Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 299 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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breitet ein Weißes Tuch über den Tisch und ladet mit gastfreundlicher lauter Stimme die Gäste zum „Waschen" ein. Alle Anwesenden setzen sich um den Tisch. Aus der Küche dringt angenehmer Geruch von schmackhaft zubereiteter roter Rübensuppe herein, den Gästen schon im voraus Appetit machend. Im Hofe ist jetzt ein anderes Leben. Auf der Erde ist zwar noch Winter, aber vom Himmel lächelt schon der Frühling herunter. Der gefrorene Schnee, der. den Winter über zur zweiten Erde wurde, zerrinnt und schmilzt zu Wasser. Die hellblonden Tochter der Sonne, die blendenden Strahlen, irren in den noch schmutzigen Wasserluken herum. Tauben fliegen über den Köpfen hin und her, kommen zur Erde, erhaschen ein Körnchen Hafer, und frohlockend ihre weißen Flügel ausspreizend, fliegen sie rasch davon. Der ganze Hofraum ist mit Samenkörnern bedeckt, und das Federvieh hat dort reichliche Nahrung. Hühner spazieren herum und scharren die Körner mit den Füßen. Am Stalle in einer kleinen Hütte liegt der große zottige Kettenhund „Burat". Er steckt seinen dicken Kopf heraus, der Befehle harrend. Eine weiße Ziege mit gedrehten Hörnern und ein kleines Schäfchen haben Gemeinschaft geschlossen und zupfen an den Bündeln Heu, die auf einer Fuhre liegen. An der zweiten Seite, des Hofes liegen eingefrorene Bretter und Klötze, zur Hälfte noch mit Schnee bedeckt. Knaben klettern über die Bretter bis zum Speicher hin. Die Türen der Scheunen sind weit geöffnet; vor diesen steht eine große Dezimalwage. Man legt Getreide hinauf und „der Schreiber" (ein junger Mensch in einem kurzen Pelze mit Persianerkragen) notiert das Gewicht pünktlich in sein Büchelchen. Durch die offene Hofpforte kommt eine Fuhre nach der anderen gefahren, man ladet die Säcke ab, wiegt sie und trägt sie in den Speicher. Nute, der Stallknecht, ein großer rüstiger Kerl von der Leibgarde des Reb Jechaskel, mit einem schwarzen, sonnenverbrannten Gesicht und großen feurigen Augen, führt zwei große, schöne Pferde aus dem Stalle. Eines der Pferde hat einen runden schwarzen Fleck an der Stirn, der zwischen seinem schokoladsarbenen Fell wie ein schwarzes Auge glänzt. Das glänzende Haar ist bei den Pferden am Halse zu Zöpfen geflochten. Diese gut gefütterten Haserkinder sind die Lieblinge von Reb Jechaskel. Sie verstehen ihn und wissen, wann man rasch zu fahren hat. - Die Peitsche gebraucht man nie, noch nie haben sie ihn in Stich gelassen, wenn es galt, zum Sabbat nach Hause zu eilen, sie fühlen ordentlich heraus, daß es Freitag sei. Auf sie ist immer Verlaß, und wenn sie solch eine Galoppfahrt aussühren, werden sie von Reb Jechaskel selber gehätschelt. Nute trägt seinen kurzen Winterpelz, hohe Lederstiesel und aus. dem Kopfe eine runde Soldatenmütze, der nur das Abzeichen des Soldaten fehlt. Mit Stolz führt er seine Stallkameraden an den Wagen. Er legt ihnen das neue Gespann mit den Messingrändern an und knüpft die schönen blauen Bandzügel an die Deichsel. Antek hat vom Dachboden Haken und Stricke heruntergeholt und legt sie unter die Sitzplätze. Ein schallender Peitschenknall und ein lautes Räderrollen verkünden, daß der Wagen schon vorgefahren. Man trägt nun viele Pakete aus dem Zimmer, die man aus dem Wagen hinlegt. Reb Jechaskel unternimmt nie eine Fahrt ohne „Zebu Laderech" (Eßvorräte für die Reife). Reb Jechaskel tritt aus der Tür, in einen großen breiten