Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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sh' SB lif St gekürzt werben. Er schließe mit dem Wunschedaß sich die Zeit nähern möge, in der die heimatlosen Massen des jüdischen Volkes auf eigenem Boden, unter Wahrung ihrer Eigenart, ihren Idealen leben können. (Lebhafter Beifall.) Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete „Die großen jüdischen Organisationen in Deutschland" (Referent Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin). Nach längerer Erörterung gelangte folgende Erklärung zur Annahnier „Der elfte Delegiertentag begrüßt das Wirken der anderen großen jüdischen Organisationen, soweit es der Gliederung und Zusammenfassung der J.udenschaft sowie der Stärkung des jüdischen Volksgefühles und Selbstbewußtseins dient. Der Delegiertentag spricht die Hoffnung aus, daß es gelingen werde, alle großen jüdischen Organisationen zu gemeinsamem Handeln im Gesamtinteresse der Judenheit, namentlich auch in bezug auf Palästina, zusammenzufassen." — Rechtsanwalt Dr. Kollenscher-Posen sprach hieraus über „Die Stellung zu jüdischen Gemeindefragen". In diesem Referat stellte er unter anderem folgende These auf: „Als nationale politische Partei kann der Zionismus als solcher zu den religiösen Differenzen im Judentum (Orthodoxie und Liberalismus) keine Stellung nehmen. In. den Gemeinden werden jedoch die Zionisten darüber wachen müssen, daß nicht durch Reformen einer Assimilation Vorschub geleistet wird, daß der hebräischen Sprache in Synagoge und Schule die alte Bedeutung gewahrt wird, daß aus den Gebeten der Zionsgedänke nicht beseitigt wird." Das heißt also: Der Zionismus soll teils orthodox, teils reformistisch sein. Aber eine bestimmte Richtlinie wurde nicht vorgezeichnet. — Danach behandelte Rechtsanwalt Dr. Ascher-Dessau das Thema „Die politische Stellung der Juden in Deutschland". Er sei selbstverständlich entfernt, einer deutsch-jüdisch-politischen Partei das Wort zu reden. Er erachte es aber für nötig, daß in den Vertretungskörpern den Vertretern der berechtigten jüdischen Interessen ebenfalls Sitz und Stimme eingeräumt werden. Hierauf würde einstimmig eine Resolution angenommen, durch die, ohne die Stellungnahme den einzelnen beschränken zu wollen, für sich als Organisation jedes Eingreifen in die innerpolitischen Kämpfe Deutschlands und daher jede Unterstützung einzelner politischer Parteien abgelehnt wird. — Es sprachen danach noch Universitätsprofessor Dr. Warburg- Berlin über „Die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas", der jetzt in Deutschland wohnende frühere Dumaabgeordnete Dr. Lewin aus Wilna über „Kulturarbeiten in Palästina". Zu Beginn wurde folgendes Huldigungstelegramm an den Kaiser abgeschickt: „Die zum elften Delegiertentag versammelten deutschen Zionisten senden Ew. Majestät in steter Treue zu Kaiser und Reich untertänigsten Huldigungsgruß. I. A.: Dr. Bodenheimer, Vorsitzender." Hierauf traf im Laufe des Tages das nachfolgende Antworttelegramm ein: „Seine Majestät der Kaiser und König lassen für freundlichen Huldigungsgruß danken. Auf allerhöchsten Befehl: der geheime Kabinettsrat von Lucanus." bz. Kassel, im Juni. Die diesjährige Lehrerkonferenz Hessens beschloß mit der Versammlung das vierte Jahrzehnt ihres Bestehens. Dieser Umstand und die Anhänglichkeit an den Festort, in welchem die meisten Lehrer des Regierungsbezirkes ihre Ausbildung erlangt hatten, waren es wohl, daß mehr als 50 Lehrerund eine Anzahl Gäste erschienen waren. Unter anderen Herr Landrabbiner Dr. Doktor und Herr Bankier Blumenthal als Vertreter des.hiesigen Vorsteheramtes der Israeliten, Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk aus Marburg als Abgesandter des Vorsteheramtes für Oberhessen, Rechtsanwalt Dr, Katzenstein im Aufträge des hiesigen Gemeindevorstandes und der Vertreter des Hessischen Volksschullehrervereins, Hauptlehrer Raabe. Alle diese Herren richteten an die Versammlung herzliche Worte der Begrüßung. Danach erstattete der Vereinsvorsitzende Amram-Borken den Jahresbericht und warf einen Rückblick auf die vier Jahrzehnte des Bestehens der Konferenz. Der Redner widmete Worte dankbaren Gedenkens den Privatmännern und Lehrern, denen die israelitischen Lehrer Kurhessens so viel für ihre materielle Besserstellung und geistige Förderung zu verdanken haben und deren Andenkendurch die Stiftungen, welche ihren Namen führen, weiter fortlebt. Es sind namentlich Jeremias Rothfels, R. S. und S. S. Goldschmidt in Kassel, die beiden verstorbenen Landrabbiner Dr. Adler und Dr. Prager zu