Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 26. Juni 1008. 72. Jahrgang:. Nr. 26, Begründet von Rabbiner Ar. Ludwig Philixpson. V«IsM-rrxeM«n: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen f&r Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel - oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verrrlebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteurr Gustav Rarxeles. Ssmlan Ssphael tzirlch. Berlin, 21. Juniie deutsche Orthodoxie feiert jetzt den hundertsten Geburtstag des Mannes, der ihre Weltanschauung begründet hat. Das ist ihr gutes Recht; obwohl eigentlich eine solche Feier in den Kreisen der alten Orthodoxie etwas Unbekanntes war und sehr stark unter den von den modernen Eiferern so oft und bei der geringfügigsten Reform gebrauchten Begriff des Odukat hagoj fällt. Aber diese neue hat ja mit der alten Orthodoxie überhaupt nur noch wenig gemein. Und es ist das große Verdienst Samson Raphael Hirschs, das er mit großer Schärfe die Grenzlinien zwischen beiden gezogen hat. Hirsch war ein Feuergeist. Ein genialer, leidenschaftlicher, grundehrlicher Mann, voll heißer Liebe zum Judentum, aber auch von inniger Begeisterung erfüllt für die Kultur des Jahrhunderts. Der Versöhnung dieser beiden Weltanschauungen galt die Arbeit seines Lebens.; Ein Alters- und Studiengenosse Abraham Geigers, war er wie dieser von der Ueberzeugung beseelt, daß das Judentum in der neuen Zeit vor die große Aufgabe gestellt sei, Religion und Kultur in eine gewisse Harmonie zu bringen. Auf dem Wege zu diesem Ziele trennten sich aber die beiden Jugendfreunde, und was der eine für die Reform, das ist der andere für die Orthodoxie geworden. Noch heute, so sagt ein moderner Historiker, wird niemand, der mit der warmen Empfindung seines Herzens dem Judentum angehört, die „Neunzehn Briefe", mit denen Hirsch zuerst auftrat, zu lesen imstande sein, ohne sich von dem Hauch eines Gemüts angeregt zu fühlen, in dessen Tiefen mächtige Begeisterung für die erhabene Größe des Judentums lebt; niemand wird in dem Gedankengange, der diesen Briefwechsel beherrscht, das Walten eines Geistes verkennen, der den Gang der Menschennnd Völkergeschichte mit durchdringendem Blicke zu erforschen sucht und die Ursagen des Judentums, wie die Geschichte Israels, von ihren ersten Anfängen bis auf die Gegenwart mit dem Maß einer großartigen Idee zu messen versteht. Niemand wird Hirsch die Anerkennung je versagen, daß i seine Gedanken und Empfindungen von der Kraft eines sittlichen Wollens getragen: waren, das uns auch noch in seinen Verirrungen hohe Achtung abnötigt. Gern folgen wir ihm aus seinem Wege durch die Jahrhunderte. Wir trennen uns erst von ihm an der Pforte zur neuen Zeit: Hier können wir ihm unmöglich weiter folgen, denn unsere religiöse Anschauung von der Ausgabe und Arbeit des modernen Judentums ist eine grundverschiedene, ja diametral entgegengesetzte. Uns steht das Prinzip der geschichtlichen Entwicklung, die Erkenntnis, daß das Judentum eine geschichtliche Erscheinung ist und als solche erkannt und begriffen werden muß, als unverrückbares Axiom fest. Und danach bemessen wir die Aufgaben der Reform im Judentum der Gegenwart. Hirsch erkennt zwar auch die geschichtliche Erscheinung ausdrücklich an, aber er fordert doch, daß für die Erkenntnis und das Verständnis des Judentums, für die Würdigung seiner Lehren und Vorschriften keine andere Quelle gesucht und anerkannt werde als die Thora. Unter diesem Begriff versteht er aber nicht allein die Bibel, sondern die gesamte schriftliche und mündliche Tradition bis zu Maimonides, ja bis zu den letzten Ausläufern des rabbinischen Judentums. Dieses Gesetz in seiner Totalität ist nicht etwa dazu bestimmt, praktischen Zwecken zu dienen, wie Maimonides und andere behauptet haben, sondern „erhebendes und heiligendes Tatshmbol zu sein, dessen Uebung und Beobachtung, erscheinen sie auch noch so kleinlich, das ganze Leben des Israeliten mit bedeutsamen, das Verhältnis zu Gott und seinem Willen vergegenwärtigenden, und dadurch Geist und Gemüt eigentümlich anregenden Formen umkleidet, und ihn ebensowohl für die Lösung seiner allgemein menschlichen wie seiner besonderen Aufgabe als Sohn Jisroeils kräftigt und befähigt!" Hirsch will also kurzweg nicht ein Aufgeben der erstarrten Formen, sondern ein Erfüllen derselben mit tieferem Verständnis, mit. symbolischer Weihe. Diese Symbolik spielt bei Hirsch nun eine ganz besondere Rolle. Er symbolisiert mit seiner reichen Geisteskraft das Höchste wie das Unbedeutendste, das" oberste Gebot wie den albernsten Minhag. Man könnte ihn einen modernen Hellenisten Nennen, wenn er sich nicht durch die praktische Anwendung seiner symbolischen Ideen von den alten jüdischen Hellenisten merklich unterschieden hätte. Seiner Weltanschauung steht nun die Geigers und seiner Nachfolger, der Anhänger des liberalen Prinzips, gegenüber, die in dem Judentum eine Lebensmacht sehen, die sich nach eigentümlicher-Anlage selbst ausgebildet, weithin gewirkt und diese lebendige Kraft in sich noch nicht erschöpft hat. Das freie Judentum innerhalb der Menschheit ist berufen, im Geiste des Fortschritts und der Wissenschaft zu wirken, mit beiden in innigstem Kontakt seinen Geist wahrhaft zu entfalten, empfangend wie spendend seinen Kern.zu bewähren. . Jeder kennt die Kämpfe, die diese Gegensätze im vorigen Jahrhundert hervorgerusen. Samson Raphael Hirsch blieb bis zu feinem Tode der energische, mutige und zielbewußte Vertreter seiner Richtung, der er wohl, eine Gemeinde, / aber