Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 300 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Familiengeschichte zusammengetragen ist. Duckesz hat zu diesem Behufs in jahrelangem Studium die Friedhöfe in und um Hamburg- Altona durchforscht und auch vielfach archivalisches Material benutzt, das im Hamburger Stadt- und Gemeindearchiv lagert. Eine eingehende Kenntnis der zeitgeschichtlichen hebräischen Literatur kommt der Arbeit besonders zugute. Ebenso sind die wissenschaftlichen Ergebnisse der neueren historischen Forschungen mannigfach, wenn auch nicht in ausgiebigem Umfange, zur Verwertung zumeist herangezogen. Duckesz' Buch ist in ausgezeichnetem und flüssigem Hebräisch geschrieben und gibt die literarischen Belegstellen in ausführlichem Auszuge, die Grabinschriften aber, was besonders wertvoll ist, in getreuer Kopie. Die als Anhang dem Werke beigegebene auszügliche deutsche Uebertragung, die nicht von Duckesz selbst herrührt, ist leider sprachlich höchst mangelhaft und wissenschaftlich bedeutungslos- Unter den behandelten Persönlichkeiten tauchen viele Nichtrabbiner auf, die für den jüdischen Geschichtsforscher besonderes Interesse besitzen : Chajjim Hameln, der Gatte der berühmten Glückel, der Klausstifter Jssachar Baer Cohen und sein Schwiegersohn Elia Oppenheim, Abraham Guggenheim, der Schwiegervater Moses Mendelssohns, Dr. Aron Gumpertz, der Freund Moses Mendelssohns, die Familien Fürst, Fränkel und Schnaber-Levison, der Dichter Schalom Kohen und der Hamburger Poet Moses Mendelson-Frankfurter, der Bibliophile H. Michael, Dr. Steinheim, der bekannte Religionsphilosoph, und andere mehr, über die teils zusammen- .fassendes, teils neues Material geboten wird. Unter den Rabbinern ist am ausführlichsten N. Jakob Emden, der streitbare Gegner Jonathan Eibenschntz', behandelt,, wie überhaupt die Stellung der einzelnen Hamburger Gelehrten und maßgebenden Personen zu den beiden Fehdehelden stets charakterisiert wird und in der Tat von Bedeutung und Interesse ist. Es scheint freilich, als ob der Fehdegeist, der jene Gegensätze schuf, noch heute nicht zur Ruhe kommen wolle. Duckesz, der bereits in seinem Iwoh lemoschab in scharfer Weise gegen Graetz sich auf die Seite der Ehrenretter Eibenschütz' geschlagen hat, gerät in diesem vorliegenden Werke mit Grunwald zusammen, der in seinem Buche „Hamburgs deutsche Juden" aus Hamburger Archivalien eine aktenmäßige Darstellung des Streites gab, aber, wie Duckesz nunmehr behauptet, einseitig nur die Anklage-, nicht jedoch die Verteidigungsakten über Eibenschütz benutzt haben soll. Man wird abwarten müssen, wie Grunwald selbst sich über diesen Vorwurf äußern wird. Im großen und ganzen muß zugegeben werden, daß die neueren Forschungen — sogar die neuedierte Selbstbiographie Jakob Emdens — des letzteren Persönlichkeit nicht vorteilhafter, diejenige Eibenschütz' dagegen in besserem Lichte haben erscheinen lassen. In kritische Einzelheiten dieser Frage, wie überhaupt in der Duckeszschen Arbeit einzugehen, ist hier nicht der Ort. Es fehlt bei Duckesz nicht an interessanten Beiträgen zur Religions- und Kulturgeschichte — man vergleiche in Nr. 83 die Behandlung der als Mörderin gerichteten Jüdin —, ebensowenig auch an Jrrtümern, die mit unterlaufen und von denen ich hier nur den auffälligsten in Nr. 97 berichtigen möchte, woselbst der Laudrabbiner Michael Speyer, der tatsächlich wie das Gelnhäuser Memorbuch richtig angibt, in Dessau und nicht in Hamburg begraben liegt, mit einem gleichnamigen Hamburger Gelehrten zusammengeworfen ist. Das Buch als Ganzes betrachtet, ist eine fleißige und anerkennenswerte Leistung und verdient allen denen empfohlen zu werden, die für jüdische Gelehrten- und Familiengeschichte im allgemeinen und für die der Dreigemeinden im besonderen, sei es wissenschaftliches, sei es persönliches Interesse, hegen. Druck und Ausstattung sind trefflich. Dr. M. Fr enden th a l-Nürnberg. Sprrchlas!. Geehrter Herr Redakteur! erfahrene und früher praktisch tätige Landwirtin, als Tochter einer jüdischen Bauernfamilie, ist es mir ganz unmöglich, den Leitartikel in Nr. 22 Ihres geschätzten und von mir seit langen " Jahren gelesenen Blattes „Handwerk und Ackerbau" unwidersprochen zu lassen. Aus wessen