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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-19 · Heft 25 (19.6.1908) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Hochschulen erklärten, sich dem Streik ihrer freiheitlichen Kollegen anzuschließen, protestierten jedoch gleichzeitig dagegen, daß die jüdischnationale Studentenschaft zu den Vorberatungen für die Streikbewegung nicht herangezogen wurde." Die „jüdischen Rädelsführer" haben also an der Streikberatung überhaupt nicht teilgenommen. Und trotzdem wagt es die christlichsoziale Presse, ihren Lesern die faustdicke Lüge vorzusetzen, der Studentenstreik sei ein Werk der Juden! — Heute sind 50 Jahre seit der Einweihung des Leopoldstädter Gemeindetempels in der Tempelgasse verflossen. Aus diesem Anlasse veranstaltete der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde am 18. d. M. einen feierlichen Gottesdienst, bei welchem der Oberrabbiner und die Rabbiner des Leopoldstädter Tempels fungierten. Dieser ist eigentlich neben dem in der Seitenstettengasse der einzige von der Gemeinde erbaute Tempel. — Vor dem Schwurgericht in Wadowice in Galizien waren in dieser Woche mehrere Nonnen und die Vorsteherin des Nazaretiner Klosters in Wadowice, die Aufseherin der Jesuitenanstalt in Beuthen (O.-S.), die Sekretärin des Krankenhauses in Wadowice und der Direktor der Erziehungsanstalt in Bobrki wegen Entführung des 13jährigen Judenmädchens Balbine Goldfinger angeklagt. Das Mädchen war von seiner Tante Sara Leibner in das Krankenhaus zu Wadowice gebracht worden, wo es unter dem Einfluß der Nonnen ohne Wissen der Eltern und der Tante getauft und dann nach Wien angeblich als Dienstmädchen gebracht wurde. In Wien ist das Mädchen seit dem 15. Dezember verschwunden und bis jetzt noch nicht wieder aufgesunden worden. Die angeklagten Nonnen behaupteten, nicht gewußt zu haben, daß Balbine Goldfinger zur Zeit ihrer Taufe das unmündige Alter noch nicht überschritten hatte. Die Verhandlung endete mit der Freisprechung aller Angeklagten, da die Geschworenen mit Stimmenmehrheit die Schuldfrage der Entführung verneinten. Polnische Justiz! Von MH und jfern. Dem Assistenzarzt am Institut für Krebsforschung der königlichen Charitee Dr. Karl Lew in wurde der Professortitel verliehen. — Der Bankier Emil Heymann, Inhaber des Bankhauses Meyer Cohn, ist zum Kommerzienrat ernannt worden.— Anläßlich der Einweihung des neuen Gebäudes für das Märkische Museum hat der Bibliothekar desselben, Professor Dr. Otto Pniow er, den Roten Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Am 11. d. M. ist hier Frau Professor Felicie Bernstein, die Witwe des Universitätsprofessors der Rechte Dr. Carl Bernstein s. A., nach langem Leiden gestorben. Sie war eine der kunstsinnigsten und wohltätigsten Frauen Berlins. Was sie für die bildende Kunst und Musik geleistet, wird noch geschildert werden. Ehre ihrem Andenken! — Am 9. d. M. ist hier der Musikdirektor Orsejew Reifmann im 47. Lebensjahre plötzlich am Gehirnschlag gestorben. — In Breslau wird dem 1898 verstorbenen Geh. Regierungsrat Professor Dr. Ferdinand Cohn, dem Ehrenbürger der Stadt, demnächst im Südpark ein Denkmal errichtet. — Der Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Lehrerverbandes, Realschullehrer Feiner-Hamburg, ist in den Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden berufen worden. — Der bekannte Schauspieler Leopold Teller in Meiningen ist auf der Reise nach seiner Heimat Budapest im Alter von 64 Jahren gestorben. Er war ein Charakterdarsteller von reicher Begabung. — Sämtliche Abiturienten des jüdischen Lehrerseminars der Marks-Haindorfschen Stiftung lsechs an der Zahl) haben die Prüfung vor der Königlichen Prüfungskommission — wie übrigens stets in den letzten zehn Jahren — bestanden. — Das erledigte Ordinariat für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Straßburg wird voraussichtlich in nächster Zeit durch Professor Dr. Felix So Imsen in Bonn besetzt werden. — Der verstorbene Philantrop Charles L. Hallgarten hat in seinem Testament einen großen Betrag für Frankfurter Wohltätigkeitsanstalten ausgesetzt. Die. Verteilung auf die einzelnen Vereine ist den Testamentsvollstreckern überlasten. Außerdem hat Hallgarten Wohltätigkeitsanftalten seines früheren Wohnortes „New Jork" mit einem großen Betrage bedacht, dessen Verteilung ebenfalls durch die Testamentsvollstrecker erfolgt. Der israelitische Hilfsverein erhielt bereits aus dem Nachlasse 10000Mark. — In Nürnberg hat sich ein israelitischer Theologe aus Fürth. der23^-jährige Rabbinatskandidat Dr. Leopold Ligschitz, erschossen. Das Motiv des Selbstmordes ist zurzeit noch unbekannt. Auch bisher noch nicht dagewesen!