Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 285

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 285 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228798-3228823--64602-3276673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

viel — aber nicht zur Befriedigung des ursprünglichen Besitzers publiziert. Er selbst hat aber sein Korpus altjemenischer Inschriften als maßgebendster Südarabist so wohl vorbereitet, daß. eine Herausgabe auch nach, seinem Tode der. Welt den vollen Begriff von seiner Bedeutung geben, kann. Aber was jetzt schon durch andere und seine Teil-Publikationen seiner Inschriften, wofür er sich zuletzt eines eigenen Organs im Selbstverlag der „Altjemenischen Nachrichten" bediente, bekannt ist, gibt uns schon eine Idee von dem alten Saba-Reich. ' Erst Glaser hat auch die von Arnaud bereits gesehenen Ruinen des Haram Bilkis, des Palastes oder Tempels einer sagenhaften Königin Bilkis, die als die aus der Geschichte Salomos bekannte Königin von Saba gilt, richtig ausgenommen. Das alte sabäische Reich lag ungefähr 300 Kilometer nördlich von dem modernen Aden; seine Hauptstadt war Marib, das Mariaba Strabos. Inschriften und andere Funde zeigen, daß die Einwohner auf hoher Kulturstufe standen. Eine Dynastie von Perserkönigen (Makarib) hat ursprünglich hier geherrscht, der später weltliche Könige folgten; die Inschriften haben die Namen beider bewahrt. Glasers Chronologie läßt die Makrais von 1050 bis 820 v. Ehr. regieren. Eine Fülle von Publikationen Glasers, darunter starke Bände, haben ^Einzelheiten aus seinen Studien- und Forschungsreisen der gelehrten Welt geboten, darunter „eine Skizze der Geschichte und Geographie Arabiens von den ältesten Zeilen bis zu Mohammed" (II. Band 575 S>; vom ersten Band ist nur eine Lieferung gedruckt); „die Abessinier in Arabien und Afrika" (211 S.); „Mitteilungen über sabäische Inschriften". Mehrere Publikationen beschäftigen sich mit dem Weihrauchland Sokatra, dem Goldland Purt und Ophir, mit dem semitischen Ursprung des Wortes „Kirche" und viele mit sprachlich-dialektischen Eigentümlichkeiten der^von Glaser gesammelten Inschriften. Glaser war als Arabist und als Reisender der denkbar zuverlässigste Forscher. Neben seinen großen Werken zur Geschichte, Sprache und Topographie Südarabiens, seinen zahlreichen Beiträgen, die in Petermanns Monatsheften, den Mitteilungen der Wiener Akademie, in der „Academy" erschienen sind, hat er Hunderte von kürzeren Arbeiten in der wissenschaftlichen Beilage der Münchener Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, die, wenn es irgend angeht, gesammelt veröffentlicht werden sollten. Glasers Lebenswerk hat uns in die Urgeschichte Südarabiens, in die Religionsgeschichte vieler semitischer Völker, in die Geographie der von ihnen beherrschten Länder die tiefsten Einblicke gewährt. Die Orientforschung hat in ihm einen Gelehrten von verblüffend großem Wissen verloren. Seine Arbeiten sind teilweise natürlich auch für die jüdische Religionsgeschichte interessant; er war es, der die Identität der Paradiesflüsse Gichön und Pischon mit den zwei großen zentralarabischen Wadis, die Lage des Goldlandes Ophir im östlichen Arabien feststellte, über die Kleidung des Hohepriesters (in der Orientalistischen Literaturzeitung vor zwei Jahren) über das Wort bim (in seinen „Altjemenischen Nachrichten") interessante Untersuchungen anstellte. Dem orthodoxen Judentum stand Glaser indifferent gegenüber; doch sprach er niemals anders als mit Widerwillen von der Möglichkeit eines Glaubenswechsels, obwohl ein solcher ihm, der mit schweren Sorgen zu kämpfen hatte, sicher sehr förderlich hätte sein können und alle Ehren eingebracht hätte. Er verleugnete niemals sein Judentum, ausgenommen in Arabien, wo er seiner Sicherheit und des wissenschaftlichen Zweckes halber, den er sonst nicht hätte erreichen können, sich zeitweise als Muselmann ausgehen mußte. Er war ein Ehrenmann und ein gutherziger Mensch. Mit heißer Sehnsucht erfaßte er den Plan, ein Zentrum für alle unglücklichen und vertriebenen Juden im Orient selbst zu