Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 302 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht die Gemeinschaft erobern konnte. Er hat wohl selbst nie daran geglaubt, daß seine Richtung einmal den Sieg davontragen werde. Dennoch ist sein Auftreten von. unverkennbarer geschichtlicher Bedeutung gewesen. Die alte Orthodoxie war im Formenwesen völlig erstarrt. Den Erscheinungen der neueren Zeit und ihren Forderungen stand sie ratlos gegenüber. Hirsch hat ihr Weg und Ziel gewiesen. Er war im Grunde genommen ein Reformer sogut wie Geiger und Holdheim. Denn was er wollte, war doch tatsächlich grundverschieden von dem, was bis dahin als orthodox, als rechtgläubig, als verbindlich gegolten hat. Es war eine Umänderung der bisherigen Anschauungen. Er wollte eine Reform, die den Begriff des Lebens aus dem Judentum schöpft; wir aber wollen eine Reform, die das Judentum mit dem Leben in Einklang bringt und den modernen Menschen dadurch aus jenem unseligen Zwiespalt von Lehre und Leben befreit. Samson Raphael Hirsch war ein eifervoller Mann; er ging den Konsequenzen seiner Anschauungen bis zu dem letzten Ziele nach; ja er schreckte selbst vor der Vorstellung eines Schisma nicht zurück, und in der Tat hat er die Trennung nicht nur zuerst gepredigt, sondern auch Praktisch durchgeführt. Er schied sich sogar von den talmudischen Vertretern des Althergebrachten, wenn es sein mußte, um diese Trennung zu vertreten und zu rechtfertigen. Nichtsdestoweniger bleibt die Gesamterscheinung des Mannes doch eine sympathische, eine sympathischere sogar als die seiner Mitstrebenden und Nachfolger. Denn die Höhe der Weltanschauung, auf der er stand und von der aus er für seine Ideale kämpfte, hat keiner neben oder nach ihm erreicht.. Er hatte'das tragische Geschick, daß er von den meisten seiner Anhänger am wenigsten verstanden wurde. Und die ihn verstanden, blieben nicht seine Anhänger. In. dem Entwicklungsprozeß des modernen Judentums nimmt Samson Raphael Hirsch ohne Zweifel eine hervorragende Stelle ein. Er ist eine bedeutsame Erscheinung in der Kette der geschichtlichen Entwicklung. Er hat den Fortschritt gepredigt und die Versöhnung mit der Kultur des Jahrhunderts, und dadurch hat er einerseits weite Kreise, die diesem grollend oder teilnahmslos gegenüberstanden, für die Idee des Fortschritts begeistert, anderseits aber auch unbeabsichtigt einer vernünftigen historischen Reform notwendig die Wege geebnet, der ja doch nun einmal die Zukunft des Judentums sicher gehört. Dir Woche. Berlin, 23. Juni, achdem die Landtagswahlen vorüber sind, können wir ja über manches sprechen, was vorher zu erörtern inopportun gewesen wäre. Auch diesmal haben wir wieder unsere guten Freunde aus der „Freisinnigen Volkspartei", auf die viele Juden noch wie in verba magistri schwören, an der Arbeit gesehen. Ihr Wahlbündnis in Ober- und Nieder- Barnim wie in Flensburg mit den Konservativen, deren Kandidaten sich ja ebenfalls zu dem antisemitischen Tivoli- Programm bekennen, gehört der Parteigeschichte an. Alle liberalen Grundsätze wurden da einfach ignoriert, selbst die Nächststehende liberale Partei, die Nationalliberalen, die im Verein mit den Freisinnigen den Kampf gegen die Reaktion gern ausgenommen hätten, wurden beiseite geschoben und ein Pakt mit den erbittertsten Gegnern der liberalen Weltanschauung geschlossen. Eine solche Preisgabe aller guten Traditionen der Vergangenheit wird sich, wie wir fürchten, in Zukunft an