Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 298 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Türen und Tore sind schon weit offen; man geht ein und. aus, es kommen Leute verschiedenen Alters, kleine und große, mit langen und kurzen Bärten, man sagt sich gegenseitig „Scholem Alechem", und ehe man sich umsieht, ist man schon mitten drin im Geschäft. Es wird gesprochen und disputiert, viel gefragt und viel oder gar nicht geantwortet. Da hält ein Jude den zweiten schon am Arme, spricht mit geheimnisvoller Mene aus ihn ein und führt ihn in eine Fensternische; ein zweiter Jude steht am Tische und blickt in ein Gebetbuch, während er inzwischen nach der Fensternische hinüberspäht; plötzlich ergreift er einen beim Arme und führt ihn in einen anderen Winkel, als ob er jenem beweisen wollte, daß auch er ein Geheimnis wisse. Inzwischen erwacht ein anderer, legt schnell den Tallit und die Tefillin um und beginnt zu beten. In derselben Zeit schreiben und rechnen zwei Männer mit Kreide aus dem Tisch, und was der eine schreibt, wischt der andere mit einem feuchten Finger wieder weg, und so umgekehrt. In einer anderen Ecke steht ein Mann mit gelbem Bart und zählt einem weiten Geld auf den Tisch. Er zählt ernst, wie einer fromm betet: 74, 75, 76, als ob er dem Betreffenden sagen wollte: Schau, was Geld bedeutet. Währenddem öffnet sich die Türe und hereingestürzt kommt ein großer einäugiger Mann, mit langem roten Bart und überschüttet den Gelben, der das Geld zählt, mit Schimpfworten: „Roter Hund, 250 Rubel gibst Du? Bist Du verrückt geworden?" Der gelbe Jude zählt mit stoischer Ruhe weiter 101, 102. „Wie kannst Du mit meinem Gelde so wirtschaften?" schreit der Rote wieder. Kaum hat aber der Verkäufer sein Geld in Empfang genommen, haben der Gelbe und der Rote schon Frieden geschlossen. Auf dem Tische liegen Getreideproben in roten Taschentüchern; wer hereinkommt, ergreift einige Körner, schaut sie an, nimmt sie in den Mund, probiert solche und srägt in die Welt hinein: Wie hoch ist heute der Preis? — Er bekommt keine Antwort, da knackt er die Körner weiter und runzelt die Stirne, als ob er erraten möchte, was ihm niemand beantworten will. Die „Stube" ist die Stadtbürse. Kleine Kaufleute kaufen bei den Bauern das Getreide und verkaufen es wieder an Reb Jechaskel für seinen Speicher. In dieser „Stube" werden alle möglichen Geschäfte abgeschlossen, nicht nur solche, die zu Reb Jechaskel gehören, sondern alle, die überhaupt zwischen Leuten gemacht werden. Wer was beginnen, was unternehmen will, jeder „dreht sich" vorher in dieser Stube herum. Ein junger Mann, der eben seine „Kost" beendigt hat und etwas Geschäftliches unternehmen möchte, geht vorher zu Reb Jechaskel auf die Börse. Hier ist der Versammlungsort -für alle Geschäfte. An diese Stube grenzt ein kleines Zimmer, „das Kalinkel" genannt, dies ist das Kontor von Reb Jechaskel. An einem viereckigen Schreibtische sitzt Reb Jechaskel auf einem Großvaterstuhl; er ist ein kleiner, dicker Jude mit rundem, weißem Bärtchen. Aus seiner Brille, die er fest auf der Nase hält, fällt jedesmal ein Gläschen heraus; Reb Jechaskel hebt es auf, wischt es mit seinem Tuche rein und setzt es wieder auf, indem er Reb Towie, „seinen Menschen", etwas fragt oder ihm etwas antwortet. Letzterer, ein großer Mann mit magerem Gesicht, antwortet dienstbeflissen uud mit Freundlichkeit, als ob er sagen wollte: „Alles ist gut, alles ist gut." Reb Jechaskel, in einen langen, breiten Schlafrock eingehüllt, mit einer viereckigen Mütze auf