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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 288 (sequence 14)
Language
German
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„Wie das Gesetz Moses", wiederholten die Frauen heiser. Da kam Bloomah ein rettender Gedanke. „Wie das Gesetz Moses! Pah! Seht Ihr nicht, daß dies von den Meschumodim geschrieben ist?" Die Frauen schienen bestürzt zu sein, und eine tiefe Stille verbreitete sich plötzlich unter ihnen. Wenn dieser Aufruf wirklich von den Abtrünnigen ausging, konnte er ja nur satanische Lügen enthalten. Bloomah wußte den Augenblick geschickt zu benutzen. „Geht nach Hause, ihr Narronim!" rief sie ihnen von ihrem seltsamen Sitze herab zu. Dann wandte sie sich an die hinter dem hohen Gittertor lärmenden Kinder. „So seit doch stille, ihr albernen Schreihälse. Wirklich, Golda Benjamin, ich schäme mich Deiner. Wie kann ein Mädchen Deines Alters sich so benehmen? Laß Deinen Aermel herunter, Du kleines schreiendes Baby!" Bloomah würde die Ehre des Tages gerettet haben, wenn nicht ihre Rede die Aufmerksamkeit der Polizisten so auf sich gezogen hätte, daß sie es darüber übersahen, wie einige der aufrührerischen Frauen ihre Männer von der Arbeit geholt halten, um ihnen zu helfen, und wie diese sich mit Stemmeisen daran gemacht hatten eine Seitentüre des Spielplatzes zu erbrechen. Sie. flog auf, und in demselben Augenblick stürzten die Weiber kreischend in den Schulhof, um ihre Kinder heraus zu holen. Der Polizist setzte Bloomah schleunigst nieder und eilte so schnell wie er konnte ebenfalls mit seinen Kameraden auf den Schulhof, weil sie fürchteten, daß man einen Angriff auf Fenster und Türen des Schulhauses machen würde. Der große Spielplatz war ein wildes Durcheinander, erfüllt von Eltern, Kindern, den Polizisten und den Lehrern, .die alle durcheinander gestikulierten und lärmten. Indessen verlief sich der Schwarm sehr rasch. Die Polizisten konnten die Eltern nicht daran verhindern, ihre Kinder freudestrahlend .an das Herz zu drücken und sich dann so rasch wie nur möglich mit ihnen davon zu machen. Die Kinder, deren Eltern nur gekommen um sie zu holen, benutztem die gute Gelegenheit ebenfalls, schnell davon zu lausen, einige aus wirklicher Angst, andere, weil es sie amüsierte, und in wenigen Minuten lag der Schulhof leer und wie ausgestorben da. Das Schulkollegium berief eine besondere Sitzung, um zu überlegen, was inan diesem unerwarteten Zwischenfall gegenüber tun solle. Es wurde beschlossen, die Schule für ein paar Tage zu schließen, bis sich die Gemüter beruhigt haben würden. Rote Zeichen — schwarze Zeichen galten nicht für diesen Tag. Die Schulwoche endete also mit dem Donnerstag. Der nächste Montag sah Bloomah — die glücklichste ihrer vor Freude strahlenden Kameradinnen, auf ihrem gewohnten Platze in der Klasse. An der Wand des Schulzimmers leuchtete das rote Banner. Litersrilche Mittrttungm. — Vor Jahren erzählte mir eine Glaubeusgenoffin, was sie über den Talmud gelesen hatte; es war so naiv, daß ich dazu lächeln mußte. Dieses bemerkend., fuhr sie fort: „Sie lächeln, nicht-wahr, der Talmud hat gar nicht gelebt, man spricht nur so von ihm, etwa wie von jenem Magyaren Mikosch, dem man alle Eigentümlichkeiten seines Volkes andichtet, der aber in Wirklichkeit auch nie existiert, hat?" Da mußte ich an jenen Mönch denken, der seine Polemik gegen den Talmud mit den Worten begann: „lkt narrat Ilabbinus Talmud.