Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 292 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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damalige Vialystoker Militärverwaltung kompromittierende Tatsache, daß sie ohne Antrag der Zivilverwaltung in ungesetzlicher Weise die Macht über die Stadt sich angeeignet Haben. Da erklärte der Gerichtsvorsitzende, daß die Handlungen der Behörde nicht erörtert werden dürfen und ließ weitere Aussagen darüber nicht zu! Im Verlause' der weiteren Verhandlungen stellte es sich heraus, daß niemand die angeblich geschleuderten Bomben, die von den Ortsbehörden als Anlaß des Pogroms bezeichnet worden waren, gesehen h.at. Desgleichen wird die Behauptung, daß dem Pogrom eine große Erbitterung der christlichen Bevölkerung gegen die Juden vorausgegangen sei, völlig widerlegt. Der Prozeß nimmt bereits ein nervöses Tempo an. Viele Zeugen der Gesellschaft von Bialhstok, die unbequem werden können, werden unter den nichtigsten Vorwänden ausgeschaltet. Nach dem Muster der früheren berüchtigten Pogromprozesse finden deswegenZusammenstöße zwischen den Verteidigern und dem Vorsitzenden statt, der alle Versuche einer gründlicheren Erforschung der allgemeinen Umstände der Pogroms von vornherein unterdrückt. Trotzdem stellen sich schon verschiedene Lügen der Untersuchungsakten heraus. Die angebliche Behauptung, daß die Metzelei am Bahnhof durch die jüdische „Selbstwehr" veranlaßt sei, erweist sich als völlig erfunden, da diese laut den Aussagen von zehn Zeugen überhaupt erst nach dem Pogrom am Bahnhof erschienen ist. Zwei Bialystoker, die im öffentlichen Leben der Stadt eine Rolle spielen, Raygorodski und Jerserson bekunden folgendes: Sie hätten den Gouverneur rechtzeitig auf den bevorstehenden Pogrom hingewiesen; da habe dieser geantwortet: „Ein Pogrom wird stattfinden, wenn von den Balkonen Schüsse fallen werden." Tatsächlich begann der Pogrom mit einem solchen Schuß, der laut den Aussagen mehrerer Zeugen von einem Mann in Polizeiuniform abgegeben wurde. Raygorodski bestätigt seinem ganzen Inhalte nach den Bericht der Dumakommission und erzählt grausige und abstoßende Einzelheiten. Tagelang hätten Juden, um sich vor dem Tode zu retten, in schmutzigen Verstecken zugebracht, die Polizeibeamten seien aber herumgelaufen und hätten auf Kinder geschossen. Dies sind nur ein paar der Bilder, die vor dem Gericht entrollt wurden. Unter diesen Umständen ist es berechtigt zu sagen, daß der Prozeß weniger gegen die Pogrom-Leute als vielmehr gegen die Juden geführt wurde. $> Die Bedrückungen und Verfolgungen der Juden in Rumänien hören nicht auf, und niemand nimmt sich ihrer nach dem humanen Nicht-Jnterventionsprinzip an, das jetzt bei den europäischen Mächten in Geltung ist. Natürlich nur, soweit es nicht die Türkei betrifft! Noch leiden Hunderte von jüdischen Familien in Rumänien an den Nachwehen der Maßregeln, welche infolge der vorjährigen Agrar-Unruhen gegen die auf dem flachen Lande wohnenden Juden ergriffen wurden. Man hatte bekanntlich die Auflehnung der unter schwerem Drucke seufzenden Bauern gegen die Großgrundbesitzer, die Bojaren, auf den antisemitischen Draht geleitet. Und die jüdischen Pächter, deren Bedienstete und Tausende armer Juden, die auf dem Lande in den Dörfern ihr kümmerliches Dasein fristeten, wurden mißhandelt, ihrer Habe beraubt, von Haus und Hof Vertrieben. Das heißt im rumänischen Jargon: „Fremden-Gesetzgebung." Man kennt ja den Trick, die Jnterpretationskunst, die an dem Berliner Vertrag geübt wird, welcher die Gleichberechtigung aller Einheimischen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses sanktionierte. Die' 200 000 einheimischen Juden! Ja, die Gut- und Blutsteuern haben sie zu tragen. Insoweit sind sie Einheimische. Aber bezüglich ihrer Rechte, in ihrer bürgerlichen Existenz, ihrer Erwerbstätigkeit, der