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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1908-06-12 · Heft 24 (12.6.1908) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
72 (1908)
Issue
Heft 24 (12.6.1908)
Date
1908-06-12
Page
Seite 283 (sequence 9)
Language
German
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gewiesen, auch wenn sie sonst sich nichts zuschulden kommen lasten. Die israelitische Gemeinde in Offenbach ist dadurch vor Aufgaben.gestellt, die an Schwierigkeit wohl einzig dastehen. Man bedenke nur, daß die ausländischen 150 Prozent der einheimischen Mitglieder ausmachen. — Aus eigener Kraft würde Offenbach gar nicht imstande sein, die dadurch entstehenden Aufgaben und Ausgaben auf seine Schultern zu nehmen. Das wird in Frankfurt, sowohl von den Privaten, wie auch von den Vereinen, bis zur äußersten Tragweite anerkannt. Die Kolonie der russisch-galizischen Juden in Offenbach wird von den Frankfurter Wohltätigkeits-Faktoren als eine'größtenteils Frankfurter Angelegenheit betrachtet und behandelt. Einer der energischsten Vertreter dieser Anschauung war der edle Hallgarten, dessen Heimgang auch für diese humanitäre Aufgabe eine kaum auszufüllende Lücke bedeutet. Neben der ökonomischen Not, welche bei diesen Opfern der traurigen politischen und sozialen Verhältnisse ihres Vaterlandes naturgemäß vorhanden ist, herrscht bei denselben, teils als Begleiterscheinung, teils als Ursache oder als Folge der ökonomischen Lage, eine kaum beschreiblich traurige geistige Not, ein Tiefstand des intellektuellen und moralischen Niveaus. — Die wenigsten können deutsch schreiben, lesen und rechnen; noch weniger beherrschen sie das Russische, denn ihre Muttersprache ist der Jargon. Viele können selbst die jüdisch-deutsche Kurrentschrift nicht, so daß ihnen jedes Mittel schriftlichen Verkehrs fehlt. Von den anderen Bildungselementen der deutschen Volksschule: Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Physik usw. ist natürlich keine Rede. Der ganze Inhalt ihrer geistigen Tätigkeit sind die halbverstandenen Brocken der sozialistischen Theorien. Zu dieser traurigen Bildungslage gesellt sich ein jammervoller gesellschaftlich-moralischer Notstand. Schlechte, enge Wohnungen; im Winter mangelhafte Heizung und Beleuchtung usw. beeinträchtigen das Familienleben. Die deutsche Gesellschaft ist ihnen fast ganz verschlossen; das Mitleid ist die größte Schrankedes gesellschaftlichen Verkehrs. Aus sich selbst beschränkt, verfallen sie ins Kleinliche. Es fehlt die Erfüllung des Geistes mit einem edleren Inhalt. Die einzelstehenden Jünglinge und Mädchen sind für die freie Zeit auf Wirtschaften angewiesen, wo oft der Alkohol- und der Spielteufel lauern. Durch den Mangel an Gelegenheit zur Fortbildung scheint dieser traurige Zustand in Permanenz erklärt zu sein. So haben wir hier in Offenbach einen Kreis von Glaubensgenossen, IV2 mal so groß als die Stammgemeinde, der aus eigener Kraft kaum daran denken kanry sich ans der moralischen und intellektuellen Tieftage zu erheben. Aus dem Gefühl dieses Jammers heraus habe ich es unternommen, durch ein „Fortbildungsheim" den Weg zum Bessern zu bahnen. Das Fortbildungsheim besteht aus zwei Teilen: N 1. Unterrichtsanstalt, 2. Lesehalle. Die Unterrichtsanstalt soll den Mangel der Volksschulbildung ersetzen. Es wird vor allem Deutsch, Lesen und Schreiben und Rechnen unterrichtet. Der Unterricht wird von zwei