Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 296 (sequence 10)
- Language
- German
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Verhandlungen nur vom Hörensagen kennt?) Richtig ist vielmehr, daß in der Friedenskonferenz vom 6. Oktober vorigen Jahres die Frage des obligatorischen Religionsunterrichts stundenlang die Gemüter erhitzte, und daß die beiden Streitparteien auf den Hinweis des Vorsitzenden hin, daß der Religionsunterricht in den Mittelschulen nicht zur Kompetenz der Verwaltungen gehöre, und somit nicht den Gegenstand der Friedensvereinbarungen bilden könne, diese Streitfrage ausdrücklich aus dem Konzern der obwaltenden Differenzen ausschalteten und ihre Lösung auf den Zeitpunkt nach dem Friedensschluß vertagten. Daß die Notwendigkeit, hier Wandel zu schaffen, durch die Vorgänge des 3. Mai wesentlich gefördert wurde, soll nicht bestritten werden, ist aber nicht unsere Schuld. Es dürfte indes die Herren von der Gegenseite interessieren, daß schon im Vorjahre einer der hervorragendsten Pädagogen Bayerns, welcher zugleich Präsident der bayerischen Abgeordnetenkammer ist, Schreiber dieser Zeilen gegenüber erklärte, daß die katholische Kirche für analoge Vorkommnisse im katholischen Religionsunterricht, wie etwa jenes, daß orthodoxe jüdische Kinder gezwungen werden, sich den Unterricht in den hebräischen Gebeten durch einen jüdischen Religionslehrer unbedeckten Hauptes erteilen lassen zu müssen, den kanonischen Begriff des „Erregung eines Aergerniffes" geprägt hat und auf Beschwerde der Beteiligten sofort Remedur eintreten müßte. Wir hoffen indes von dem Verlaus der für den 18. d. Mts. angesetzten neuerlichen Rabbiner-Konferenz, daß es uns erspart bleibt, zum „Kadi zu laufen" und die Angelegenheit schriftlich dem Ministerium zu unterbreiten. Was uns in dieser Hoffnung in erster Reihe bestärkt, ist das Vertrauen in die Weisheit und die Friedensliebe des greisen Vorsitzenden der Nürnberger Gemeinde und jener einflußreichen Persönlichkeiten in München und Nürnberg, die im vorigen Herbst trotz aller Anrempelungen von kulturkämpserischer Seite das Schifflein der Münchener und Nürnberger Gemeinde durch alle Fährnisse und Klippen hindurch in den Friedensport gesteuert haben. Für die maßgebenden Kreise der bayerischen Judenheit — im orthodoxen wie im neologen Lager — kann bei ihrer Stellungnahme zu derartigen nahezu selbstverständlichen Dingen keine andere Erwägung maßgebend sein, als der lebhafte Wunsch, die neue bayerische Judengesetzgebung in gemeinsamer Arbeit der beiden Richtungen vorzubereiten und damit ein Friedenswerk, das beiden Richtungen gleichmäßig Licht und Luft verbürgen soll, zum Abschluß zu bringen. Nach Lage der Dinge kann diese neue Gesetzgebung nur auf Basis des Grundgedankens aufgebaut sein, der gerade in diesen Blättern in dem Artikel „Seid einig" in Nr. 12 und in den einleitenden Sätzen des „Krieg im Frieden"-Artikels inMr. 23 beredten Programmatischen Ausdruck dahin gefunden hat, daß „beide Richtungen in religiöser Gleichberechtigung friedlich nebeneinander bestehen können und bestehen sollen". Es gibt in der Tat noch eine Fülle von Aufgaben sozialer und charitativer Natur, die durch den Zusammenschluß der beiden Richtungen im Rahmen einer einzigen Gemeinde mächtig gefördert werden, und wir bayerischen Orthodoxen stehen nicht auf dem Standpunkte, daß wir das Judentum allein gepachtet haben. Aber wir verlangen im Interesse des Friedens und der Hintanhaltung