Aufenthalts-Berechtigung usw., usw. sind sie „Fremde" und als „Fremde" allen gesetzlichen Beschränkungen und . ungesetzlichen, willkürlichen Quälereien der Verwaltungsorgane preisgegeben. So hat vor kurzem der Präfekt von Jassy an die Bürgermeister seines Distrikts ein Rundschreiben gerichtet, in welchem sr diese anweist, „die wider jene Fremden erlassenen Beschlüsse zur Vertreibung aus der Gemeinde sofort zum Vollzüge zu bringen"; er, der Präsekt, habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß „durch eine unverzeihliche Gleichgültigkeit" in der und jener Gemeinde „mehrere Fremde" geduldet werden. Das ist auf dem Lande. Und nun sollen die Juden, die in den Städten wohnen oder hineingetrieben wurden, auch en ma886 aus kleinen Städten ausgetrieben werden. Nachrichten aus Jassy, Falcin, Bakau lassen keinen Zweifel, daß von Regierungs wegen solche Austreibungen inszeniert werden. „Wir, Bürgermeister der Kommune . . . (so lauten die uns vorliegenden Dekrete), richten infolge der Ordre des Präfekten unseres Distrikts an X und seine Familie die Aufforderung, die Kommune zu verlassen, da er nicht unter den Artikel 5 des Gesetzes über die Organisation der Landgemeinden gehört, und wir geben ihm bekannt, daß wir, wenn er sich dieser Aufforderung nicht fügt, Polizeigewalt anwenden werden." . . . Mit derartig formulierten Ausweisungs-Dekreten sollen nunmehr Hunderte jüdischer Familien, das sind Tausende von Personen, die in kleinen Städten wohnen, in Not und Elend gejagt werden. Das ist rumänische Verwaltungspraxis — nach russischem Vorbilde! * Eine gute Lektion hat der Lordmayor von London den deutschen Geistlichen gegeben, die dahin kamen, um die englisch-deutsche Annäherung zu befestigen. Vor Abreise der Deputation hieß es wiederholt, daß auch einige Rabbiner teilnehmen würden. Wir erklärten jedesmal, daß in den beteiligten Kreisen davon absolut nichts bekannt und daß eine diesbezügliche Aufforderung nicht ergangen sei. In der Tat zog die Deputation nach London ohne Teilnehmer aus jüdischen Kreisen. Bei dem Empfang derselben im Mansion-House war aber auch aus besondere Einladung der Chiefrabbi von England, Dr. Hermann Adler, anwesend. Und in dem ersten Toast, den der Lordmayor auf die Verbrüderung der beiden Nationen ausbrachte, pries dieser den Geist der Toleranz, der in England zwischen den Bekennern aller Religionen herrsche. Er sei glücklich, so sagte er, deshalb auch in diesem Kreise den ehrwürdigen Chiefrabbi der englischen Juden begrüßen zu können. Hoffentlich haben die Herren Pastoren diese Lektion verstanden. flus der Lrrttnrr Gemeinde. 8. Berlin, 15. Juni, ie heutige Sitzung der Repräfentanten-Verfammlung brachte nach einer kurzen geschäftlichen Mitteilung, in welcher der Krankenhausvorstand um tunlichste Beschleunigung des Krankenhausneubaus bat, an erster Stelle der Tagesordnung die bereits für die vorige Sitzung erwartete allgemeine Debatte über die Petition des „Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums". Der Referent Geheimrat Senator berichtete, daß es sich hierbei um eine bereits vom Juni 1907 datierte, sehr ausführliche Petition handle. Er bezeichnete den Namen des Vereins als unzutreffend, weil nach seiner Ueberzeugung der größte Teil der Mitglieder desselben mit einer Menge von Ueberlieferungen gebrochen hätte, die früher als unantastbar und heilig gegolten haben. Der Verein hat, wie Referent weiter ausführte, in zwei -Eingaben darzulegen versücht, daß die Gemeindebehörden durch Abschaffung von allerlei Gebräuchen bewußt oder unbewußt darauf ausgehen, die Grundlagen des Judentums zu zerstören und auf diese Weise den Untergang desselben herbeizuführen. Seine Wünsche hat der Verein in fünf Punkten niedergelegt. Er verlangt: 1. Die Einsetzung eines Rabbinatskollegiums mit tunlichster Beschleunigung vorzunehmen, welches in Lehre und Leben den Stand-