Vertretern seines Faches gezählt hat. Er hat eine.Reihe wertvoller Beiträge zur Sozialpolitik geliefert und sich insbesondere mit der Geschichte und Kritik des Sozialismus beschäftigt. Ueber seine Bedeutung als Nationalökoyom herrscht in den fachwissenschäftlichen Kreisen nur eine Meinung. Wenn dieser begabte Mann, der sich auch in seiner Lebensführung nicht das Geringste zuschulden kommen ließ, es trotzdem in einer langen Dozententätigkeit und trotz hervorragender wissenschaftlicher Leistungen nicht zu einer ordentlichen Professur gebracht hat, sondern regelmäßig übergangen worden ist, so wirft dies ein charakteristisches Licht auf unsere Zustände. Als oberster Leitsatz gilt nun einmal das Prinzip, keinen Juden zum ordentlichen Professor zu machen, seine Verdienste um die Wissenschaft mögen so groß fein, wie sie wollen. Georg Adler, der am 28. Mai 1863 geboren wurde, war der Sohn eines frommen Mannes aus Posen und hat sich während seiner Dozentenkarriere zum Uebertritt zum Christentum, der fast immer den betreffenden Herren nahe gelegt wird, nicht entschließen können. Seine akademische Laufbahn begann er in Freiburg. Er ging dann an die Universität Basel und geriet hier in der Frage der Arbeitslosenversicherung in Konflikt mit dem Kanton. Er übersiedelte nach Berlin, wo er in den neunziger Jahren als Lehrer der Volkswirtschaft am hiesigen Orientalischen Seminar dozierte. Adler wurde dann als Extraordinarius nach Kiel an die Universität und an die dortige Marineakademie berufen. Bereits vor zwei Jahren ist er dadurch übergangen worden, daß man dem bei weitem jüngeren Kollegen Bernhard die frei werdende ordentliche Professur sür Kiel zuerteilte^ Durch die plötzliche Berufung Bernhards nach Berlin war Gelegenheit geboten, das an dem Gelehrten verübte Unrecht wieder gut zu machen. Was tat man? Man überging Georg Adler von neuem und berief einen Jenenser Volkswirtschaftler. Adler, der unter seinen Kollegen die lebhaftesten Sympathien genoß, ist Anfang Juni nach Berlin gefahren und hier plötzlich an Herz- und Gehirnschlag am 11. d. M. gestorben. In seinem letzten Briefe an einen Freund heißt es: „Das Ziel der Adlerhetze ist erreicht. Ich bin gestern Infolge heftiger Herzaffektion auf der Straße und dann noch einmal bei Kannenberg zusammengebrochen und mußte gegen meine geradezu wahnsinnigen Schmerzen dreimal Morphium nehmen." Angesichts dieses Briefes wäre es, so meinen liberale Blätter, dringende Pflicht der Unterrichtsverwaltüng, hier volle Aufklärung zu schaffen. Man sollte doch einmal klipp und klar mit der Erklärung herausrücken, daß die wissenschaftliche Befähigung und die moralische Integrität. zur > Bekleidung einer ordentlichen Professur noch nicht aüsreichen, daß hierfür vielmehr der richtige Glaube ausschlaggebend ist. Ueber die Versuche zu einer Regelung der jüdischen Emigration aus Rußland wird der „N. I. C." aus Petersburg von ihrem dortigen Korrespondenten Folgendes mitgeteilt: Das Komitee des neugegründeten Vereins zur Regelung der jüdischen Emigration hat in Petersburg eine Sitzung abgehalten, an der sich auch die Vertreter des Vereins in den Provinzstädten beteiligt haben. Nach einer teilweise recht lebhaften Debatte wurde folgende Resolution beschlossen: „Indem die Versammlung die Notwendigkeit des neuen Vereins neben den bereits existierenden Emigrationsgesellschaften rückhaltlos anerkennt und ferner diesen Verein als eine neue gesellschaftliche unparteiische und allgemeinjüdische Organisation, die ihre Filialen in allen jüdischen Städten Rußlands haben muß, betrachtet, bestimmt die Versammlung, daß bis zur Einberufung und Abhaltung einer allgemeinen Generalversammlung nachstehende Bestimmungen für die Aktionen und Unternehmungen des Vereins gelten sollen: Der Verein hat erstens für rechtzeitige Informierung der Emigranten zu sorgen und deren Interessen nach jeder Richtung hin zu schützen, zweitens für die Schaffung von Hilfsvereinen in allen denjenigen Ortschaften, die von den Emigranten passiert werden müssen. Diese Vereine sollen die Reisestrapazen der Emigranten nach Möglichkeit verringern. Ferner sollen Maßnahmen getroffen werden für die Begründung von allgemeinen Anstalten in den Ländern, die die Emigranten als Zielpunkt, ihrer Reise erwählen. Diese Anstalten ° sollen hauptsächlich geeignete Beschäftigungen für die Eingewanderten ausfindig machen. Um die Gründung von solchen Anstalten zu ermöglichen, soll der Verein mit einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten der betreffenden Länder in Verbindung treten. Um dieses Tätigkeitsprogramm durchzuführen, soll das Komitee sofort an die Begründung von Zweigvereinen in der Provinz Herangehen. In denjenigen Orten, in denen solche Vereine schon von früher her existieren, sollen keine neuen Vereine begründet werden, insofern ein Zusammenarbeiten mit den bestehenden möglich ist. Wo sich indessen ein solches Zusammenarbeiten nicht ermöglichen läßt, sollen rücksichtslos neue Vereine geschaffen werden, damit die Organisation fest gegliedert und vollständig ist." — Am Schluß der Sitzung wurde das engere Komitee, das seinen Sitz in Petersburg hat, beauftragt, Vorbereitungen zu treffen für eine allgemeine Generalversammlung, die möglichst bald in einer Stadt des jüdischen Ansiedlungsgebietes einzuberufen ist, und die sich ausschließlich mit den jüdischen Emi^rationsangelegenheiten beschäftigen soll. * Seit einiger Zeit ist in Rumänien die Fremden- und Judenhetze wieder an der Tagesordnung. Die am Ruder befindliche liberale Partei treibt die in den Dorfgemeinden und Landstädten wohnenden Juden, friedliche und arbeitsame Leute, die ihrer Mehrzahl nach schon seit Generationen in Rumänien ansässig sind, mitleidlos aus ihren Wohnsitzen aus und gibt sie unsagbarem Elend preis. Seine Ergänzung findet dieses Vorgehen in den Treibereien der von Peter Carp geführten oppositionellen Junkerpartei, deren Wortführer Nicolai Filipescu jüngst anläßlich einer Bankettrede in der gehässigsten Weise gegen die Fremden loszog, worunter er in erster Reihe die eingeborenen Juden verstand, die keinem anderen Staatsverbande angehören und alle -Wichten der rumänischen Staatsbürger erfüllen. Von Filipescu, der immerhin Aussicht hat, einmal ans Ruder zu gelangen, darf man übrigens auf die merkwürdigsten Ueberraschungen gefaßt sein. Er war es, der im November 1897 bie großen Judenkrawalle in Bukarest in Szene setzte, und wenn es die Zwecke seiner mit den ärgsten demagogischen Mitteln betriebenen Politik verlangen sollten, wird er gewiß nicht anstehen, eine neue verbesserte Auflage dieser Ausschreitungen zu veranstalten. *. ’ni-, iäm

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