deutschen, seminaristisch geprüften Lehrern erteilt. Das Nächste, was sich anreihen soll, ist technisches Zeichnen, für welches es mir gelungen-ist, einen Lehrer der Gewerbeschule, Herrn Ingenieur G. Gabriel, zu gewinnen. Nach einigen Fortschritten in diesen Fächern sollen Geographie, Naturgeschichte und Weltgeschichte ausgenommen werden. Mit dem Unterricht geht die Lesehalle Hand in Hand. In freundlichen, einfachen, aber behaglichen Räumen ist hier für die freien Abendstunden ein angenehmer Aufenthalt, sowie unterhaltende und belehrende Lektüre geboten. Es liegen deutsche, russische, polnische, größtenteils aber jüdisch-deutsche politische, belletristische und wissenschaftliche Blätter auf. Das sogenannte Jüdisch-Deutsch hat eine große allseitige Literatur, die vollständig auf der Höhe der Zeit steht. Wenn die Leute erst gut deutsch lesen können^ werden natürlich die deutschen Blätter überwiegen. Der Unterricht wird bereits seit zwei Monaten an 40 bis 50 Schüler im Alter von 15 bis 30 Jahren erteilt. Die Lesehalle wird allabendlich von 7 bis 10, am Sabbat außerdem von 11 bis 1 und von 3 bis 5 Uhr von 60 bis 80 Personen besucht. Was am meisten in Erstaunen setzt, und im Gegensatz zu allen landläufigen Anschauungen über die russischen Juden steht, ist die absolute Ruhe und Ordnung, die geradezu weihevolle Stille und Würde, die im Lesesaal herrscht, auch bei Anwesenheit von 40 bis 50 Lesern. Ich selbst, ja die Russen selber sind davon überrascht. Jeder deutsche Besucher wurde von Rührung ergriffen bei dem Anblicke des Ernstes, mit dem hier arbeitsmüde Menschen sich geistiger Beschäftigung hingeben. In ökonomischer Hinsicht ist unser Fortbildungsheim eine Schöpfung der Frau Baronin Edmnnd von Rothschild in Paris. Diese hochherzige Frau hat mit klarem Geiste die Größe der hier gegebenen Kulturaufgabe sofort erfaßt und durch Frau E. Rosenheim in Frankfurt a. M. mir bereitwilligst die Mittel zur versuchsweisen Etablierung zur Verfügung gestellt. In der Verwaltung des Fortbildungsheims steht mir eine Kommission von fünf Mitgliedern, darunter drei Mitglieder des Gemeindevorstandes, zur Seite, dem Alphabet nach: Herr Lehrer E. Gabriel, „ Rechtsanwalt Dr. Max Goldschmidt, „ Rechtsanwalt Dr. S. Guggenheim, „ Bankier Wilhelm Merzbach, Schatzmeister, und „ Fabrikant Ludwig Rothschild. Das Fortbildungsheim ist seit dem 20. Januar d. I. eröffnet und in Tätigkeit. Es steht also noch im. Stadium des Anfangs, aber der Anfang ist ein so vielversprechender, daß man sich den schönsten Hoffnungen für die Zukunft hingeben darf. Die-Kosten unseres Fortbildungsheims betragen dauernd zirka 4600 Mark, und zwar: Lokal .. 900 Mark Bedienung ....... . 600 ., Reinhaltung. . 300 „ Heizung und Beleuchtung . 400 „ Unterricht.. , 1500 „ Zeitungen ...... , 400 „ Bücher . . .. . 300 „ Diverse ...... . 200 ., Summa 4600 Mark Dazu kommen zirka 1000 Mark als einmalige Ausgabe für Möbel. Neben der Frau Baronin Edmund von Rothschild haben für die Weiterführung unseres Fortbildungsheims der Israelitische Handwerkerverein in Frankfurt a. M. und der Hilfsverein der deutschen Juden namhafte Beiträge gezeichnet. Der Hilfsverein in Frankfurt hat unter Initiative des leider inzwischen Heimgegangenen Hallgarten auch seine Unterstützung in Aussicht gestellt. Bei einer so großen Aufgabe, wo es sich um die moralische und intellekkMlle Hebung einer

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