“ Man wird diese beideü Beurteiler jenes Riesenwerkes als typisch betrachten können. Die. meisten Juden wissen gerade so viel und so wenig über: das Werk, däS.die wenigsten vielleicht einmal gesehen haben, wie die meisten Christen. Solchen Beurteilern des Talmud möchte I. Gossel mit seiner soeben erschienenen Schrift: „Was ist und was enthält der Talmud?" (Kauffmann-Frankfurt a. M., 78 Seiten) begegnen. Auf den ersten sieben Seiten des Buches beantwortet der Verfasser die Frage „was ist", auf den übrigem Seiten ,-was enthält der Talmud". — Man wird jedoch fehl gehen, wenn man glaubt daß in den 70 Oktavseiten der'Inhalt der zahlreichen Folianten auch nur in gedrängtester Kürze dargestellt sei. Das war Gossels Absicht gar nicht; er wollte nur zeigen, und zwar nicht dem Wissenschaftler, der zu den Quellen gehen kann, sondern dem Laien, der noch gar nichts vom Talmud weiß, welcher Geist das Werk — das viel geschmähte — erfüllt. Das ist ihm aufs schönste gelungen, indem er unter Benutzung zahlreicher Vorarbeiten, wie er im Vorworte andeutet, mit wahrem Bienenfleiße die markantesten Gedankensplitter gruppenweise zusammengestellt hat, welche die Gelehrten bei' der Besprechung der verschiedensten Gegenstände haben fallen lassen. Hinter meiner Wohnung liegt ein großer Bauplatz. Die Zimmerer haben ihn eben abgeräumt; da erscheinen Arme, die Späne auszusammeln. Sie häufen sie in zwei Gruppen. Hier liegen die an krankhaften Holzteilen abgehauenen Stücke, sie bilden den kleineren Haufen, dort liegen auf einem großen Haufen die gesunden Holzstücke. Wer nach diesen beiden ungleichen Spänearten die Güte des Holzes, das hier bearbeitet wurde, beurteilen wollte, müßte zu ganz entgegengesetzten Resultaten kommen, ohne daß er von der Größe der Hölzer und dem stolzragenden Baue, den man damit aufgeführt, sich eine Vorstellung zu konstruieren vermöchte. Gewiß läßt der Span einen Schluß auf die Beschaffenheit des Holzes zu. von dem er gehauen ist; wer aber nach einem Knorren oder Knubben, die man ihm in die Hand gibt, das Holz beurteilen will, der muß zu einem schiefen Urteile kommen. Mit der Beurteilung von Menschenwerken geht'.s ebenso. Kein Menschenwerk ist frei von Knorren und Knubben, auch der Talmud nicht, denn er ist ein Menschenwerk. So finden wir auch im Talmud hier und da einmal ein hartes Wort, das einem Debatter entfahren ist. Der Protokollführer hat es gewissenhaft niedergeschrieben; allerdings auch die gegenteilige Aeußerung anderer hat er festgehalten. * Gossel hat die gesunden Späne zusammengetragen, es ist eine stattliche Menge, die im Nu ein hellohendes, begeisterndes Feuer zu erzeugen imstande sind. Er hat gewissenhaft die Quellen bezeichnet, " das macht sein Buch wertvoll. ' . Doch möchte ich nicht gesagt haben, daß ich jedes Wort Gossels unterschreiben würde. Er scheint die Meinung früherer Pilpulisten stützen zu wollen, welche den Talmudlehreru eine gewisse Sehergabe beilegen und ihre harmlosesten Aeußerungen gern auf Erfindungen und Entdeckungen späterer Jahrhunderte beziehen möchten. Wenn beispielsweise Gossel Seite 52 und 53 „den Ursprung des von Franklin erfundenen Blitzableiters schon im Talmud sucht", so gestatte ich mir anderer Ansicht darüber zu sein. „Das. Legen von Eisen zwischen^.Küchlein" wird ausdrücklich als eine heidnische Sitte bezeichnet; es beruhte gewiß nicht auf wissenschaftlicher Beobachtung und Erforschung, sondern ist vielleicht in das bei heidnischen Völkern beliebte Gebiet der Magie zu verweisen. Ebensowenig kann ich Gossel zustimmen, wenn er die Andeutung von Telegraphie schon im Talmud erblicken will. Möglich, daß Talmudlehrer schon wertvolle Beobachtungen über die Wirkung des Magneten machten, Wissenschaft lich ausgebentet haben sie sie nickt. Will man aber absolut das Wort unserer Alten „Es steht alles darin!" zur Wahrheit werden lassen, so möchte ich auf eine noch ältere Quelle, nämlich auf Ps 19, 4—5 verweisen; dort scheint nicht nur vom Telegraphen, soyderu auch schon vom Telephon die Rede zu sein. Diese und andere Aussetzungen, die ich noch machen könnte, sollen der Schrift nicht Abbruch tun; ich durfte sie äußern, weil das gut gemeinte Ganze darunter durchaus nicht leidet. Das Büchlein wird seinen Zweck erfüllen, vielen dürfte es willkommen sein; es mag sich seinen Platz erobern. . Ern. Gold schm idt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin:

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