Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 297 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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schlummernder Säugling an meiner Brust, wie traurig, wenn du mit Bewußtsein die großen Augen ausfchlagen wirst, um verwundert Greuel, Elend und Schandtaten um dich her zu schauen! — Herr und Gott meiner Väter! Ich rufe dich an, die ärmste, verzweifeltste Mutter deines Volkes. Vernichte den barbarischen Feind und schicke mir das Racheschwert in die Hand. Laß mich dein Werkzeug sein, ich habe Kraft gleich der Mutter der Makkabäer! - Gott meiner Väter, der uns aus der Knechtschaft, aus Aegypten geführt hat, der Pharao und sein Heer vernichtet, erhöre mich!" -So sinnt und brütet das stolze, schöne, traurige Weib mit dem Säugling an der Brust, den schönen Kindern an der Seite, nachdem sie den schwerverwundeten Mann, welcher ermattet schläft, die schwerverwundeten Söhne, die ihm zur Seite ruhen, verbunden hat. So sinnt sie, indem sie jetzt starren Blickes ihnen den Rücken zuwendet, das Kleinste säugend. Der junge Pole Minkowsky ist ein klassischer Maler des Elends seines Volkes, gleich wie Wereschagin der Maler des russischen Soldatenlebens gewesen. Die junge jüdische polnische Schmerzensmutter erzählt uns die herzzerreißende Verfolgung ihres Volkes, wie der einsame, vor dem Schilderhaus erfrorene russische Soldat in der weiten Schneewüste der Krim das Martyrium seiner Kameraden. Das gsltüche haus. Ein Bild aus dem jüdischen Leben in Polen. Von Schalom Asch. Türe des Zimmers ist den ganzen Tag und die ganze Nacht offen, und wie in einem Gasthause geht man dort ein und aus. Es ist das Wohnzimmer von Reb Jechaskel Gumbiner, zugleich aber auch ein Gastzimmer für alle Welt. Hier fühlen sich alle heimisch. Verläßt morgens ein Mann sein Haus, ohne etwas Warmes getrunken zu haben, so geht er mit Gebetmantel und Tesillin in der Hand zu Reb Jechaskel, und läßt sich dort ein Glas Tee geben. Auch heißen, schmackhaften Barscht bekommt man dort auf Verlangen. An einem kalten Wintertage, wenn der Frost knackt und die Glieder erstarren und man das Bedürfnis hat, sich zu erwärmen, geht man zu Reb Jechaskel, und seine Frau Malkele reicht stets gern ein prachtvolles Glas Barscht. Dort braucht man sich nicht zu schämen, etwas zu essen; man ist dort ganz wie zu Hause. Wenn eine Wirtin zu träge ist, den Herd zu heizen, geht sie mit dem Topf zu Malkele und kocht dort das Mittagsmahl. Vom ganzen Städtchen befinden sich die Töpfe bei Malkele; manchmal verwechselt man diese, da wird^s ein Gemengsel. Ueberwirft sich ein Mensch zu Hause mit den Seinigen, so schläft er bei Reb Jechaskel in der Scheune; zu sorgen gibüs dort nicht; Brot und Semmel find nie verschlossen, in der Küche steht alles zur freien Verfügung, im Keller gibüs Butter und Rettiche in Hülle und Fülle. Der Schlüssel des Kellers hängt in der Küche bei Jente (dem Dienstmädchen), und die muß stets alles geben; denn Reb Jechaskel befiehlt es. Die Nacht beschirmt das Städtchen. Die ganze Welt ringsumher hat sich' unter ihre Fittiche versteckt. Mitten in der Nacht vernimmt man rasches Pferdegetrappel. Vor dem Hause, durch dessen Laden ein Lichtstrahl schimmert, hält es an. Schwere gewichtige Schritte hört man auf dem Korridor, bald tastet man an die Türklinke, öffnet die Tür und kommt ins Zimmer. Es scheinen Bekannte zu sein, denn sie wissen genau den Weg. In der großen, langen Stube , ist niemand. Eine große, weiße Hängelampe (wie eine Großmutter mit einer weißen, großen Schürze) beleuchtet nur die Mitte des Zimmers; der andere Teil verliert sich im Schatten. Die angekommenen Männer tragen lange, breite Schoppenpelze, deren große Kragen bis über den Rücken reichen und am Halse mit roten Tüchern zusammengebunden sind. Auf den Köpfen haben sie Pelzmützen mit Ohrlappen an. Die Kragen und Mützen sind mit Eis überzogen, das von der Zimmerwarme schmilzt und von den Mützen und Pelzen trieft, so daß die Wassertropfen das ganze Zimmer entlang ihre Spuren zurücklassen. Die Reisenden legen die Pelze ab und bleiben in dicken Mänteln, die mit roten Gürteln zusammengehalten sind. Nun erblickt man erst die Bärte, die bis jetzt eingefroren und eingewickelt waren; es sind schwarze und weiße, kurze und lange Bärte. Im Winkel steht ein großer Ofen, der angenehme Wärme verbreitet. Die Jüngeren lassen die Plätze am warmen Ofen für die älteren Leute, während sie auf Bänken und Tischen sich anlehnen und alsbald einschlafen. Die Aelteren sitzen stillschweigend um den Ofen, manchmal richtet einer an den anderen irgend eine Geschäftssrage, die der Betreffende erst nach einer Weile beantwortet. Die Nacht beginnt durch die Scheiben wie durch graue Brillen hineinzublicken, und es scheint, als ob einige Tonnen Licht in ein Meer von Nacht hineingegossen wären und die Finsternis grau gemacht hätten. Aus weiter Ferne ertönt das langgedehnte Kikeriki eines eben vom Schlafe erwachten Hahnes. Man hört Räder auf den Steinen rollen, sie widerhallen einsam in der Nacht, die immer mehr durch ihre graue Brillen hineinblickt. Aus dem andern Zimmer hört man Wasser gießen, Leute auf- und abgehen; bald hört man dort eine alte weinerliche Stimme Psalmen singen, die weit in die Welt hinaustönen; dazwischen mengt sich ein junges, helles Sümmchen, welches „Talmud lernt". Die alte Stimme läßt sich von der jungen Stimme nicht beirren und fährt in ihrer traurigen Weise fort. Die am Ofen sitzenden Männer, die wohlbekannten Töne vernehmend, erwachen aus ihrem Schlummer. Sie reiben sich die Augen, waschen die Hände, nehmen ihre Gebetbücher aus den Taschen und beantworten strophenweise die Psalmenlitanei. Und es scheint, als ob die Stimmen gegen - seitig sich begrüßten. Immer Heller blickt die Nacht durchs Fenster, so daß man nicht mehr weiß, ob es Morgen- oder Abenddämmerung ist. In der Küche hört man Holz hacken, dann das Feuer knistern, man gießt etwas von einem Geschirr ins andere. Man öffnet die Türe, bringt Wasser, legt etwas nieder und geht wieder fort; aus einem entfernteren Zimmer hört man ein Kind weinen. Und das traurige Psalmenbeten des alten Juden, das junge helltönende Talmudstimmchen, das Knistern des Feuers, das Holzhacken des Dienstmädchens, alle Töne schwirren durcheinander und alle scheinen den neuen Tag zu begrüßen, alle ihm „Guten Morgen" zu wünschen. In der Stube ist es schon ziemlich hell. Auf dem Tisch liegen Pelze, Mäntel und Tücher. Auf dem Kanapee schläft ein großer Mann, seine langen Beine weit hinausstreckend.