Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 72 (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 282 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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282 Ghetto New Jorks eine Freude zu bereiten, bereits in nähere Erwägung gezogen hat. Vielleicht schämen sich die Helden der „schwarzen Bande" in Rußland doch ein wenig, wenn sie erfahren, daß,ihre Greueltaten der ganzen Welt imLichtbilde zu Gesicht kommen. Aufklärung und nur Aufklärung kann hier helfen, das Kino-Bild aber ist international, es hat sich bereits die ganze Welt erobert. Benutzen wir alles redlich, was in der richtigen Verbesserung Licht und- Sonnenschein in das Leben unserer Kinder bringen und die Welt über die Juden, wie sie in ihrer echten Gestalt sind, aufklären kann! Andere Kreise, so z. B. die Mission, sind hier längst vorgegangen. Gehen auch wir den Gespenstern des Mittelalters zu Leibe mit Hilfe der modernen Erfindungen. Orthodoxie und Liberalismus. Sehr geehrter Herr Redakteur! a haben Sie in der jüngsten Nummer einen Leitartikel über die Differenzen zwischen Orthodoxie und Liberalismus gebracht und einem Rabbiner das Wort gegeben, der mit großem Scharfsinn und, soweit ich das verstehe, bedeutender Gelehrsamkeit nachwies, daß die Differenz zwischen den beiden feindlichen Brüdern eigentlich nur in einem Wort bestände. Das ist gewiß schön gesagt, aber bei uns hat man es nicht begriffen. Vielleicht weil wir nicht theologisch genug gebildet sind. Es hat ja jeder Jude ein Stückchen von einem Rabbiner an sich und jeder redet über die Religion und religiöse Fragen, als ob er „vom Fache" wäre; aber gerade deshalb sind wir durch die Ausführungen in Ihrem geschätzten Blatte in unserer Gemeinde nicht befriedigt. Denn wir gehen aufs Praktische. Wir sehen den Unterschied zwischen Orthodoxen und Liberalen in der Religionsübung. Die einen „halten" alles, die andern nicht viel oder gar nichts. Aber sie behaupten, immer noch Juden zu sein. Daß man sie jemals wieder dazu bringen könne, im Sinne der Orthodoxen „alles" zu halten, das glaubt bei uns niemand. Aber wenn man sie gewähren läßt und ihnen weiter gestattet, ganz nach ihrem Belieben nicht viel oder gar nichts zu halten, so gehen sie und ihre Kinder ganz sicher dem Judentum verloren. Mögen die Herren Theologen noch so zutreffend das „Wesen des Judentums" schildern, für die Uebung des Judentums ist damit nichts getan. Wer weiß, ob nicht -über „das Wesen des Judentums" im Grunde genommen gar keine Meinungsverschiedenheit besteht und aller Zwiespalt nur auf ein paar „Finessen" hinausläust; aber wo sind die „Ordensregeln", welchen auch die Liberalen sich zu beugen vermögen? Bei uns klagt man beispielsweise auch darüber, daß die Kenntnis der jüdischen Religion, ihrer Lehren und Vorschriften, ihrer Geschichte und ihrer unvergänglichen Bedeutung immer mehr abnehme, daß man vom jüdischen Leben und von einem jüdischen Hause fast nur noch wie von einem Märchen rede, daß unser Gottesdienst die Mehrzahl der Besucher nicht mehr befriedige, unser Gebetbuch ihnen unverständlich sei und nicht in allem ihre Empfindungen wiedergebe. Aber wie soll man's bessern, wie und wo soll man ändern? Muß man nicht denen entgegenkommen, die nicht bloß dem Namen nach Juden sein wollen, die ihr Judentum auch in einer dem Denken, Empfinden und den Lebensmöglichkeiten unserer Zeit entsprechenden Form üben wollen? Man sage nicht, daß diese ihr Judentum'gar nicht betätigen wollen. Denn noch ist ihnen dazu die Gelegenheit, so wie sie wünschen, nicht geboten. . Noch sind alle Versuchedas Judentum in seinem wesentlichen und dauernden Gehalt den unabweisbaren Forderungen, des Fortschritts der Zeit anzupassen, gewaltsam und gewalttätig abgewiesen worden. Freilich so leicht wird es nicht sein, durchzudringen. Das hat man ja beim badischen Gebetbuch erfahren. Aber lag die Schuld nur an dem Widerstand der Orthodoxie? Haben nicht die Liberalen die Vortage zu Fall gebracht, weil sie nur die Orthodoxie befriedigen wollten und nicht daran dachten, daß auch die Liberalen Anspruch auf Berücksichtigung haben, selbst wenn sie in der Minderheit sich befinden würden? Das ist doch keine „Toleranz", wenn man der einen Seite alles gewährt und die andere ganz leer^ ausgehen läßt. Die Orthodoxen mögen das unveränderte Gebetbuch behalten, den Liberalen aber sollte eines in die Hand gegeben werden, das ihrem Standpunkt entspricht. Und so sollte in. allem, was die Uebung der Religion betrifft, die Reform berücksichtigt werden, welche die Zeit und das Leben bewirkt hat und die nimmer zu entfernen ist. Ob die Liberalen neuen oder besser gesagt abgeänderten „Ordensregeln" sich fügen werden? Man spricht gegenwärtig soviel vom „Willen zum Judentum". Solange dieser bei den Liberalen noch nicht geschwunden ist, wenn dieser zur Gründung einer liberalen Vereinigung geführt hat, so ist doch wohl zu hoffen, daß er die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen überwinden und unter Verzicht auf die persönliche Bequemlichkeit und gewisse Sondermeinungen und Sonderwünsche einer einheitlichen Ausgestaltung des liberalen Judentums in seinen äußeren Formen den Weg bahnen wird. Ist das nicht auch eine Meinung, die sich hören lassen darf? Wenn Sie, geehrter Herr Redakteur, das glauben,' so lassen Sie damit in Ihrem geschätzten Blatt zu Wort kommen Ihren Mayer Mayer. Lin LortbNdungsheim kür die rulülchen Juden. Von Dr. I. Goldschmidt-Offenbach a. M. ie russischen Pogrome und die preußische Ausweisungspolitik haben der Nachbarstadt von Frankfurt a. M., Offenbach a. M., eine ganz exzeptionelle Stellung in der Geschichte der jüdischen Emigration zugewiesen. In Offenbach a. M., wo die Deutschen der Israelitischen Gemeinde 1000 bis 1200 Seelen zählen, haben sich seit einer Reihe von Jahren zirka 1500 bis 2000 russische und galizische Juden niedergelassen. Bei weitem der größte Teil der aus Rußland Flüchtigen und aus Preußen und den anderen deutschen Staaten Ausgewiesenen sucht Zuflucht in Offenbach a. M.. Die hochherzige hessische Regierung verschließt dem herumirrenden Pilger nichtdie Grenzen ihres Landes, auch dann nicht, wenn dieser ein russischer Jude ist. Sie steht ganz auf der Höhe der Humanität. Was aber Offenbach vor den anderen hessischen Städten eine besondere Anziehungskraft verleiht, das ist die Nähe Frankfurts. Nur die Fabrikarbeiter, etwa 600, suchen Offenbach um seiner selbst willen aus. Die andern bevorzugen Offenbach nur als Nachbarstadt Frankfurts. Viele haben in Frankfurt gewohnt und sind dort ausgewiesen worden, die andern würden in Frankfurt wohnen, wenn sie nicht wüßten, daß sie dort ausgewiesen werden. — Aus Frankfurt werden aber nur die armen, unterstützungsbedürftigen Leute aus-