Schoppenpelz gehüllt. Den Winterpaletot mit breiten Aermeln hat man auf dem Sitze ausgebreiteü Es ist ein schöner warmer Tag, der Frost hat nachgelassen, und die Sonne lächelt freundlich. Ihm folgt seine Frau Malkele, mit einem Segensspruch für die Reise auf den Lippen, und nach ihr kommen viele Kinderchen, große und kleine. Die größeren halten Bücher in der Hand, sie gehen zum „Lernen", die kleineren, die ins Cheder gehen, sind mit Frühstückstullen versehen. Sie umstehen alle den Wagen und tragen meistens kleine Pelze. „Großväterchen soll gesund fahren!" „Bleibt gesund und lernt mit Lust," ermahnt der Großpapa, reicht jedem von ihnen die Hand und gibt ihnen Geldmünzen, die er einem großen Geldbeutel entnimmt, den er in der Hosentasche trägt. Aus dem Fenster zwischen zwei gestickten Gardinen blickt ein feines aristokratisches Mädchengesicht heraus; die schwarzen Seidenlocken sind mit einem blauen. Bande zusammengehalten. Sie nickt aus der Ferne dem Vater freundlich zu: „Reise gesund, Papachen!" Reb Jechaskel besteigt den Wagen. Er spricht noch etwas mit Reb Towie, verabschiedet sich von ihm, nickt herzlich zu Malkele hin: „Bleib gesund, bleib gesund!" und wendet sich an das hellstrahlende schöne Mädchen: „Bleib gesund, Leale!" Dann ruft er nochmals den Enkeln zu, recht fleißig zu lernen und winkt Nute, davonzufahren. Der Kutscher hält die Zügel in der Hand, bereit, in die Welt hinein zu sausen wie seine feurigen Pferde, die ungeduldig mit den Hufeisen auf die Steine stampfen. Ein Peitschenknall — und die Pferde rasen davon. Sie fahren in früher Morgenstunde durch das stille, ruhige Stadtgäßchen, und Kutscher und Wagen verschwinden rasch in die weite Ferne. In der „Stube" von Reb Jechaskel ist es jetzt still; die Leute haben ihre Geschäfte bereits beendigt. Die Fremden, die in der Nacht gekonrmen, haben die Ware schon verkauft, sie lassen einspannen und räumen den Platz für andere Kauflente, die in der folgenden Nacht anlangen werden. Das große Kanapee, mit seinem altmodischen ledernen Ueberzug und seinen Bergen und Hügeln kommt erst jetzt zum Vorschein- Der. lange Tisch inmitten des Zimmers ist mit Kreide vollgeschrieben; auch der schwarze Ofen, der hohe Schrank, Sessel und Bänke — alles ist mit Zahlen vollgekritzelt. Die Rechnungen auf Tisch und Bänken, auf Schränken und Wänden sehen aus, wie die von Soldaten am Schlachtfelde weggeworsenen Gewehre; sie blicken sich gegenseitig an, zanken sich und stechen einer dem andern die Augen aus... Literarische Mitteilungen. — Duckesz Eduard, Chachme Ahw, Biographien und Grabsteininschriften der Dajanim, Autoren und der sonstigen hervorragenden Männer der drei Gemeinden Altona, Hamburg. Wandsbek. Hamburg 1908. A.Goldschmidt Verlag. — Eduard Dückesz. Klausrabbiner zu Altona, ist durch sein Werk „Iwoh lemoschab“ bekannt geworden, das die Oberrabbiner der für die jüdische Geschichte so bedeutsamen Dreigemeinde Hamburg-Altona-Wandsbek biographisch behandelt. Als Fortsetzung dieses Werkes veröffentlicht er nunmehr in vorliegendem Buche Biographien der Rabbinatsassessoren, Klausrabbiner, Gelehrten, Führer und Vornehmen, die in den drei Gemeinden seit der Begründung bis in die Neuzeit dauernd oder vorübergehend gewirkt oder daselbst ihre letzte Ruhe gefunden haben. Es sind 146 Männer (die Ziffer 54 auf S. 48/49, ist doppelt aufgeführt), denen die Darstellung gilt; in deren Schilderung sind jedoch zahllose andere Persönlichkeiten noch mit einbezogen, so daß ein stattliches Material-zur jüdischen Gelehrten- und