— Der bayerische Rabbinerverband hat in seiner letzten Sitzung in Nürnberg ein Huldignngstelegramm an den Prinzregenten abgeschickt und darauf folgende Antwort erhalten : „Se. Königliche Hoheit der Prinzregent entbieten den in Nürnberg versammelten bayerischen Rabbinern für die bekundeten treuergebenen Gesinnungen besten Dank. Berchtesgaden, den 28. Mai 1908. Im Allerhöchsten Aufträge Freiherr von Widenmann, Generaladjutant." — In seiner Sitzung vom 10. d. M. hat der bayerische Landtag die Petition des Kuratoriums des Würzburger jüdischen Lehrerseminars um Gewährung eines Staatszuschusses von 4000 Mark pro Jahr der Regierung einstimmig zur Würdigung hinübergegeben. — Dem Schüler Leo Strauß, der c>er Kaiserin bei ihrem Besuche in der israelitischen Gewerbeschule in Straß bürg i. E. ein Bukett überreichte, ist im Allerhöchsten Auftrag durch, den Polizeipräsidenten eine goldene Krawattennadel überreicht worden. — Der frühere Unterstaatssekretär im italienischen Ministerium der Posten und Telegraphen, Deputierter Elio Morpurgo zu Rom, hat den Kronenorden I. Klasse erhalten. — Der Hilfsverein der deutschen Juden.erhält folgendes Telegramm: Die russische Stadt Dorbian unweit von Memel ist von einem großen Brande heimgesucht worden, durch den namentlich die zahlreiche jüdische Bevölkerung gelitten hat. Synagoge und Lehrhaus sind abgebrannt. 80 Familien sind obdachlos. Der Hilfsverein hat die nötigen Maßregeln zur Unterstützung der Geschädigten getroffen. — Die Kunde von einer dieser Tage erfolgten Revision bei einem Warschauer Rabbiner machte dort großen Eindruck. Um 11 Uhr abends erschien in der Wohnung des Rabbiners Segal die Polizei. .Es befanden sich dort mehrere Personen, die nach Aufnahme eines Protokolls freigelassen wurden. Die Veranlassung zu dieser Revision soll eine Beschwerde ergeben haben, derzufolge beim Rabbiner ein „Syndikat" gegründet werden sollte. — Auch der berüchtigte Agitator Kruschewan soll wegen Aufreizung zum Pogrom verfolgt werden. Wahrscheinlich ist ihm schon vorher Begnadigung zugesichert worden. — Wie erinnerlich, versuchten anläßlich der Pogrome 1905 die Hooligans auch das Haus des jüdischen Millionärs Brodski in Kiew zu plündern. Die Söhne Brodskis selten sich zur Wehr, und in dem Kampfe wurde einer der Plünderer erschossen und ein anderer schwer verwundet. Ein Sohn des Millionärs, der Student Alexander Brodski, wurde seinerzeit unter Anklage des Mordes gestellt, nach durchgesührter Verhandlung jedoch freigesprochen. Die Antisemiten waren aber mit diesem Ausgange des Prozesses nicht zufrieden und setzten eine neue Untersuchung des Falles durch. Wie nun gemeldet wird, wurde derselbe, der gegenwärtig seine Militärdienstpflicht bei der Kavallerie erfüllt, auf Anregung des Justizminifters neuerlich.in Haft genommen und unter Anklage gestellt. — Die Stadtverwaltung in Odessa hat die Errichtung einer elektrischen Straßenbahn einer belgischen Gesellschaft übertragen. Im Vertrag befindet sich eine Klausel, , die die Gesellschaft verpflichtet, nicht mehr als 25 Prozent jüdische Arbeiter anzustellen. — In Konstantinopel ist der Direktor der Banque de Salonique, Jsaac Molho, in seinem Kontor ermordet worden. Der so jäh ums Leben Gekommene war eines der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Er war kaum 48 Jahre, alt. — Amerikanische Blätter bringen die seltsame Mitteilung, daß das von dem Millionär Waldorf Astor mit einem Kostenaufwand von drei Millionen Dollar erbaute Hotel „Aptorpe" in New York Juden unter keiner Bedingung aufzunehmen beschlossen habe! — In Philadelphia ist Frau Dr. Bertha Wolffohn-Jastrow, die Witwe des bekannten Rabbiners Dr. M. Jastrow s. A. und Mutter der Professoren Morris und Joseph Jastrow, im 64. Lebensjahre gestorben. — Die Matrosen der amerikanischen Flotte veranstalteten vor' einigen Tagen in Los Angeles eine Preiskonkurrenz in athletischen Sportübungen. Nahezu Lausend Matrosen hatten an der mehrere Tage währenden Konkurrenz teilgenommen. Als erster Sieger ging der jüdische Matrose Philipp Schloßberg hervor, der auch den ersten ' Preis Sävontrug. Schloßberg ist erst vor zwei Jahren aus Rußland nach Amerika eingewandert und bald darauf in die amerikanische | Marine eingetreten.

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