Feder der Aufsatz auch geflossen, wer auch der Autor sein mag — ich möchte ihn fragen, wie er die Verantwortung auf sich nehmen, wie er sie rechtfertigen will, unser Volk " vor den „besten" vor den „idealsten" Berufen — deren friedliches Glück er allerdings nicht zu ahnen scheint — zu warnen. Das, was im Artikel selbst zur Begründung gesagt wird, nämlich, daß sich die Natur nicht zwingen läßt, daß es wie zu allem, so auch hier einer gewissen Entwicklung bedarf, ist so wenig stichhaltig, wie bas Märchen von der Unrentabilität des Ackerbaues im Kleinbetrieb und des Mangels einer auskömmlichen Existenz beim Handwerk. Der Garten- und Ackerbau ist eine Betätigungsart, für die jedem Menschen — mehr oder weniger bewußt oder unbewußt — ein heimlicher Zug innewohnt. Denn der Mensch — selbst ein wesentlicher Teil der Natur — braucht nur durch frühe Gewöhnung mit ihr vertraut zu werden, um alsbald das „Verwandte" draußen in Feld und Flur zu empfinden und zu ihr hingezogen zu werden. Trotzdem will ich gern zugeben, daß nicht jeder die erforderliche Geduld und Ausdauer zur Bodenbearbeitung besitzt, und daß man sich nicht bedingungs- und wahllos derselben zuwenden soll. Wo bei den Kindern unseres Volkes Intellekt, Begabung und Neigung energisch auf andere Ziele weisen, da sollen diese Wege nicht nur nicht versperrt, sie sollen im Gegenteil nach Möglichkeit gefördert und geebnet werden. Wo aber nur „Durchschnitt und Mittelmäßigkeit" das studierte und kaufmännische Proletariat zu vermehren drohen,, da sollte man die sich immer mehr und mehr Hochachtung verschaffende körperliche, persönliche Arbeit der Kleinkrämerei dem kleinen, erbärmlichen hausierenden Zwischenhandel weit vorziehen! Denn noch ernährt den fleißigen umsichtigen Landmann sein dankbares Stück Feld ehrlich und redlich — noch winkt dem tüchtigen nüchternen Handwerker des Bodens „Gold" auf dem Grunde. In beiden Berufen kann er ein selbständiger, selbstbestimmender Mensch sein, während es im Lager der Kaufleute, wo erst recht alles dem Großbetriebe zustrebt, immer mehr abhängige Angestellte gibt. Und auch der Akademiker, selbst der in seinem Fach „berufene", geht heute nicht ohne, manchmal recht häßlichen „Konkurrenzkampf" durchs Leben; auch seine Kunst hat nach Brot, und noch dazu oft recht schwer danach zu ringen. Die gewünschte Entwicklung dürfte ja nur mit dem „Schulgarten", mit dem „Schulhandfertigkeitsunterricht" einsetzen, es dürste ja nur auf das Nützliche wie auf das Ethische dieser Berufe hingewiesen werden und — sie, wäre da. Wäre es für unsere Töchter nicht ein schöneres, friedlicheres Los, die Frau eines tüchtigen Bauern, die Mutter gesunder Kinder, die selbst fleißig in Feld und Garten mitarbeitet, zu werden, als mit einem gehetzten, nervösen Manne ein sorgenschweres Dasein zu fristen und nicht selten noch selbst das Hausierbündel auf den Rücken zu nehmen? Darum ist für mich, ganz im Gegensatz zu dem Verfasser in Nummer 22, jedes Wort, jede Spende, jede Stiftung zugunsten des Handwerks und Ackerbaus ein nicht hoch genug einzuschätzendes Verdienst, die ersten Ansätze einer erlösenden Tat. Denn so gewiß uns „das Heil" — und hier gehe ich mit dem Artikelschreiber völlig einig — von unseren Armen kommt, so gewiß unsere Zukunft in den Kindern unseres Proletariats ruht, eben so sicher kann sie uns nicht allein vom Katheder des Gelehrten, nicht nur vom grünen Tisch des Kaufmanns lebenspendende Kräfte zuführen, sondern aus der Hand des Arbeiters, aus dem Erdreich des Landmanns muß sie — soll sie groß, stark und wurzelecht sein, uns erblühen. Und deshalb, nicht unsern Feinden, den Antisemiten, sondern uns selbst, unserm Volke z uliebe, müssen unsere Kinder Handwerker und Ackerbauer werden. Mannheim, im Juni 1908. Elise Gutmann. 3n meine auf S. 276 der Nr. 23 Ihres Blattes abgedruckte Korrespondenz hat sich auf Zeile 10 ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Es muß statt „Religionsgemeinschaft" „Religionsgesellschaft" heißen. Dr. M. Appel. 4f> In unserem Leitartikel vom 10. d. M. „Der dritte Faktor", Seite 1, Spalte 2, Absatz 3 muß es heißen statt: Da nun beispielsweise ein Unterricht für das Hebräische tatsächlich nie: „Da nun ... nur." Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.