Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 286 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Mensch war der verstorbene Gelehrte, gutmütig, liebenswürdig und rührend bescheiden. Es wäre verkehrt, den Menschen Glaser von der Art seiner wissenschaftlichen Polemik aus zu beurteilen. Da war er heftig und oft maßlos; denn er war bis ins Innerste verbittert, daß ihm, dem anerkannten Gelehrten, dem bahnbrechenden Forscher,'die äußeren wissenschaftlichen Ehren, als Professur und Akademiemitgliedschaften, versagt blieben, und daß man andere die Früchte seiner Vorarbeiten einheimsen ließ. Wir erinnern nur an feine langjährige Polemik mit Professor Dr. D. H. Müller in Wien. Hoffentlich wird die Wiener Akademie jetzt nach dem Tode Glasers dieses ihres bedeutenden Landsmannes gedenken und die Herausgabe seines - großen wissenschaftlichen Nachlasses übernehmen. Wie ich eben erfahre, hat bereits eine Anzahl von Abgeordneten in Form einer Interpellation im österreichischen Reichsrat die Negierung aufgefordert, sich mit Professor Hommel in München, der den Nachlaß Glasers verwaltet, ins Einvernehmen zu setzen, um die nachgelassenen Schriften Glasers zu erwerben und zu veröffentlichen. Sein Andenken wird in der Wissenschaft sortleben. L. M. Von dm Fslälchss. Von Rabbiner Dr. Emanuel Schwartz-Prag. 4 n der vorletzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" berichtet die Alliance Israelite Universelle übe rden freundlichen Empfang, welcher der von ihr zur Erforschung der Falaschas, ihres Ursprungs, ihres religiösen Schrifttums, ihrer Riten und Bräuche, ausgerüsteten Expedition bei dem Negus Menelik zuteil wurde. Seit der Rückkehr des Herrn Jaques Faitlovitsch aus Abessinien, wohin er im Jahre 1904 im Aufträge des Baron Edmund von Rothschild gegangen war, ist das Interesse für unsere schwarzen Brüder wieder einmal wachgerufen worden. Es ist nun bei dieser Gelegenheit gesagt worden, daß S. D. Luzzattos leider allzufrüh verstorbener Sohn Ohew-Ger (Philoxene) sich bemüht hatte, mit den abbessinischen Juden in direkten Verkehr zu treten und daß die von dem französischen Forschungsreisenden Antoine d'Abbadie übermittelte Antwort der Falaschas in vielen jüdischen Zeitungen vom Jahre 1851 veröffentlicht wurde. Leider habe ich beide Schriftstücke nicht finden können. Entschieden falsch aber ist es, wenn — ich glaube — in dem Januar-Heft der „Mitteilungen der Israelitischen Allianz in Wien" Professor Dr. Felix Rosens Werk „Eine deutsche Gesandtschaft in Abessinien" angezeigt wird mit dem einleitenden Satze: „Ueber diese (die Falaschas) dein Judentum angehörenden Aethiopier, auf welche zuerst vor 40 Jahren der Orientalist I. Halövy in Paris die Aufmerksamkeit gelenkt." Schon vor 60 Jahren hat Samuel David Luzzatto ein Schreiben an den Lehrer Abba Jsak in Abessinien gerichtet, in welchem er sich Bescheid über die Falaschas erbittet. Das Schreiben ist datiert vom 19. Mai 1847 (fnnn '2) und befindet sich in Luzzattos gesammelten Briefen (Band VH, Seite 1027; Nummer CÖ XVIII), herausgegeben von Eisig Gräber. Krakau 1891. Die Ueberschrift lautet: 22NN *1122^ p«2 '22 wmb mm 2« ,2N2' X28 ir 21^1112*12 w2n Auf eine kurze Einleitung, in welcher der Briefschreiber seiner großen Freude Ausdruck gibt über die ihm gewordene Kunde, daß auch in Abessinien ge seßestreue Israeliten leben folgen 12 Fragen-um deren freundliche Beantwortung Luzzatto den Abba Jsak ersucht, j Die 12 Fragen mögen hier in tunlichst treuer Uebertragung aus dem Hebräischen ihren Platz finden. 1. Zunächst möchte ich von Dir die Bedeutung des Namens „Falascha" erfahren und -von wo dieser Name zu Euch gekommen ist. 2. Zweitens frage ich Dich: wann sind die. Israeliten, in Abessinien eingewandert? 3. Drittens frage ich, ob die Juden nach Abessinien auf einmal oder sukzessive gekommen undob sie dort in großer oder geringer Anzahl eintrafen? 4. Viertens wollte ich wissen, ob die Juden in Abessinien ein eigenes Reich hatten, wann sie die Herrschaft eingebüßt haben und seit wann Fremde über Euch regieren, ob es noch ein Fleckchen Erde in Eurem Lande gibt, wo Juden herrschen und wie es Euch nunmehr ergeht: Lebet Ihr im Frieden mit den Nachbarvölkern, sind diese Euch freundlich oder feindlich gesinnt? 5. Ich bin begierig zu hören, welche Sprache Ihr redet. Ist es die heilige Sprache, in der die Bibel geschrieben ist, oder etwa eine andere? Vielleicht möchtest Du mir einen Abschnitt in beiden Sprachen abschreiben, in der heiligen und in der Landessprache. & Teile mir mit, wann die Neugeborenen beschnitten werden und ob es denn wahr sei, daß Ihr auch an Mädchen die Circumcision vornehmt? 7. Nenne mir doch die Zahl und die Namen der Monate. Wieviel Tage zählt jeder Monat? Sind alle Jahre und alle Monate gleich lang, oder kennet Ihr ein Schaltjahr und unterscheidet Ihr zwischen längeren und kürzeren Monaten? 8. Laß mich doch wissen, welche Feste Ihr begehet, ferner den Monat und Tag. an welchem Ihr feiert. Welches sind Eure Fasttage zur Erinnerung an die Leiden, welche unsere Väter in der Vorzeit Tagen getroffen haben? 9. Auch möchte ich Dich fragen, ob Ihr die Thora und die Propheten in der Ursprache besitzet; wieviel Prophetenbücher und sonst heilige Schriften Ihr habt und was sind ihre Namen? 10. Tue mir kund, ob Ihr außer der Thora und den Propheten noch andere Bücher kennt und ob Ihr Gebetbücher habt. 11. Ich bitte mich zu verständigen, ob Ihr an den Messias glaubt, das ist der Erlöser, der die Versprengten Israels von allen vier Enden der Erde sammeln und uns zurückführen wird in das heilige Land, in das Land unserer Väter. 12. Endlich frage ich dich, ob alle in Abessinien wohnenden Juden den Namen „Falascha" tragen, oder gibt es dort Juden mit anderen Namen. Habt Ihr alle einen Glauben und eine Lehre, oder.gibt es unter euch verschiedene Sekten mit abweichenden Riten? Der Brief enthält am Schluffe die Bitte, durch den Ueberbringer des Schreibens die Antwort auf die zwölf Fragen schicken zu wollen und erinnert in seiner ganzen Anlange an das Schreiben, welches Chisdai Jbn Schaprut im zehnten Jahrhundert an den jüdischen Chazarensürsten Josef gelangen ließ. Bei Professor Rosen heißt es übrigens nach den „Mitteilungen" : „Ihrer eigenen Tradition nach sind die Falaschas Nachkommen eingewanderter Juden, die. Menelik, der Söhn Salomos und der Königin Saba, aus Palästina mitgebracht