dem Kopf, spricht mit Reb Towie; manchesmal ärgert er sich, dann wird er wieder gut; es scheint, daß er etwas mit ihm berate. Reb Jechaskel öffnet eine Schublade, nimmt ein Papier heraus und sagt zu Reb Towie: „Wolf muß nach Danzig schreiben, daß der erste Transport bereits expediert ist." Die Tür wird geöffnet. Jemand steckt den Kopf herein und sagt: „Guten Morgen!" Dann verschwindet der Kopf und es tritt ein großgewachsener Bauer ein. Er trägt hohe, schmutzige Stiefel, die überall ihre Spuren zurücklaffen. Das Gesicht ist ganz erhitzt, der Schweiß rinnt ihm von den feuchten Haaren, und ohne ein Wort zu sprechen, knöpft er Paletot und Weste auf und zieht einen Brief hervor, den er Reb Jechaskel überreicht. Während Reb Jechaskel den Brief liest, spricht Reb Towie zum Bauer; letzterer antwortet aber nicht, sondern blickt aus den Lesenden, als ob er von diesem eine Antwort erwarte. „Den Wagen anspannen, ich fahre selbst nach Brisk!" sagt Reb Jechaskel. „Ich habe damals abgeraten, daß man so spät in der Jahreszeit das Holz Verstöße, wer weiß, welch ein Zufall sich ereignen kann?" „Insbesondere, wenn die ersten Fröste recht stark sind"- antwortete Reb Towie mit leichtem Aerger, den Inhalt des Briefes schon erratend. „Ich mußte ja das Holz liefern: die Flöße waren gut zusammengebunden, die Stricke recht stark, das Wetter schön, was läßt sich da im voraus berechnen? Was kann man machen, es war vom Himmel beschieden. Wer hätte es gedacht, daß die Weichsel vor Chanuka schon einsrieren würde?" „Man muß Antek und Sokolski mitnehmen. Auf dem Dachboden liegen einige Hundert Schock frische „Stronker" (Haken und Stricke)", rät Reb Towie. „Das Eis beginnt sich zu rühren, schreibt man mir, gebe Gott, daß die Eisschollen nicht zu groß sein sollen. Ich glaube, Brisk ist ein stiller Ort, die Strömung dort nicht stark, und falls das Eis nicht auf einmal bricht, wird man, mit Gottes Hilfe, das Holz retten können!" sagt schließlich Reb Jechaskel. „Mit Gottes Hilfe." „Nach Gumbinnen braucht man den Gumbinnern 200 Rubel zu schicken, und Zabel oder Reb Abraham Plotzker soll nach Schemenitz fahren, um dort die Schafe zu kaufen; ich fürchte, die Schemenitzer werden uns zuvorkommen und das darf man nicht zulassen." Und so ins Gespräch vertieft gingen beide ins zweite Zimmer. Dort waren inzwischen weniger Leute. Biele von ihnen waren im Hose am Speicher, um dort ihr Getreide abwiegen zu lassen. In der Stube waren nur die Fremden, die in der Nacht gekommen waren und die ihr Getreide verkaufen wollten, auch zwei Makler aus dem Städtchen. Einer der letzteren trug einen kurzen Rock, modernen Hut, weißen Hemdkragen und einen Stock in der Hand. Dies war Kosak, der Makler des „Puriz" (der Gutsbesitzer). Er war vom Besitzer der Zuckerfabrik eigens zu Reb Jechaskel geschickt worden, und bei jedem Worte, welches er sprach, erwähnte er den „Puriz" und die „Zukernie" (Zuckerfabrik). Der zweite Makler Reb Chaskel Epstein war einmal selber Kaufmann gewesen, jetzt aber verarmt und hatte sich deshalb diesem Erwerb zugewandt. Er ist ein Chassid, trägt beständig einen halbseidenen Kaftan, der zwar fleckig und zerrissen ist, aber seinen einstigen Glanz noch nicht gänzlich eingebüßt hat. Reb Jechaskel bewillkommt die beiden; noch bevor sie zu sprechen beginnen, lädt er sie zum Essen ein und geht mit ihnen an den kupfernen Waschkessel. Inzwischen erscheint eine große starke Frau mit breiter Schürze. Das Geklingel des Schlüsselbundes kündigt ihr Kommen schon an; in ihren Ohren funkeln Brillantsteine. Sie