der Partei noch schwer rächen. Die Zentralleitung der Freisinnigen Volksparteihat sich auch nicht-gescheut, im XII. Berliner Wahlkreise und in Rixdorf-Schöneberg bei den Stichwahlen zur Stimmabgabe für die konservativen Wahlmänner aufzufordern. Dabei war im ersteren Wahlkreise von konservativer Seite ein waschechter Antisemit, der Rechtsanwalt Ulrich, als Kandidat aufgestellt, der um ein Haar — es fehlte ihm nur eine Stimme — in Stichwahl 'mit dem Sozialdemokraten gekommen, wäre. Was haben unter diesen Umständen alle noch so feierlichen Protestkundgebungen gegen den Antisemitismus auf Parteitagen der Volkspartei, wie zum Beispiel dem vorjährigen Berliner Parteitage, noch für einen politischen Wert, wenn im entscheidenden Augenblick das liberale Programm einfach in die Tasche gesteckt und mit Antisemiten wahlpolitische Geschäfte gemacht werden? Noch schlimmer haben . es die Nationalliberalen getrieben. Aber von diesen erwartet man eben nichts. Ueberall, wo es nur ging, haben sie den Antisemiten und Konservativen ihre Stimmen gegeben. Dafür sind sie aber auch die Hauptleidtragenden bei den Wahlen. Der diesmalige Verlust von 12 Mandaten übersteigt noch den Verlust von 1903. Man wird wohl in der Annahme nicht fehlgehen, daß die unentschiedene Haltung der Nationalliberalen in der Wahlrechtsfrage und die wachsende Abneigung der Bevölkerung gegen die schwächliche Schaukelpolitik dieser Partei die Hauptursachen dieser Erscheinung find. Von jüdischen Abgeordneten sind im ganzen acht gewählt, und zwar die Herren Geheimer Kommerzienrat Aronsohn, Geheimer Justizrat Cassel, Fabrikdirektor Dr. Gerschel, Fabrikant Rosenow, Justizrat Wolfs, Landgerichtsrat Peltasohn, Rechtsanwalt Waldstein, Hugo Heimann. * Zu den wenigen erfreulichen Ergebnissen des preußischen Wahlkampfes gehört das völlige Verschwinden der reinen Antisemiten aus dem Abgeordne'tenhause. Politisch ist dabei nichts gewonnen, denn an Stelle der beiden Antisemiten Lattmann und Werner sind konservative Herren, getreten, die in der parlamentarischen Praxis meist ebenso stimmen werden, wie jene beiden. Aber die Ausmerzung der Lattmann und Werner ist doch mit Genugtuung zu begrüßen. Lattmann hatte diesmal von vornherein aus freien Stücken — d. h. was man so „frei" nennt! — dem konservativbündlerischen Herrn v. Stockhausen seine Kandidatur abtreten müssen.. Leider siegte letztere mit knapper Mehrheit über den auch von den Freisinnigen unterstützten linksnationalliberalen Gegenkandidaten. Werner unterlag in Hersfeld endlich dem sreikonservativen Landrat Türcke, nachdem er zehn Jahre hindurch trotz ' des bekannten rechtskräftigen Gerichtsurteils den Wahlkreis vertreten hatte, den er auch jetzt noch im Reichstage besitzt. . Daß ein solcher Mann noch immer eine gewisse politische Rolle spielen kann, ist eine der Unbegreiflichkeiten unserer politischen Zustände. Nicht minder freudig ist' es zu begrüßen, daß die Lattmann und Werner keinen Ersatz gefunden haben in dem „Kronprinzen Stöckers", den Lizentiaten Mumm, einer , jener unerquicklichen geistlichen Persönlichkeiten, die einen widerwärtigen Judenhaß mit salbungsvoller angeblicher Volkssreundschast,. die Sozialpolitik mit höchsten Getreidezöllen verbinden. Die Wähler von Herford-Bielefeld zeigten einen gesunden Instinkt, als sie diesen Mann durchfallen ließen und dafür ohne jede Gegenleistung einem Freisinnigen das Mandat verschafften. Der Mittelftändler Rahardt dagegen sieht das Ziel seines brennenden