schaffen. Er hätte es. als die Krönung seines Lebensgebäudes angesehen, wenn es ihm . gelungen wäre, diesen Plan zu realisieren. - Das treffendste über ihn hat derberühmte Orientalist Professor Dr. Hommel an seinem Grabe gesagt: „Was Eduard Glaser feinen Freunden war, das wissen die am besten, denen er näher stand und die heute trauernd um sein offenes Grab hier versammelt sind; ich bin zu bewegt, um das hier im einzelnen auszuführen und fasse es zusammen in die Worte, die unser großer Dichter und Orientalist Friedrich Rückert vor 63 Jahren auf den Tod seines Verlegers gedichtet und den Totenliedern der Hamasa beigegeben hat. Diese Worte lauten mit leiser Aenderung der zwei letzten Zeilen: „Verbleichte Gräberschrift zu lesen müht' ich mich, Als mir die Kunde kam: ein lieber Freund erblich. Noch lebt in meiner Brust dein liebevoller Blick, Doch dich hat hingerafft frühzeitiges Geschick. Trost sei den Deinigen, dir Friede sonder Schmerzen, Du lebst im Lichte dort und hier in unseren Herzen. Oder, wie es eine südarabische Inschrift poetisch ausdrückt, „den Morgenglanz seines Auges und die Sprache seines Herzens" — sabchat aini-su \va sikir libbi-su — das heißt: sein fortlebendes Andenken befahl er nebst den Seinen der Gottheit. Was aber meine Pflicht ist, an diesem Grabe etwas näher auszuführen, sind des Verstorbenen große und unbestrittene Verdienste um die Wissenschaft. Auch hier sollen arabische Laute, die Verse eines Beduinendichters, der vom gleichen Rückert so meisterhaft verdeutschten Hamasa, uns die Stimmung angeben: „Der den Tod des Freundes euch ansagt, läßt die Stimm' erschallen laut, indem er ausruft: „Euer Ritter ist gefallen." Ja, werte Fachgenossen, taiisu-kum hawa, euev Ritter ist gefallen! Der uns voranzog, indem er hoch hielt das Banner der Wissenschaft, als ein Fürst und Held im Reiche des Geistes. Seit den letzten fünfzehn Jahren war er der Mittelpunkt der hiesigen Semitisten, sowohl der Lehrer als der Schüler, die beide von ihm die reichsten Anregungen empfingen; in der Münchner Gelehrtengeschichte würde ein wichtiges Blatt ohne seinen Namen fehlen. Aber über München hinaus ging über die ganze Gelehrtenwelt hin sein Einfluß. Wie er unser Mittelpunkt war, so war, das darf ohne Uebertreibung gesagt werden, München durch ihn und seine von ihm begeisterten Fachgenossen der Mittelpunkt der südarabischen Wissenschaft in den letzten anderthalb Jahrzehnten für ganz Deutschland. Glaser war nicht bloß der Sammler von weit über 1000 neuen Inschriften, die er auf vier gefahrvollen Expeditionen teils im Original,, teils in getreuen Abklatschen und Kopien, herausgebracht, er war auch ihr genialer Erklärer. Die Bedeutung dieser alten Texte reicht, wie er zum erstenmal nachgewiesen, weit über das engere Gebiet Südarabiens hinaus. Glaser verknüpfte durch seine minäischen Studien die arabische Jnschriftenforschung mit Mose, dem Stifter der mosaischen Religion, dem Hirten aus dem Land Midian, dem späteren Gesetzgeber. Und das gab wieder für andere Forscher den Anlaß zur Verknüpfung dieser Studien mit Hammurabi, der dem Blut und der Abstammung nach sich als Araber erwies. Kein Zweig der weiten semitistischen Studien ist heute ohne Berücksichtigung der Sabäistik zu betreiben, und daß das so ist, ist wieder in erster Linie das Werk Eduard Glasers. Das Leben dieses kühnen und darum auch viel angefeindeten Streiters, das den äußeren Erfolgen nach zunächst wie eine Niederlage anmutet, ist in Wirklichkeit ein Sieg. Was kann man einem Gelehrten Rühmenderes Nachrufen. als daß er der Wissenschaft neue Bahnen gewiesen? Das hat Glaser in eminenter Weise getan und wird es weiter durch, seinen wissenschaftlichen Nachlaß tun, wenn längst seine irdischen Reste zu Staub zerfallen sind. Drum gebührt ihm wie wenigen dieser Lorbeerkranz, den ich tiefbewegt als Zeichen unserer Liebe und Treue und mit dem Gelöbnis, sein Andenken in steten Ehren zu halten, hier niederlege. Leb wohl, teurer Freund, und Hab Dank für alle Liebe und Anregung: wir werden Dich nie vergessen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.