Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 287 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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haben soll". Diese Tradition mag in Raschi zu 1. Könige 10,13 wurzeln. Die Quelle habe ich leider trotz eifrigen Suchens nicht gesunden. Vielleicht hat ein freundlicher Leser dieser Zeitschrift mehr Glück. Und der redliche Finder möge sich melden. > i W 1T111 Ghktto-IkLmödlen. Das rote Zeichen. Von I. Zangwill. III. n der andern Seite des Tores lärmten die Kinder, die während der Mittagspause im Schulhofe spielen durften; sie schrien, weinten und versuchten, zu ihren Müttern zu kommen. Einige heulten laut, sie hatten einen Aermel aufgerollt, um ihren Oberarm zu zeigen. „Seht, seht," riefen die Weiber, „die roten Zeichen. O diese Giftmischer!" Da ging Bloomah Plötzlich ein Licht auf. Offenbar hatte der Schulvorstand Aerzte geschickt, um eine Zwangsimpfung sämtlicher Schülerinnen vorzunehmen. „Ich will nicht sterben," sagte ein dralles, goldhaariges Mädchen, „ich bin zu jung, um schon zu sterben." „Mein kleines Lamm stirbt", klagte eine nahe bei Bloomah stehende Frau, deren kastanienbraunes Haar sich unter ihrer schwarzen Perücke hervordrängte, händeringend. „Ich höre sie immer und immer nur von dem roten Zeichen sprechen. Nun haben sie es ihr gegeben. Sie ist vergiftet, o mein kleiner Augapfel." „Ihrer Kleinen ist nichts geschehen," sagte Bloomah beruhigend) „man hat sie nur geimpft." . Die Frau hielt sich an das Wort, das sie verstanden. „Impfen, impfen", wiederholte sie. Dann fiel sie in den jüdischen Jargon zurück, streckte die Arme gen Himmel und rief: „O, möchte sie alle ein jäher Tod treffen." Bloomah .wandte sich verzweifelt um, in der Hoffnung eine Frau zu finden, die keine Perücke trug. Sie entdeckte eine solche neben sich. „Können Sie es ihnen nicht erklären, daß die Aerzte ihren Kindern wirklich kein Leid zufügen wollen?" frug Bloomah. „O, wollen sie das wirklich nicht? Lies nur mal, was hierauf steht." . Sie reichte ihr ein Flugblatt, das einen Aufruf enthielt, der auf der einen Seite in englischer und auf der anderen Seite in jüdischer Sprache gedruckt war. Bloomah las die englische Seite nicht ohne Bewegung: „Ihr Mütter, habt acht auf Eure Kinder! Die Schultyrannen haben den teuflischen Plan ersonnen, widrige Lymphe in ihre unschuldigen Adern einzuimpsen. Haltet sie lieber ganz aus der Schule zurück, ehe Ihr es zugebt, daß man sie vergiftet, um die Aerzte zu bereichern." Es folgten statistische Angaben, vor denen selbst Bloomah erschrak. Es war kein Wunder, wenn die Flüchtlinge der Länder, in denen man die Juden verfolgte, glaubten, daß sie vom Regen in die Traufe gekommen feien. Das Gerücht, daß die die gefürchtete Operation vollziehenden Aerzte mit ihren Instrumenten in die Schule gedrungen seien, verbreitete sich mit Windesschnelle durch das ganze Viertel und erregte die orientalische Phantasie seiner Bewohner bis zur halben Tollheit. - Während Bloomah las, war eine Frau, deren Kopf mit einem Tuche umhüllt war, ohnmächtig geworden, wodurch die allgemeine Aufregung noch gesteigert wurde. „Aber ich bin doch selbst früher geimpft worden, und ich bin doch ganz gesund dabei geblieben", murmelte Bloomah, sich selbst Mut einsprechend. „Mein Arm! Man hat mich vergiftet!" ries ein auf dem Schulhofe sich befindliches Kind und stürzte sich leidenschaftlich auf das Tor. Die draußen stehenden Frauen beantworteten den Ruf mit einem dumpfen, zornigen Murren und rüttelten leidenschaftlich an dem festverschlossenen Tor. Ein auf den Spielplatz gehendes Fenster der Schule wurde rasch in die Höhe gezogen, und die Oberlehrerin erschien daran und suchte sowohl die Kinder wie die draußen stehenden Mütter zu beruhigen; aber in dem allgemeinen Lärm hörte und verstand man ihre Worte nicht, und ein polnisches Weib drohte ihr mit der Faust. „Du elende alte Jungfer — ohne Kinder — ohne Erbarmen." Schrille Pfeifentöne erklangen plötzlich von allen Seiten, und etwa acht kräftige Polizisten drängten die Belagernden zurück und versuchten sich zwischen die lärmenden Weiber und das Schultor zu schieben. Ein dicker und freundlich aussehender Polizist, der seinen Stab drohend erhoben hatte, kam an Bloomah vorbei. „O, tun Sie den armen Frauen nichts," bat ihn Bloomah, „sie glauben allen Ernstes, daß man ihre Kinder vergiften wolle." „Ich weiß, Fräuleinchen. Aber was läßt sich gegen solche Dummheit machen! Warum bleiben sie nicht in ihrem eigenen Lande? Ich bin selbst geimpft worden, und es ist kein Vergnügen, mit dem geschwollenen Arme in diesem Menschengewühle hin und her gestoßen zu werden." „Aber so zeigen Sie ihnen doch die roten Male, das wird sie beruhigen." Der Polizist lachte. Ein Polizist mit aufgekrempeltem Aermel, das würde ihn seiner Würde und seines Prestiges berauben. „Dann will ich ihnen die meinen zeigen", sagte Bloomah entschlossen. „Sie sind freilich schon verblaßt und nicht sehr auffallend, aber vielleicht wird es doch genügen. Bitte, nehmen Sie mich auf den Arm — ich meine, auf den nicht geimpften Arm." Ihr Ernst hatte so etwas Ueberraschendes, daß der Polizist sie ohne weiteres aus seine mächtige Schulter setzte. Diese Handlung zog plötzlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich; aller Augen wandten sich auf Bloomah. „Ihr Narrorim <Narren)", rief sie, mit verzweifelter Anstrengung sich der ihr weniger geläufigen jüdischen Ausdrücke bedienend. „Eure Kinder sind ganz sicher. Ich bin selbst geimpft worden. Seht nur!" Sie rollte ihren Aermel in die Höhe. „Der Polizist ist auch geimpft worden. Seht, es schmerzt ihn, wenn ich seinen Arm berühre." „Hallo, vorsichtig, Fräuleinchen", sagte der Polizist, schmerzlich das Gesicht verziehend. „Der König wurde geimpft," fuhr Bloomah fort, „die Königm, der Prinz von Wales, ja und sämtliche Lehrer und Lehrerinnen. Es gibt da drinnen keine Teufel. Dieses Papier", sie hielt das Flugblatt in die Höhe, „enthält nur Lügen und Falschheiten." Sie zerriß es in viele Stücke. „Nein, es ist so wahr wie das Gesetz Moses," erwiderte ein Mann aus dem Volke.