zukünftiger Friktionen, daß Kautelen dafür geschaffen werden müssen, daß die eine Richtung nicht mehr die Kreise der anderen y Das ist ein Irrtum. Der Autor jenes Artikels lebt in München, kennt die jüdischen Verhältnisse sehr genau und ist mindestens ein xbenso guter und glaubenstreuer Jude wie alle bayerischen Orthodoxen zusammirngenommen. Die Red. stört, und von diesem Gesichtswinkel aus wird jeder liberale Jude uns das zubilligen, was im ganzen übrigen Deutschland — außerhalb der blauweißen Grenzpfähle — Recht und Norm ist. Ist man aber in den maßgebenden Kreisen Nürnbergs und Münchens anderer Anschauung und wollen die Herren von neuem den Konflikt — nun gut, sie sollen ihn haben. Dann wird sich die Revision des Judenedikts nicht auf dem Wege des friedlichen Zusammenarbeiteus, sondern unter Blitz und Donner in kürzester Zeit vollziehen; die ganze gebildete jüdische Welt Deutschlands wird sich aber nach diesen, der Wahrheit entsprechenden Darlegungen das Urteil bilden, daß diejenigen, die von neuem „die Einheit Israels bedroht haben"- wahrlich nicht die Orthodoxen waren?) 8. F. Lin Oogrmn-Lild. Von S. Heumann in Paris. „Und der Menschheit Ganzer Jammer packt mich an." „Les victimes du Pogrom“ gemalt von Minkowskh lMaurich) nd ä Yarsovie, elfeve de l’Ecole des Beaux- Arts de Cracovie. Bo ist int Katalog des Salon der Looietä des Artistes Francis zu lesen. Oft und lange habe ich vor diesem erschütternden Gemälde gestanden; eine Welt voll Jammer, Elend und Schmerzen offenbart sich darin, freilich nur für den, der aus Bildern zu lesen versteht, aus den die Figuren lebendig und dramatisch wirken. Da ist nun eine junge verfolgte, verwundete jüdische Familie dargestellt. Sie haben draußen aus freiem Felde eine ruhige Stätte gefunden. Die Verwundeten, der Vater und die jungen Söhne schlummern friedlich, die zwei erwachsenen Kinder sitzen mit tieftraurigen Gesichtern, in totmüder Haltung aneinander ge-. lehnt im Hintergründe. Wie hoffnungslos niedergedrückt erscheinen die edlen Züge. Der Mittelpunkt des Bildes ist die Mutter mit dem Säugling an der Brust. Ein blasses halbwüchsiges Mädchen, bleich und elend, schläft ihr zur Seite, ein etwa sechsjähriges bildschönes Kind mit blondgelocktem Köpfchen liegt friedlich schlummernd zu ihren Füßen. Diese tragische Heldenmutter! Wie sie mich ergreift und zu mir spricht. — Finster blickend, brütet sie vor sich hin: „Wir sind beladen mit dem dreifachen Fluche des Judentums, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft! Wir sind vertrieben von Haus und Hof, die in harter Arbeit errungen waren, Mann und Söhne verwundet, krank, vielleicht lange siech, dem Tode geweiht. Die schönen jungen Töchter wachsen heran — was steht ihnen bevor in der schrecklich drohenden Zukunft? Gott unserer Väter, verleihe mir Kraft, ihre blühende Jugend zu beschützen! O du ruhig und unschuldig.?) Wir haben dem Herrn Einsender gern zu Wort kommen lassen und seine Ansichten widerspruchlos abgedruckt. Daß wir mit diesen einverstanden sind, soweit es die Wahrung der Gewissensfreiheit für jeden einzelnen betrifft, versteht sich von selbst. Leider aber können wir seinen Prämissen nicht zustimmen, wo es sich um die Programmsrage handelt, und daraus ergibt sich dann von selbst die starke Differenz in den weiteren Punkten. Wir behalten uns vor, unserem Mitarbeiter, der zuerst vor dem „Krieg im Frieden" gewarnt, noch einmal das Wort zur Widerlegung dieser Ansichten zu geben. Die Red.