Kassel, die beiden verstorbenen Vorsitzenden des Deutsch - Israelitischen Gemeindebunds Jakob, Nachodmm Leipzig und Geheimer Samtätsrat'Dr. Kristeller-Verlin, der Begründer f und langjährige Leiter der Konferenz Seminardirigent Dr. Stein- ' Kassel und der Abgeordnete Wehrenpfennig, der sich anfangs der siebziger Jahre inj Abgeordnetenhause um die Gleichstellung der israelitischen Lehrer mit den übrigen Lehrern besonders verdient . gemacht hat. Redner verbreitete sich dann über das, was in den 40 Jahren an positiver Arbeit geleistet worden ist. Der Bericht konstatierte mit Genugtuung, daß die Besorgnisse, welche der Entwurf des Schulunterhaltungsgesetzes bezüglich der jüdischen Volksschulen herausbeschworen hatte, durch die endgültige Annahme des Gesetzes beseitigt seien. Zu einem recht hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft sei für jüdische Lehrer noch immer keine Veranlassung. Von der Revision des Besoldungsgesetzes seien die Erwartungen nicht sehr hoch zu spannen. Die Besoldung des von den meisten Lehrern Kurhessens ausgeübten Vorbeteramtes - ist. in nächster Zeit zu erwarten. Für die israelitischen Schulen wird nach. § 40 des Gesetzes der Schulvorstand in. der alten Zusammensetzung (Landrat und Ortsschulinspektor) bestehen bleiben. Die Lehrer sind also von einer Vertretung im Schulvorstande ausgeschlossen. Der Entwurf eines neuen Lesebuches ist Ende März 1907 der Königlichen Regierung überreicht worden. Das Vorsteheramt der Israeliten zu Cassel hat Ostern 1907 den ihm unterstehenden Lehrern eine Teuerungszulage gewährt, wofür dem Vorsteheramt auch im Jahresberichte gedankt wird. Nach einer Frühstückspause referierte Lehrer Katz-Mentershausen über die sabbatlichen Vorträge und erledigte sich seiner Ausgabe mit großem Geschick. Es sprach ein Mann der Praxis zu seinen Amtsbrüdern. Die 41. Jahresversammlung wird Pfingsten 1907 in Marburg abgehaltett. Gesterretch-Nnsarn. □ Wien, 15. Juni. Unsere Christlich-Sozialen sind doch tüchtige Leute, namentlich ihre Führer. Unter denen wieder der sogenannte schwarze Prinz, Alohs Liechtenstein, durch sein Ingenium hervorragt. Sagt man doch, er sei der zukünftige Ministerpräsident! Dieser hohe Herr hat nun jüngst im Reichsrat anläßlich des Universitätsstreits eine Rede gegen die Juden geschwungen, die ja das Karnickel auch in diesem Falle sind. Nur zwei Blüten dieser herrlichen Rede sollen hier angeführt werden. „Die Juden haben es in diesem paritätischen Staate weiß Gott besser als wir, die christlichen Katholiken. Haben wir es nicht erlebt, daß bei den letzten Ernennungen an der deutschen Wiener Universität von acht Dozenten sieben unzweifelhafte Juden zu außerordentlichen Professoren ernannt wurden? Und auch von dem achten hieß es, man werde es am jüngsten Tage, wenn die Menschen hüllelos aus ihren Gräbern vor ihren Schöpfer treten werden, erfahren, ob dieser Mann ein Jude ist." Weiter sagte der zukünftige österreichische Minister wörtlich: „Professor Harnack in Deutschland ist sicherlich nicht mit jener zweibeinigen Frivolität zu vergleichen, als welche ich Professor Wahrmünd bezeichnen möchte. Aber der preußische Kultus- und Unterrichtsminister hat sich dadurch zu helfen gewußt, daß er den Mann vom Lehramte entfernte und als Küster in eine Bibliothek versetzt hat. Er ist eben von dem wichtigen Gedanken ausgegangen, daß der Mann weniger gefährlich ist, wenn er Bücher ab staubt, als wenn er junge Leute konfus macht." Das ist die Blüte der christlich-sozialen Kultur! Daß sich Gott erbarme! — Selbstverständlich ist nach der Parole dieser Herren auch der gegenwärtige Studenten-Streik nichts als ein Werk der Juden. Die ganze Hetze gegen den Unterrichtsminister ist nichts als jüdische Jntrigue. Demgegenüber stellt ein hiesiges Blatt fest, daß im Lager der deutschnationalen Studentenschaft zuerst der Ruf nach dem Streik ertönte; dort wurde der Streikplan gefaßt, ohne daß — in Wien wenigstens — die liberale Studentenschaft die Möglichkeit einer Einflußnahme auf die von den Vertretern der deutschnationalen Verbindungen gefaßten Beschlüsse gehabt hätte. Die Führung der Wiener Studentenschaft haben die Deutschnationalen an sich gerissen, die, in vielen Punkten ebensowenig freisinnig und ebenso reaktionär wie die Klerikalen, es bekanntlich ablehnten, mit ihren — jüdischen Kommilitonen auch nur in Versammlungen beisammen zu sitzen. Und daß es anderwärts nichts anders war, das beweist die Prager Meldung des „Deutschen Volksblatts": „Die Vertreter der jüdischnationalen Studenten an den hiesigen deutschen und tschechischen _V ' V. .... -i*!